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Belegen die RKI-Protokolle eine erfundene Pandemie?

Ein Aushang behauptet, die Krisenstabsprotokolle des Robert Koch-Instituts bewiesen, dass es keine echte Coronapandemie gab und die meisten positiven Tests falsch waren. Wir haben die Stellen im Original nachgelesen.

Falsch
Inhalt

Die Behauptung

Auf einem Aushang, den Mimikama am 27. Oktober 2026 geprüft hat, steht, die Protokolle des RKI-Krisenstabs belegten dreierlei: Es habe keine echte Coronapandemie gegeben, die meisten positiven Coronatests seien falsch gewesen, und die Bevölkerung sei weltweit belogen worden. Wer den Zettel aufgehängt hat und wo, ist nicht bekannt. Seitenzahlen aus den Protokollen nennt er laut Mimikama nicht. (Mimikama, 27. Oktober 2026)

Die Erzählung ist älter als der Aushang. Im März 2024 veröffentlichte das Online-Magazin Multipolar die Protokolle bis April 2021 in einer geschwärzten Fassung. Seitdem kursieren sie als "RKI-Files", meist in Form einzelner Sätze ohne Zusammenhang. Für diesen Faktencheck haben wir die Stellen gelesen, die in der Debatte am häufigsten herangezogen werden, im Original des Robert Koch-Instituts.

Was die Protokolle sind

Das RKI hat die Protokolle 2024 in zwei Teilen weitgehend ungeschwärzt veröffentlicht. Teil 1 umfasst Januar 2020 bis April 2021 und trägt den Stand 30. Mai 2024, Teil 2 reicht bis zum Ende der Sitzungen im Juli 2023. Geschwärzt sind nur noch personenbezogene Daten, in Teil 1 außerdem Geschäftsgeheimnisse Dritter.

Es sind interne Arbeitsprotokolle, keine Wortprotokolle. Meist stehen dort Stichpunkte, wer was berichtet hat und was zu tun ist. Das RKI schreibt im Vorwort, einzelne Äußerungen stellten "nicht zwangsläufig eine abgestimmte Position des RKI" dar und seien ohne Kenntnis der Zusammenhänge nicht immer verständlich. Man kann darin eine Absicherung der Behörde sehen, die Beschreibung trifft aber zu: Wer die Seiten liest, findet Diskussionen, offene Fragen und Aufgabenlisten.

Die Pandemie war real

Ob es eine Pandemie gab, zeigt am deutlichsten die Zahl der Toten. Gezählt hat sie eine andere Behörde als das RKI: Das Statistische Bundesamt meldete laut einer Pressemitteilung vom 9. Dezember 2021 für 2020 rund 985.600 Sterbefälle in Deutschland, 46.000 mehr als im Vorjahr. Die Alterung der Bevölkerung hätte nach Angaben des Amts nur etwa 20.000 zusätzliche Fälle erklärt. Laut Todesursachenstatistik starben 2020 39.758 Menschen an Covid-19 als Grundleiden, weitere 8.102 hatten Covid-19 als Begleiterkrankung, zusammen 47.860. Zwischen März 2020 und Februar 2021 starben knapp 71.000 Menschen mehr als in den zwölf Monaten davor.

Weltweit schätzt die Weltgesundheitsorganisation die Zahl der zusätzlichen Todesfälle in den Jahren 2020 und 2021 auf rund 14,9 Millionen, bei einer Spanne von 13,3 bis 16,6 Millionen. Eine Übersterblichkeit in dieser Größenordnung lässt sich nicht erfinden, auch nicht von einer Behörde, die nur einen Teil der Zahlen liefert.

Die falsch-positiven Tests

Zwei Stellen werden regelmäßig als Beleg dafür angeführt, dass die meisten Tests falsch gewesen seien.

Die erste stammt aus der Sitzung vom 29. April 2020 (Teil 1, PDF-Seiten 753 und 754). Unter der Überschrift "Rel. hoher Anteil falsch positiver PCR-Ergebnisse" heißt es, eine Zwischenauswertung von INSTAND zeige einen "relativ hohen Anteil von falsch-positiven Ergebnissen". INSTAND organisiert Ringversuche, bei denen Labore vorbereitete Proben untersuchen und so ihre Genauigkeit prüfen. Der nächste Halbsatz lautet, man könne "aufgrund dieses Wertes keine Hochrechnungen machen" und müsse den Abschluss des Ringversuchs abwarten. Danach folgt der Hinweis, dass alle Tests falsch-positive Ergebnisse zeigen und bei symptomfreien Menschen im Screening ein Bestätigungstest zu erwägen sei. Das ist eine Debatte über Laborqualität, wie sie bei jedem Test geführt wird. Eine Aussage über den Anteil falscher Ergebnisse unter allen Tests in Deutschland steht dort nicht.

Die zweite Stelle findet sich im Protokoll vom 10. März 2021 (Teil 1, PDF-Seiten 2308 und 2309). Wörtlich heißt es dort "Sehr viele der Positiven sind falsch Positiv". Der Satz gehört aber zur Überschrift "Häufig genannte Einwände" in einer Präsentation zur Kommunikation zum Thema Testen. In derselben Zeile folgt die Antwort: "ja, aber die meisten sind richtig negativ". Der Krisenstab räumte also ein, dass beim breiten Testen ein großer Teil der positiven Ergebnisse falsch sein kann, und hielt dagegen, dass die große Mehrheit aller Ergebnisse korrekt negativ ausfällt. Eine Feststellung, die meisten positiven Befunde in Deutschland seien falsch gewesen, ist das nicht.

