Ein Dammbruch-Argument (englisch slippery slope) leitet aus einem ersten, für sich genommen harmlosen Schritt eine Kette immer schwerwiegenderer Folgen ab und lehnt den ersten Schritt deshalb ab. Fehlerhaft wird es dort, wo die Kette nur behauptet und nicht begründet wird. Jedes einzelne Glied bräuchte einen eigenen Beleg, und meist gibt es für keines einen.
Merkmale
- Eine Reihe von Schritten, verbunden mit "dann", "irgendwann", "am Ende".
- Die Wahrscheinlichkeiten werden nie genannt. Dass etwas möglich ist, wird als sicher behandelt.
- Der letzte Schritt ist drastisch und liefert die eigentliche emotionale Wirkung.
- Bestehende Bremsen bleiben unerwähnt: Gerichte, Mehrheiten, Verfassungsrecht, Widerspruch, Wahlen.
- Der erste Schritt wird dadurch angreifbar, ohne dass über ihn geredet wird.
Beispiele
"Wenn wir jetzt Tempo 130 einführen, kommt als Nächstes Tempo 100, dann das Verbot von Verbrennern, und am Ende darf man gar nicht mehr fahren."
Vier Behauptungen, keine davon belegt. Sie leben allein davon, dass die Kette plausibel klingt.
Ein zweites Muster aus Grundrechtsdebatten: "Wenn man diese eine Äußerung einschränkt, ist die Meinungsfreiheit bald ganz weg." Auch hier fehlt jeder Beleg dafür, dass zwischen erstem und letztem Glied kein Gericht, kein Gesetzgeber und keine Öffentlichkeit steht.
Wann es kein Fehlschluss ist
Nicht jede Folgenkette ist unzulässig. Wenn jedes Glied belegt oder wenigstens plausibel begründet ist, handelt es sich um eine ganz normale Risikoabwägung. Präzedenzfälle im Recht funktionieren tatsächlich so, und wer davor warnt, argumentiert nicht automatisch fehlerhaft.
Der Unterschied liegt in der Begründung der Übergänge. "Das führt zu X, weil die Regelung Y ausdrücklich vorsieht" ist ein Argument. "Das führt zu X, weil es immer so kommt" ist keines.
Wozu es eingesetzt wird
- Um eine Maßnahme abzulehnen, gegen die sich sachlich wenig sagen lässt. Bekämpft wird nicht der Vorschlag, sondern seine erfundene Fortsetzung.
- Um Angst zu erzeugen. Furcht vor dem Endzustand überträgt sich auf den ersten Schritt.
- Um jede kleine Änderung zur Grundsatzfrage zu machen und damit Aushandlung unmöglich.
Was dagegen hilft
Nach der Verbindung zwischen den Gliedern fragen, nicht das Ergebnis bestreiten: "Wieso folgt aus dem zweiten Schritt der dritte? Wer sollte das beschließen, und was hält ihn davon ab?"
Damit verlagert sich die Beweislast dorthin, wo sie hingehört. Wer stattdessen den Endzustand für unrealistisch erklärt, diskutiert über eine Zukunft, die niemand belegen kann, und verliert dabei den eigentlichen Punkt.
Hilfreich sind auch Präzedenzfälle: Ähnliche erste Schritte, die es schon gab und die nicht zum vorhergesagten Ende geführt haben.