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Die Parole vom täglichen Abstechen

"Täglich werden Deutsche von Ausländern abgestochen." Der Satz steht so oder ähnlich unter jedem größeren Polizeibericht. Er ist kompakt, er klingt nach Zahlen, und er macht drei Angaben auf einmal: eine Häufigkeit, eine Opfergruppe und eine Tätergruppe.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik erhebt zwei dieser drei Angaben für Messerangriffe gar nicht. Und die dritte sieht anders aus, als der Satz nahelegt.

Vorweg, damit kein Missverständnis entsteht: Dieser Text bestreitet nicht, dass es Messergewalt gibt, und er erklärt auch nicht weg, was die Daten hergeben. Er trennt, was belegt ist, von dem, was behauptet wird.

Die Häufigkeit

2025 erfasste die Polizei bundesweit 994 Fälle von Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, bei denen ein Messer im Spiel war. Das klingt nach fast drei pro Tag. In dieser Zahl stecken allerdings 194 vollendete Taten und 800 Versuche.

194 Getötete im Jahr sind rechnerisch einer alle knapp zwei Tage. Das ist eine erschütternde Zahl für die betroffenen Familien, und sie ist trotzdem etwas anderes als "täglich".

Bei den übrigen 28.249 Fällen geht es überwiegend nicht um Stiche. Wie im ersten Teil dieser Serie beschrieben, sind 13.748 der insgesamt 29.243 Fälle Bedrohungen, bei denen niemand verletzt wurde. "Abstechen" beschreibt also nicht einmal die Hälfte dessen, was in der Zahl steckt.

Die Opfergruppe

Hier wird es kurz, weil es nichts zu berichten gibt: Die Staatsangehörigkeit der Opfer wird für Messerangriffe nicht ausgewiesen. Es gibt keine Statistik, aus der hervorginge, wie viele der Betroffenen Deutsche waren.

Der Satz behauptet also etwas über eine Gruppe, über die keine Zahlen vorliegen. Weder in die eine noch in die andere Richtung: Wir können nicht sagen, dass überwiegend Deutsche betroffen sind, und wir können es auch nicht widerlegen.

Die Tätergruppe

Der dritte Teil ist der einzige, zu dem es überhaupt Daten gibt, und auch der nur teilweise.

Bundesweit gibt es keine Zahl. Die PKS weist für das Phänomen Messerangriff keine Tatverdächtigenmerkmale aus. Der Grund ist technisch: In einem erfassten Fall können mehrere Tatverdächtige stecken, darunter unbewaffnete, sodass sich Waffe und Person nicht sauber zuordnen lassen. Für 2025 wurde ein Merkmal zur Art der Waffenverwendung neu eingeführt, dessen Daten das BKA aber selbst noch für nicht valide erklärt.

Ein Teil der Länder erhebt die Zahlen, und sie zeigen einen realen Unterschied. Nach einer Zusammenstellung des Mediendienstes Integration erfassen zwölf der sechzehn Bundesländer die Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen bei Messerkriminalität, teils nur auf Anfrage. Nicht dabei sind Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland; die Zählung stammt von uns und beruht auf der Quellenliste des Mediendienstes. In allen zwölf liegt der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger über dem Ausländeranteil der Bevölkerung. In Baden-Württemberg etwa waren 2025 von 2.829 Tatverdächtigen 1.649 nichtdeutsch, also 58,3 Prozent.

Genau daran scheitert auch der Umweg über die Addition: Weil vier Länder die Angabe gar nicht erheben, lässt sich aus den vorhandenen Landeszahlen kein Bundeswert zusammenrechnen. Wer trotzdem einen nennt, hat ihn geschätzt.

Dieser Befund ist da, und er verschwindet nicht dadurch, dass man ihn ungern liest.

Was der Befund heißt und was nicht

Ein überproportionaler Anteil in einer Tatverdächtigenstatistik ist ein Ausgangspunkt für Fragen, keine Antwort. Wer aus ihm eine Aussage über Herkunft macht, überspringt mehrere Schritte, die sich einzeln prüfen lassen.

