Patrick Harr
Fraktionsgeschäftsführer und Pressesprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, laut CORRECTIV früheres HDJ-Mitglied.

Über die Quelle
Patrick Harr ist Fraktionsgeschäftsführer und Pressesprecher der Landtagsfraktion der AfD Sachsen-Anhalt. In dieser Doppelrolle beantwortet er Presseanfragen an die Fraktion und entscheidet nach Darstellung von CORRECTIV mit, welche Dienstleister Aufträge der Fraktion bekommen. CORRECTIV beschreibt ihn als "Macher in der AfD-Fraktion". CORRECTIV: Marschieren, inszenieren, kassieren: Identitäre filmen für Ulrich Siegmund (AfD) (17. August 2026)
Öffentlich bekannt ist Harr vor allem durch seine Vorgeschichte. CORRECTIV berichtete im Juni 2026 und erneut im August 2026, er habe früher der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) angehört, und nannte ihn dabei jeweils mit vollem Namen. Die Recherche stützt sich auf eigene Quellen; ein Dokument dazu veröffentlichte CORRECTIV nicht. CORRECTIV: Vorne freundlich, hinten völkisch: Was Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt plant (30. Juni 2026) Bereits im Mai 2024 hatte das Dessauer Projekt GegenPart unter Verweis auf einen Bericht der Mitteldeutschen Zeitung geschrieben, der "aus Roßlau stammende AfD-Fraktionsgeschäftsführer Patrick Harr" sei "Funktionär der HDJ" gewesen. Der zugrunde liegende Zeitungsartikel selbst ist online nicht frei zugänglich. Projekt GegenPart: Berichterstattung über Neonazikader bei der AfD (8. Mai 2024)
Harr hat den Vorwurf nach den vorliegenden Berichten weder bestätigt noch bestritten. Auf CORRECTIV-Fragen zu seiner eigenen Person antwortete er, Personalentscheidungen seien nach "Können und fachlicher Eignung und vor allem auch nach Vertrauen" getroffen worden. Ob er das Filmkunstkollektiv-Gründungsmitglied Dirk Nahrath aus der HDJ kennt, kommentierte er gegenüber CORRECTIV nicht. CORRECTIV: Marschieren, inszenieren, kassieren: Identitäre filmen für Ulrich Siegmund (AfD) (17. August 2026)
Bemerkenswert ist die Sache auch parteiintern: Die HDJ steht namentlich auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD vom 18. Dezember 2023, ebenso ihre Vorläuferorganisation Wiking-Jugend. Eine frühere Mitgliedschaft schließt danach die Aufnahme in die Partei aus. Für eine Anstellung bei einer Fraktion gilt die Liste nicht. AfD: Unvereinbarkeitsliste Mitgliedschaft, Stand 18. Dezember 2023 (PDF)
Die HDJ war eine 2000 gegründete neonazistische Jugendorganisation in der Tradition der 1994 verbotenen Wiking-Jugend. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verbot sie am 31. März 2009. Bundeszentrale für politische Bildung: Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte das Verbot am 1. September 2010 und stellte fest, der Verein propagiere "eine Vorbildfunktion des Nationalsozialismus" und weise "eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus, insbesondere mit der früheren Hitlerjugend" auf. Bundesverwaltungsgericht: Verbot des Vereins Heimattreue Deutsche Jugend ist rechtmäßig, Urteil vom 1. September 2010 (Az. BVerwG 6 A 4.09)
Was nicht belegt ist
Getrennt davon steht ein älterer Vorgang, der immer wieder mit Harr in Verbindung gebracht wird, obwohl keine Redaktion diese Verbindung selbst hergestellt hat. Die Zeit berichtete im Dezember 2017 über den damaligen persönlichen Referenten des AfD-Landeschefs André Poggenburg, den sie ausschließlich anonymisiert "Patrick H." nannte. Ein Tagungsprotokoll der HDJ-Führung belege, dass dieser im Herbst 2002 bei einem Bundesjugendtag zum Mitarbeiter der Bundesführung gewählt worden sei, laut Protokoll zum "Leiter der Abteilung Beschaffung". Poggenburg sagte damals, er habe von der Vorgeschichte gewusst und sehe darin kein Problem; "Patrick H." selbst wollte sich nicht äußern. Zeit Online: AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt beschäftigt früheren HDJ-Funktionär (Dezember 2017)
Ob "Patrick H." und Patrick Harr dieselbe Person sind, geht weder aus dem Bericht der Zeit noch aus den Recherchen von CORRECTIV hervor. Keine der beiden Redaktionen stellt diese Verbindung her. Die Angaben der Zeit zur konkreten Funktion in der HDJ-Bundesführung sind deshalb keine belegten Aussagen über Patrick Harr und dürfen ihm nicht zugeschrieben werden.
Links
- CORRECTIV: Marschieren, inszenieren, kassieren: Identitäre filmen für Ulrich Siegmund (AfD) (17. August 2026)
- CORRECTIV: Vorne freundlich, hinten völkisch: Was Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt plant (30. Juni 2026)
- Projekt GegenPart: Berichterstattung über Neonazikader bei der AfD (8. Mai 2024)
- Bundeszentrale für politische Bildung: Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ)
Faktenfackel Bewertung
Harr ist als Pressesprecher der Fraktion eine Primärquelle für deren offizielle Position, nicht mehr. Was er mitteilt, ist Parteikommunikation eines Landesverbands, den die Verfassungsschutzbehörde Sachsen-Anhalt im Oktober 2023 mit allen Neben- und Unterorganisationen als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft hat, und muss entsprechend gegengeprüft werden. Ministerium für Inneres und Sport Sachsen-Anhalt: Verfassungsschutzbericht 2025 (PDF)
Bei der HDJ-Zuschreibung ist die Belegstufe wichtig. Sie ist berichtet, nicht amtlich oder gerichtlich festgestellt: CORRECTIV nennt Harr in zwei Veröffentlichungen unterschiedlicher Autorenteams namentlich, und eine regionale Berichterstattung von 2024 geht in dieselbe Richtung. Ein öffentlich einsehbares Dokument liegt nicht vor, ein Dementi allerdings auch nicht. Der ältere Vorgang um "Patrick H." ist davon strikt zu trennen, weil ihn keine der beiden Redaktionen mit Harr verknüpft.
Fazit
Zu Harr gehören zwei Aussagen, die nicht vermischt werden dürfen: Seine Funktion in der AfD-Fraktion ist unstrittig, seine frühere HDJ-Mitgliedschaft ist von CORRECTIV berichtet und unwidersprochen, aber nicht durch ein offenes Dokument belegt. Alles, was über "Patrick H." aus dem Zeit-Bericht von 2017 bekannt ist, bleibt eine Aussage über eine anonymisierte Person.