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Stand: 22.09.2026

Apollo News: Keine Belege für Merz' Bot-Behauptung

Irreführend

Link Beschreibung

Beim Empfang der Gewinnerinnen und Gewinner des Bundeswettbewerbs "Jugend forscht" im Kanzleramt sprach Friedrich Merz am 15. September 2026 über eine geplante Klarnamenpflicht im Internet. Auf die Frage eines Teilnehmers, wie sich das mit dem Schutz von Informanten und investigativem Journalismus vereinbaren lasse, sagte er unter anderem, Bot-Netzwerke beeinflussten inzwischen Wahlkämpfe, und die AfD habe in Sachsen-Anhalt davon profitiert. Apollo News fragte daraufhin beim Innenministerium Sachsen-Anhalt und beim Bundeskanzleramt nach Belegen: Das Landesinnenministerium verwies auf "gegenwärtig keine Erkenntnisse", das Kanzleramt wollte die Aussage nicht weiter kommentieren.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Aussage fiel nicht in der vorbereiteten Rede, sondern in der anschließenden Fragerunde. Die offizielle Mitschrift auf bundeskanzler.de deckt nur den vorbereiteten Redeteil ab. Eine öffentlich abrufbare Aufzeichnung der Fragerunde gibt es ebenfalls nicht: Der Livestream der Bundesregierung ist beendet und wurde nicht als Video hinterlegt. Der Wortlaut der Bot-Passage stammt damit bislang allein von Apollo News, das ihn in zwei eigenen Artikeln unterschiedlich wiedergibt.

Der Bericht vom Tag des Termins zitiert Merz an mehreren Stellen wörtlich, etwa mit "Bitte komme mir keiner mit Free speech", führt die Bot-Passage aber in indirekter Rede und ohne Anführungszeichen: Von Nachrichten, die von Bots generiert würden, habe "vor allem" die AfD in Sachsen-Anhalt profitiert, schreibt Apollo News: "Keiner komme mir mit Free Speech". Die Fassung "in großem Umfang", als direktes Zitat markiert, erscheint erst eine Woche später in Apollo News: Wahlbeeinflussung durch Bots?. Andere Medien, die am Tag des Termins berichteten, geben die Passage ebenfalls nur indirekt wieder, mit jeweils eigener Formulierung: Tichys Einblick: Friedrich Merz unterkellert sich schreibt "vor allem", Junge Freiheit: "Bitte komme mir keiner mit Free Speech", sagt der Kanzler schreibt "massiv". In einem Punkt stimmen jedoch alle vier Fassungen überein: Keine gibt die Aussage ohne Umfangs- oder Salienzmarker wieder, und Apollo News und Tichys Einblick formulieren am Tag des Termins unabhängig voneinander wortgleich mit "vor allem". Unsicher ist damit nur der genaue Wortlaut der Umfangsangabe, nicht dass Merz der AfD bei diesem Termin einen überwiegenden Nutzen aus botgenerierten Nachrichten zuschrieb.

Bemerkenswert ist zudem, dass die einzige wörtlich zitierte Fassung, "in großem Umfang", aus demselben Haus stammt, das die Behauptung eine Woche später selbst unbelegt vorführt: Am Termintag hatte Apollo News die Passage noch indirekt und ohne Anführungszeichen wiedergegeben, das Direktzitat taucht erst im eigenen Artikel zum fehlenden Beleg auf. Zum allgemeinen Auftreten des Kanzlers gegen anonyme Rede im Netz ordnet außerdem Telepolis: Wie Merz den Freiheitsbegriff den Populisten überlässt ein.

Für die Sachfrage, ob Bot-Netzwerke die Wahl in Sachsen-Anhalt tatsächlich in nennenswertem Umfang zugunsten der AfD beeinflusst haben, dokumentiert CeMAS in einem vorläufigen Bericht für die Wahlbeobachtungsinitiative Plattform Wahlen vier russisch zugeordnete Kampagnen aus dem Wahlkampf: CeMAS: Vorläufiger Bericht FIMI Landtagswahl Sachsen-Anhalt. Keine der vier Kampagnen zielte auf die AfD. Operation Overload/Matrjoschka diskreditierte mit gefälschten Videos und Zeitungsseiten 20 Politikerinnen und Politiker aus CDU, SPD, Grünen, Linken und FDP und verbreitete daneben unbelegte Behauptungen über einen angeblich geplanten Wahlbetrug, vor allem gegen die CDU. Storm-1516 richtete sich ausschließlich gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze (CDU): Eine gefälschte Süddeutsche-Zeitung-Seite und ein gefälschtes Video warfen ihm fälschlich Kindesmissbrauch vor. Die Foundation to Battle Injustice diskreditierte dagegen gar keine Kandidierenden, sondern verbreitete auf der eigenen Website die Behauptung, die Bundesregierung betreibe absichtlich wirtschaftliche Repressionen gegen die ostdeutschen Bundesländer. Nur die vierte Kampagne, Doppelgänger, verbreitete auf nachgebauten Nachrichtenseiten explizit "kritische Inhalte über demokratische Parteien und positive Inhalte über die AfD", allerdings ohne "expliziten Bezug zur Wahl bzw. den Kandidat:innen in Sachsen-Anhalt", wie CeMAS selbst festhält, und in kleinem Maßstab: 33 identifizierte Beiträge mit über 454.000 Aufrufen, deren Reichweite CeMAS zudem als künstlich verstärkt einordnet. Die einzige der vier Kampagnen mit positiven AfD-Inhalten hatte damit nicht einmal einen ausdrücklichen Sachsen-Anhalt-Bezug. Die Matrjoschka-Kampagne hat Faktenfackel bereits mit gefälschten Mordvorwürfen gegen einen Linken-Kandidaten und mit einer Analyse zur künstlich aufgeblähten Reichweite eingeordnet: CeMAS, das Bundesinnenministerium und das Institute for Strategic Dialogue kommen übereinstimmend zum Schluss, dass die organische Reichweite trotz Millionen angezeigter Aufrufe gering ist.