Die Verzerrungsfaktoren sind bekannt und in unserem Glossareintrag zur Tatverdächtigenbelastungszahl aufgeschlüsselt: Die ausländische Bevölkerung ist im Schnitt jünger und männlicher, lebt häufiger in Ballungsräumen, und die Statistik zählt Tatverdächtige, nicht Verurteilte. Wie stark ein zunächst dramatisch wirkender Unterschied schrumpft, sobald man diese Faktoren berücksichtigt, haben wir am PKS-Framing von Innenminister Dobrindt durchgerechnet.

Ein Restunterschied bleibt auch nach dieser Korrektur bestehen. Das ist der ehrliche Stand, und er gehört genannt. Die Forschung führt ihn überwiegend auf Bildungsbeteiligung und soziale Lage zurück, nicht auf Herkunft als solche.

Interessant ist dazu ein Blick ins Dunkelfeld, also auf Befragungen statt auf Polizeistatistik. Der Niedersachsensurvey des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen befragt seit 2013 regelmäßig Jugendliche danach, ob sie Waffen mit sich führen. Ein Zusammenhang mit der Migrationsgeschichte fand sich dabei nicht, jedenfalls nicht in der erwarteten Richtung: Befragte ohne Migrationsgeschichte gaben signifikant häufiger an, Waffen mitzuführen, als Jugendliche der ersten Zuwanderungsgeneration. Zwischen den übrigen Gruppen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede, und die Autoren bezeichnen auch den gefundenen Unterschied ausdrücklich als "nicht substanziell". Die Erhebung erfasst, wer eine Waffe bei sich trägt, und sagt damit nichts über begangene Taten; sie betrifft zudem nur Jugendliche und nur ein Bundesland. Es zeigt aber, wie unterschiedlich das Bild ausfällt, je nachdem ob man polizeilich registrierte Fälle zählt oder Menschen selbst fragt. Wie eine selektive Auswahl aus denselben Daten aussieht, zeigt unsere Einordnung eines Berichts der Jungen Freiheit zu den bayerischen Zahlen.

Und die Beziehung zwischen Täter und Opfer?

Eine naheliegende Rückfrage lautet: Wie viele dieser Taten passieren zwischen Fremden auf der Straße, wie viele in Wohnungen zwischen Menschen, die sich kennen?

Wir wissen es nicht. Die PKS führt die Beziehungsmerkmale und die Waffenmerkmale in getrennten Tabellen, eine Kreuzauswertung wird nicht veröffentlicht. Wer einen Anteil von Beziehungstaten bei Messerangriffen nennt, hat ihn nicht aus der amtlichen Statistik.

Das ist unbefriedigend, und es ist die Antwort. Diese Lücke zu füllen wäre in einem Text, der gegen ungedeckte Behauptungen argumentiert, der schlechteste denkbare Fehler.

Was von der Parole übrig bleibt

Zerlegt man den Satz in seine drei Bestandteile, sieht die Bilanz so aus:

  • "Täglich" trifft nicht zu, wenn Getötete gemeint sind. 194 vollendete Tötungsdelikte mit Messer im Jahr sind rechnerisch eines alle knapp zwei Tage. Für die Gesamtzahl aller Messerangriffe stimmt "täglich" zwar, aber knapp die Hälfte davon sind Bedrohungen ohne Verletzung.
  • "Deutsche" ist ungeprüft und nicht prüfbar. Die Staatsangehörigkeit der Opfer wird bei Messerangriffen nicht erfasst.
  • "Von Ausländern" ist in zwölf von sechzehn Ländern belegt, in den übrigen vier gar nicht erhoben. Ein Bundeswert lässt sich daraus weder ablesen noch aufaddieren, und der belegte Kern sagt weniger, als der Satz behauptet.

Ein Satz, der drei Angaben macht, von denen eine falsch, eine unbelegbar und eine überinterpretiert ist. Das Ergebnis klingt trotzdem präzise, und genau darin liegt seine Wirkung.