Zur Quelle "CORRECTIV" springen
Stand: 29.05.2026

CORRECTIV: Meeresspiegel steigt auch in Sydney - Fotovergleich sagt nichts aus

Falsch

Link Beschreibung

CORRECTIV-Faktencheck (29.05.2026) zu einem Foto-Vergleich des "Big Rock" am Bondi Beach in Sydney, den der australische Politiker Craig Kelly (X, 24.02.2026) und ein deutschsprachiger Facebook-Beitrag (über 1.800 Mal geteilt) als Beleg gegen den Meeresspiegelanstieg verbreiten. Strandfotos taugen dafür nicht: Der Gezeitenunterschied in Sydney verändert den Wasserstand täglich um mehr als einen Meter. Die Pegelmessung Fort Denison zeigt für Sydney rund 81 Millimeter Anstieg zwischen 1914 und 2019; belegt durch National Oceanography Centre, Australian Bureau of Meteorology, RMIT, NOAA und den IPCC-Sachstandsbericht.

Worum geht es?

Der australische Politiker Craig Kelly, bekannt als langjähriger Klimawandelleugner, verbreitete am 24.2.2026 auf X einen Foto-Vergleich des "Big Rock" am Bondi Beach in Sydney: Ein Bild von 1912 und ein aktuelles Bild von 2026, auf denen der Felsen angeblich identisch aus dem Wasser ragt. Kellys Schlussfolgerung: kein sichtbarer Meeresspiegelanstieg. Und selbst die Pegeldaten zeigten laut ihm nur 60 Millimeter Anstieg in über 100 Jahren, also sei die Klimakrise eine Übertreibung.

Der Post wurde in einer deutschsprachigen Facebook-Gruppe namens "Fakten gegen Klimahysterie" über 1.800 Mal geteilt.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Behauptung enthält zwei Fehler, die sich gegenseitig verstärken.

Fotovergleiche sind für Meeresspiegelmessungen ungeeignet. Der Tidenhub an Bondi Beach beträgt täglich rund 1,0 bis 1,3 Meter, der Wasserstand variiert also allein durch den normalen Gezeitenwechsel um mehr als einen Meter pro Tag. Ob ein Foto bei Ebbe oder Flut aufgenommen wurde, hat damit mehr Einfluss auf die sichtbare Wasserstandshöhe als ein Jahrhundert Meeresspiegelanstieg. Das Australian Bureau of Meteorology erklärte gegenüber der australischen Nachrichtenagentur AAP, dass einzelne Fotografien "unmöglich" für die Bestimmung von Meeresspiegeländerungen geeignet seien. Pegelmessungen erfassen dagegen kontinuierlich Mittelwerte über alle Gezeitenphasen.

Die Pegeldaten zeigen mehr Anstieg als behauptet. Die Station Fort Denison im Sydneyer Hafen verfügt über eine der längsten Messreihen der südlichen Hemisphäre, die bis ins Jahr 1914 zurückreicht. Laut Daten des Australian Bureau of Meteorology lag der Mittelwert 1914 bei 0,925 Metern und 2019 bei 1,006 Metern, das sind etwa 81 Millimeter Anstieg, nicht die von Kelly behaupteten 60 mm. Der langfristige Trend liegt bei 0,73 bis 0,98 Millimetern pro Jahr. CORRECTIV nennt für den Zeitraum 1915 bis 2024 einen Anstieg von rund 80 Millimetern. Diese Zahlen decken sich mit der unabhängigen Auswertung durch das AAP Factcheck: "No, Sydney average sea level is not 6cm lower than 1914" (21.11.2024).

Professor John Church von der University of New South Wales wies laut AAP darauf hin, dass solche Vergleiche oft durch selektive Datenpräsentation entstehen, indem man gezielt einzelne Monatswerte statt der jährlichen Mittelwerte heranzieht.

Der globale Meeresspiegelanstieg ist deutlich stärker. Die Daten in Sydney spiegeln den lokalen relativen Pegel wider, der durch tektonische und geologische Faktoren beeinflusst wird. Global ist der Anstieg schneller: Laut NOAA Climate.gov ist der Meeresspiegel seit 1880 weltweit um 21 bis 24 Zentimeter gestiegen. Die aktuelle Rate beläuft sich auf etwa 3,6 Millimeter pro Jahr (2006-2015), mehr als doppelt so schnell wie der Durchschnitt des 20. Jahrhunderts. Die Europäische Umweltagentur bestätigt: Zwischen 1993 und 2018 stieg der globale Meeresspiegel um 3,3 Millimeter pro Jahr, zwischen 2006 und 2018 sogar um 3,7 Millimeter, deutlich mehr als der historische Durchschnitt. Der IPCC (AR6) dokumentiert eine Beschleunigung von 1,3 mm/Jahr (1901-1971) auf 3,7 mm/Jahr (2006-2018).

Craig Kelly ist kein unbekannter Akteur in diesem Kontext. Der frühere australische Abgeordnete gilt als einer der bekanntesten Klimawandelleugner des Landes. Er verleugnete öffentlich einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den verheerenden australischen Buschbränden 2019/2020 und machte sich wiederholt durch die Verbreitung selektiver oder falscher Klimadaten einen Namen.

Fazit

Strandfotos können keinen Meeresspiegelanstieg messen, weil der tägliche Tidenhub die fragliche Größenordnung bei weitem übersteigt. Die Pegeldaten für Sydney zeigen mit etwa 80 Millimetern Anstieg seit 1914 mehr als die behaupteten 60 mm, und der globale Anstieg ist deutlich höher. Die Behauptung ist falsch.