Der wahre Kern: Testet man viele Menschen ohne Symptome, während nur wenige infiziert sind, ist ein größerer Teil der positiven Ergebnisse falsch. Das gilt für jeden Test, und deshalb hielt schon das Protokoll vom 29. April 2020 fest, bei symptomfreien Menschen im Screening sei ein weiterer Test zur Bestätigung zu erwägen. Daraus wird aber nicht, dass die meisten positiven Befunde insgesamt falsch waren, und erst recht nicht, dass es die Krankheit nicht gab.

"Es soll diese Woche hochskaliert werden"

Der Satz, auf den sich die "RKI-Files"-Erzählung am stärksten stützt, steht im Protokoll vom 16. März 2020 (Teil 1, PDF-Seite 370). Am Wochenende sei eine neue Risikobewertung vorbereitet worden: "Es soll diese Woche hochskaliert werden. Die Risikobewertung wird veröffentlicht, sobald Herr Schaade ein Signal dafür gibt."

In der Fassung, die Multipolar 2024 veröffentlichte, war der Name geschwärzt. Das Magazin schloss daraus, die Verschärfung habe nicht auf einer fachlichen Einschätzung beruht, sondern auf der politischen Anweisung eines externen Akteurs. Seit der ungeschwärzten Veröffentlichung vom 30. Mai 2024 ist klar, wer gemeint war: Lars Schaade, damals Vizepräsident des RKI und später dessen Präsident, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtete, das auch Multipolars Deutung wiedergibt. Unter der Schwärzung stand also ein RKI-Mann, kein Politiker. Den Tagesordnungspunkt hatte laut Protokoll der Vizepräsident selbst eingebracht.

Am nächsten Tag, dem 17. März 2020, stufte das RKI das Risiko für die Bevölkerung von "mäßig" auf "hoch". Präsident Lothar Wieler begründete das laut Ärzteblatt mit der Dynamik der Fallzahlen, bis zum 16. März waren 5.433 Infektionen und 12 Todesfälle gemeldet. Dieselbe Zahl von 12 Todesfällen steht auch im Protokoll vom 16. März.

Wer Wieler und Schaade vor dieser Entscheidung beraten oder gedrängt hat, geht aus den Protokollen nicht hervor. Das lässt Raum für Fragen. Ein Beleg dafür, dass die Gefahr erfunden war, ist die Hochstufung trotzdem nicht. Wie real sie war, zeigt die Übersterblichkeit der folgenden zwölf Monate.

Was die Protokolle tatsächlich zeigen

Die Protokolle enthalten Stellen, die für das RKI und die Politik unbequem sind. Zwei davon:

Am 10. September 2021 (Teil 2, PDF-Seite 437) hält der Krisenstab fest, dass vor der Veröffentlichung eines Papiers zur Kontaktnachverfolgung eine "ministerielle Weisung zur Ergänzung" kam. Das Gesundheitsministerium wollte, dass sich Kontaktpersonen schon nach fünf Tagen mit einem Antigentest freitesten können. Das RKI fügte eine serielle Testung danach hinzu, "damit das Sicherheitsniveau erreicht wird". Eine solche Einflussnahme sei "ungewöhnlich", die wissenschaftliche Unabhängigkeit des RKI von der Politik "insofern eingeschränkt".

Am 5. November 2021 (Teil 2, PDF-Seiten 580 und 581) heißt es zum Schlagwort "Pandemie der Ungeimpften", das sei "aus fachlicher Sicht nicht korrekt", weil die Gesamtbevölkerung zum Infektionsgeschehen beitrage.

Das ist berechtigter Stoff für die Aufarbeitung der Pandemie: Ein Ministerium griff in eine Fachempfehlung ein, und Politiker benutzten eine Formel, die das RKI intern für falsch hielt. Beides zeigt allerdings eine Behörde, die Vorgaben fachlich nachbesserte und Formulierungen kritisierte. Die Lüge, auf die der Aushang hinauswill, nämlich dass eine Krankheit ohne Opfer erfunden wurde, findet sich nirgends in den Protokollen.

Volksverpetzer hatte schon Ende März 2024, kurz nach der ersten, geschwärzten Veröffentlichung, festgestellt, es stehe darin kaum Neues oder Skandalöses. Mimikama hält die Behauptungen des Aushangs jetzt ebenfalls für falsch und verweist wie wir auf die belegten politischen Eingriffe.

Fazit

Die Behauptung ist falsch. Die RKI-Protokolle belegen keine erfundene Pandemie: Allein in Deutschland starben 2020 rund 46.000 Menschen mehr als im Vorjahr, deutlich mehr, als die Alterung der Bevölkerung erklärt. Das Statistische Bundesamt hat das unabhängig vom RKI gezählt. Die Stellen zu falsch-positiven Tests betreffen einen Ringversuch zur Laborqualität und einen Einwand zu Tests, den der Krisenstab nur einschränkend einräumte: viele falsch-positive, aber überwiegend richtig negative Ergebnisse. Der Name hinter dem geschwärzten "Signal" zur Hochstufung im März 2020 gehörte dem RKI-Vizepräsidenten selbst. Belegt sind ein Eingriff des Gesundheitsministeriums in ein RKI-Papier und interne Kritik an politischen Schlagworten, eine weltweite Täuschung dagegen nicht.