Eine Karte von Deutschland, übersät mit Punkten. Jeder Punkt ein Messerangriff, jeder mit Datum, Ort und Kurzbeschreibung, täglich aktualisiert. Wer messerinzidenz.de zum ersten Mal sieht, bekommt einen Eindruck von Dichte, den keine Jahreszahl vermittelt.
Genau das ist der Punkt, an dem man aufpassen muss. Nicht weil die Seite falsche Daten hätte. Sondern weil sie etwas anderes zeigt, als die meisten Leute in ihr sehen.
Was die Seite tut
Betrieben wird messerinzidenz.de von Andreas Ziegler aus Frankfurt am Main. Ein Impressum gibt es, einen Namen, eine Adresse. Das ist erwähnenswert, weil viele vergleichbare Projekte anonym laufen.
Dahinter steckt keine komplizierte Mechanik. Ein Skript durchsucht presseportal.de und fünf Landesportale nach rund dreißig Stichworten, von "Messerangriff" über "Stichverletzung" bis "Machete" und "Samuraischwert". Passt eine Meldung, landet sie als Punkt auf der Karte und im Nachrichtenticker. Ausgeschlossen werden Sachbeschädigung, Zufallsfunde bei Kontrollen und erkennbare Nachmeldungen. Wer will, kann die Rohdaten als CSV, GeoJSON oder RSS abrufen.
Von einer heimlichen Kampagne kann also keine Rede sein; das Verfahren liegt offen. Am bemerkenswertesten ist ohnehin, was die Seite über sich selbst schreibt.
Die Seite benennt ihre Schwächen. Alle vier.
Auf der Datenseite steht eine Kette von der Tat bis zum Kartenpunkt, und an vier Stellen ist vermerkt, wo Fälle herausfallen:
Dazu kommt der umgekehrte Fehler: Dieselbe Tat kann doppelt gezählt werden, wenn mehrere Behörden sie melden. Auch das steht dort.
Und dann der Satz, an dem die halbe Debatte hängt. Die Zahlen der Seite, schreibt sie selbst, "können nicht mit anderen Statistiken wie z.B. der PKS (Polizeiliche Kriminalstatistik) verglichen werden". Sie beschreibt sich als "wertungsfreier Indikator" und hält fest, die Einordnung, ob eine Zahl bedenklich sei, müsse von Journalisten und Politikern kommen.
So viel methodische Ehrlichkeit bringen die wenigsten Zeitungsartikel über Messergewalt auf.
Drei Dinge, die diese Daten nicht können
Und trotzdem taugen sie für fast nichts von dem, wofür sie benutzt werden.
Kein historischer Vergleich. Der Datenbestand beginnt Mitte Juli 2024. Wer aus dieser Datenbank ableiten will, dass Messerangriffe zugenommen haben, vergleicht mit nichts. Das deckt sich mit dem Befund aus dem ersten Teil dieser Serie: Auch die amtliche Statistik liefert erst ab 2024 bundesweite Gesamtzahlen. Für die Behauptung, früher sei das anders gewesen, gibt es auf keiner Seite Zahlen.
Keine Aussage über Herkunft. Die Datenbank kennt ein Feld für eine Kurzbeschreibung der Tatverdächtigen, und die Seite schreibt ausdrücklich dazu, es habe "kein standardisiertes Format". Es ist Freitext aus Polizeimeldungen, die manchmal eine Nationalität nennen und meist nicht. Eine Auswertung nach Staatsangehörigkeit ist damit nicht möglich, auch nicht näherungsweise: Was ausgewertet würde, wäre die Formulierungspraxis der Pressestellen, nicht die Herkunft der Tatverdächtigen.
Kein Vergleich mit der Kriminalstatistik. Die Seite zählt Meldungen, die PKS zählt Straftaten. Eine Meldung kann mehrere Taten enthalten, eine Tat in mehreren Meldungen auftauchen, und die überwiegende Mehrheit aller Fälle erreicht nie eine Pressemitteilung.
Was daraus wird
In der Weiterverwendung verschwinden diese Einschränkungen. Übrig bleibt die Karte, und aus der Karte wird ein Argument.
Das Muster ist immer dasselbe: Eine Zahl, die als Untergrenze mit unbekannter Lücke gedacht war, wird als Messgröße behandelt. Ein Bestand von etwas mehr als einem Jahr wird zur Entwicklung. Ein Freitextfeld ohne Standard wird zur Herkunftsstatistik. Und ein "wertungsfreier Indikator" wird zum Beleg für eine These, die sein Betreiber ausdrücklich nicht mitliefert.
Man muss dafür nichts fälschen. Es reicht, die Erklärseite nicht zu lesen.
Warum eine Karte anders wirkt als eine Zahl
Bleibt die Frage, warum diese Darstellungsform so gut funktioniert.
"29.243 Fälle im Jahr 2025" ist eine Zahl, mit der niemand ein Gefühl verbindet. Sechs Punkte, die heute auf einer Karte aufgetaucht sind, sind sechs Ereignisse, jedes mit Ort und Uhrzeit. Der eine Wert ist größer, der andere fühlt sich größer an.
Dazu kommt die Aktualität. Eine Jahresstatistik erscheint einmal und ist bei Erscheinen schon Monate alt. Ein Ticker läuft weiter, während man ihn ansieht. Das erzeugt den Eindruck einer Lage, die sich gerade zuspitzt, auch wenn die zugrundeliegende Zahl über zwei Jahre praktisch unverändert ist.
Nichts davon ist dem Portal vorzuwerfen. Ein Lagebild auf einem großen Monitor ist genau das, als was es angeboten wird. Der Fehler passiert eine Stufe später, bei denen, die es weiterreichen.
Was man mit diesen Daten machen kann
Als Hinweisgeber ist die Datenbank brauchbar: Sie zeigt, worüber Polizeipressestellen berichten, und macht Einzelfälle auffindbar, die sonst in Lokalmeldungen untergehen. Für Recherchen ist das nützlich.
Als Beleg für eine Entwicklung, für einen Vergleich mit der Kriminalstatistik oder für eine Aussage über die Herkunft von Tatverdächtigen taugt sie nicht. Das ist keine Kritik an der Seite. Es steht dort.