Die Behauptung
Am 6. Oktober 2026 meldete das rechte Portal Journalistenwatch, ein Schreiben der Ärztekammer Nordrhein vom 7. September 2021 sei "bekanntgeworden". Daraus gehe "unmissverständlich hervor", dass man damals schon über "lebensgefährliche Nebenwirkungen" der Corona-Impfung Bescheid gewusst habe. Das Schreiben berichtet, in Oberhausen habe es "nach Durchführung von 90 Auffrischungsimpfungen in einem ASB-Haus zahlreiche schwere Komplikationen, davon ein Todesfall und zwei Reanimationen gegeben". Neun Geimpfte seien "heftig erkrankt". Journalistenwatch folgert, es sei "wider besseres Wissen" weitergeimpft worden, und nennt die Verantwortlichen im Titel "Impfverbrecher". (Journalistenwatch, 6. Oktober 2026)
Die Meldung ist fünf Jahre alt. Sie ging schon im September 2021 mit einem solchen Ärzteschreiben durch Telegram und Facebook, CORRECTIV prüfte sie damals. Im März 2026 verbreitete ein X-Nutzer das Schreiben erneut, sein Beitrag bekam nach Angaben von CORRECTIV mehrere tausend Likes. Auf diesen Beitrag verweist jetzt auch Journalistenwatch.
Was in Oberhausen passiert ist
Die genaueste Darstellung stammt vom Krisenstab der Stadt Oberhausen. Nach seiner Stellungnahme wurden am 1. September 2021 im ASB-Seniorenzentrum Oberhausen-Holten rund 90 Auffrischungsimpfungen mit dem Impfstoff von Biontech und Pfizer verabreicht. Am 4. September traten nach Angaben des Einrichtungsleiters bei neun Geimpften auffällige gesundheitliche Störungen auf, vor allem am Herz-Kreislauf-System, an den Atemwegen und neurologisch. Zwei von ihnen mussten reanimiert werden. Beide kamen zunächst auf die Intensivstation und lagen zum Zeitpunkt der Stellungnahme wieder auf Normalstationen, es ging ihnen besser.
Den Todesfall gab es. Mit der Impfung hatte er nach Angaben der Stadt nichts zu tun:
Entgegen anderslautender Berichterstattung gab es keinen Todesfall in Zusammenhang mit der Impfung. Die Person, die leider verstorben ist, war palliativ und wurde vorher nicht geimpft.
Die Zeile "ein Todesfall" im Schreiben war also in der Sache falsch. CORRECTIV bewertete das damals kursierende Schreiben so: Es sei authentisch, enthalte aber eine falsche Information.
Neun Erkrankte sind ein Verdacht, kein Nachweis
Die neun Erkrankungen sind real, und die Behörden haben sie ernst genommen. Der Leiter des Gesundheitsamts kam laut Stellungnahme zu dem Schluss, die Ursache lasse sich "zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend" deuten. Das Amt wertete die Vorfälle als "relevante gesundheitliche Ereignisse", bei denen "nicht sicher unterschieden werden kann, ob und wenn ja, bei welchen Personen ein kausaler Zusammenhang" mit der Impfung bestehe. Die Fälle wurden als Verdacht auf eine Impfnebenwirkung an das Paul-Ehrlich-Institut gemeldet, wie apotheke adhoc am 10. September 2021 berichtete.
Derselbe Bericht zitiert die Stadt mit zwei Angaben, die in der Empörung untergehen. Die Zwischenfälle traten "ausschließlich in einer Wohngruppe mit dementiell erkrankten Personen" auf, und es handelte sich um mehrfach vorerkrankte ältere Menschen. Die beiden Reanimierten waren nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein vorerkrankt, schreibt CORRECTIV.
Für eine Häufung durch den Impfstoff spricht auch der Vergleich nicht. Die Kassenärztliche Vereinigung meldete laut CORRECTIV, bei 11.441 Auffrischungsimpfungen in ihrem Gebiet bis zum 7. September 2021 seien "in keinem Fall vergleichbare Impfreaktionen wie in der Oberhausener Pflegeeinrichtung bekannt geworden".