Getrennt davon gibt es eine Struktur, die Facebook-Gruppen mit AfD-Bezug zentral verwaltet: Mimikama: Vier Facebook-Seiten verwalten 21 Gruppen mit AfD-Bezug hat in einer im Juli veröffentlichten und im September 2026 aktualisierten Recherche vier weitgehend leere Facebook-Seiten identifiziert, die seit Juni 2026 21 politische Gruppen mit AfD-Bezug und zusammen 677.756 Mitgliedschaften verwalten. Darunter ist eine Gruppe "AfD Sachsen-Anhalt mit Ulrich Siegmund", die zwischen dem 27. Juli und dem 19. September 2026 von 32.838 auf rund 76.400 Mitglieder wuchs. Gegründet wurden die 21 Gruppen dagegen von anderen Seiten, zu einem Teil von einer Serie, die 2022 an einem Tag unter vietnamesischen Namen angelegt und erst 2025 umbenannt wurde: einem auf Vorrat angelegten Seitenbestand, dessen Betreiber öffentlich nicht feststellbar sind. Mimikama hat sechs Seiten dieser Serie geprüft; bei vier der übrigen im Schaubild genannten Gründungsseiten bleibt die Herkunft offen. Mimikama stellt dazu aber ausdrücklich klar: "Wir haben keinen Hinweis darauf, dass die AfD, ein Staat oder die Politikerinnen und Politiker, deren Namen die Gruppen tragen, dahinterstecken oder davon wissen." Dieselbe Serie legt auch unpolitische Gruppen zu Kochrezepten, Prominenten und US-Politik an; wofür genau sie genutzt wird, lässt auch Mimikama offen. Auch RiffReporter: Allein unter Bots schränkt ein: "Facebook-Gruppen, die AfD-nahe Inhalte verbreiten, mögen demnach zwar aktuell keinen starken Einfluss auf Wahlen haben, könnten aber im Extremfall das Zünglein an der Waage sein." Merz behauptet dagegen einen bereits eingetretenen Effekt, die spätere Apollo-Fassung sogar "in großem Umfang"; RiffReporters Vorbehalt betrifft nur ein mögliches künftiges Szenario, etwa bei einem knappen Wahlausgang.

Beide von Apollo News angefragten Behörden bestätigen die Aussage des Kanzlers nicht. Das deckt sich damit, dass auch die Forschungseinrichtungen, die die Desinformationslage in Sachsen-Anhalt am genauesten untersucht haben, zu keinem Zeitpunkt behaupten, Bot-Netzwerke hätten der AfD in nennenswertem Umfang zum Wahlergebnis verholfen. Eine Klarstellung oder Nachlieferung von Belegen durch Merz oder die Bundesregierung ist bislang nicht bekannt.

Fazit

Merz' Behauptung ist irreführend. Sie vermischt zwei reale, aber unterschiedliche Befunde zu einem unbelegten dritten: Russisch zugeordnete Kampagnen diskreditierten im Sachsen-Anhalt-Wahlkampf gezielt die Konkurrenz der AfD oder verbreiteten Spaltungsnarrative, nicht die AfD selbst. Für die größte davon, Operation Overload/Matrjoschka, stufen CeMAS, Bundesinnenministerium und Institute for Strategic Dialogue die organische Reichweite trotz Millionen angezeigter Aufrufe übereinstimmend als gering ein. Für Doppelgänger, die einzige der vier Kampagnen mit positiven AfD-Inhalten, geht CeMAS ebenfalls von künstlich verstärkten Zahlen aus, allerdings bei deutlich kleinerem Umfang. Zur Reichweite von Storm-1516 und der Foundation to Battle Injustice nennt der Bericht ebenfalls Zahlen: mindestens 636 Posts mit über 24,4 Millionen Aufrufen, aber nur 121 Reposts bei Storm-1516, mindestens 456 Posts mit über 1,6 Millionen Aufrufen bei der Foundation. Anders als bei Operation Overload und Doppelgänger ordnet der Bericht diese Zahlen nicht ausdrücklich als künstlich verstärkt ein, das Verhältnis von 24,4 Millionen Aufrufen zu nur 121 Reposts bei Storm-1516 spricht aber für sich. Getrennt davon betreibt eine bislang nicht zugeordnete Struktur große, wachsende Facebook-Gruppen mit AfD-Bezug, doch selbst Mimikama, das dieses Netzwerk aufgedeckt hat, sieht darin ausdrücklich keinen Beleg für Verbindungen zur AfD oder für Wahleinfluss. Für die Aussage, von Bots generierten Nachrichten habe vor allem die AfD in Sachsen-Anhalt profitiert, liefert weder das Innenministerium Sachsen-Anhalt noch das Bundeskanzleramt noch die einschlägige Forschung einen Beleg. Ein amtierender Bundeskanzler stellt damit ohne Beleg einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Bot-Aktivität und dem AfD-Wahlerfolg her, dieselbe Argumentationsfigur, mit der die russisch zugeordnete Kampagne Operation Overload zuvor unbelegte Wahlbetrugsvorwürfe gegen die CDU in Sachsen-Anhalt verbreitete.