Ob einzelne der neun Erkrankungen am Ende doch mit der Impfung zusammenhingen, ist öffentlich nicht geklärt. Stadt und Kassenärztliche Vereinigung teilten CORRECTIV auf Nachfrage im März 2026 nichts Abweichendes mit. Das Paul-Ehrlich-Institut äußert sich zu einzelnen Verdachtsmeldungen aus Datenschutzgründen nicht. Belegt ist also nur ein zeitlicher Zusammenhang in einer Wohngruppe, der ursächliche bleibt offen.
Wer das Schreiben verfasst hat
Journalistenwatch nennt es ein "Rundschreiben der Ärztekammer Nordrhein". Laut CORRECTIV stammt es nicht von der Kammer selbst. Verfasst haben es zwei Vorsitzende der Kreisstellen Mönchengladbach, die zur Kassenärztlichen Vereinigung und zur Ärztekammer Nordrhein gehören, und es ging an Ärzte in Mönchengladbach. Für die Bewertung ist das ein Nebenpunkt: Auch ein Schreiben der Kammer selbst würde nichts beweisen, wenn seine zentrale Angabe nicht stimmt.
"Ohne Zulassung, ohne Empfehlung"
Journalistenwatch zitiert aus dem Schreiben, es gebe für Auffrischungen "weder eine arzneimittelrechtliche Zulassung durch die EMA noch eine STIKO Empfehlung". Als Beschreibung des Stands von Anfang September 2021 stimmt das. Die EU-Arzneimittelbehörde sprach ihre Empfehlung für Auffrischungen am 4. Oktober 2021 aus, die STIKO empfahl sie am 7. Oktober 2021 für Menschen ab 70 Jahren und Bewohner von Pflegeheimen.
Ein Eingeständnis steckt darin nicht. Als das Schreiben entstand, galt eine Empfehlung der Gesundheitsministerkonferenz: Auffrischungen nach ärztlichem Ermessen und frühestens sechs Monate nach der Grundimmunisierung. Diese Empfehlung bekräftigt das Schreiben an seinem Ende, so CORRECTIV. Die beiden Ärzte baten ihre Kollegen, selbst abzuwägen, ob sie auf die STIKO warten wollen. Das ist eine Bitte um Vorsicht nach einem ungeklärten Vorfall. Ein Beleg dafür, dass jemand von einer tödlichen Gefahr wusste und sie verschwieg, ist es nicht. Der Vorfall wurde dem zuständigen Bundesinstitut gemeldet, die Stadt informierte öffentlich, und das Fachportal apotheke adhoc berichtete binnen Tagen.
Was an der Sorge berechtigt ist
Impfstoffe haben Nebenwirkungen, auch schwere. Bei den mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 sind sehr seltene Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen und allergische Schockreaktionen bekannt, sie stehen in den Produktinformationen, wie CORRECTIV unter Verweis auf das Paul-Ehrlich-Institut zusammenfasst. Wer nach einer Impfung erkrankt, soll das melden können, und ein Gesundheitsamt soll einem Vorfall wie dem in Oberhausen nachgehen. Genau das ist 2021 geschehen.
Als Beleg für ein Verschweigen taugt der Oberhausener Fall deshalb nicht: Ein auffälliges Ereignis wurde bemerkt, gemeldet und öffentlich gemacht.
Fazit
Die Behauptung ist falsch. Das Schreiben vom September 2021 ist echt, aber seine wichtigste Angabe stimmt nicht: Die verstorbene Person war nach Angaben der Stadt Oberhausen palliativ und nicht geimpft. Neun Geimpfte erkrankten, zwei mussten reanimiert werden, beiden ging es nach Angaben der Stadt danach wieder besser. Ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung ist für keinen dieser Fälle nachgewiesen und öffentlich auch nicht abschließend geklärt, bei mehr als 11.000 Auffrischungen in der Region wurde nichts Vergleichbares bekannt. Dass es Anfang September 2021 noch keine Empfehlung von EMA und STIKO gab, trifft zu, belegt aber kein verschwiegenes Wissen.