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Stand: 24.09.2026

Apollo: Linke verdankt Berlin-Sieg Migranten, nicht Mieten

Irreführend

Link Beschreibung

Apollo News will in einer "Datenanalyse" mit fünf Grafiken zeigen, dass die Linke ihren Sieg bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026 nicht ihrer Mietenpolitik verdankt, sondern "dem steigenden Israel- und Judenhass", der in migrantischen und akademischen Milieus verfange. Belegt werden soll das mit Nachwahlbefragungen von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen, einem Vergleich nach Bildungsniveau und Berufsgruppe sowie einer Korrelation zwischen Ausländeranteil und Linken-Zugewinn in den Wahlkreisen. Dazu behauptet der Text, der "muslimische Antisemitismus" in Berlin sei seit Jahren massiv gestiegen, ohne dafür einen Beleg zu nennen. Mit einem Zitat des propalästinensischen Aktivisten Tarek Baé auf X schließt der Artikel: Muslime hätten der Linken "den Wahlsieg beschafft".

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Zwei der von Apollo zitierten Zahlen lassen sich anhand der ausgewerteten Nachwahlbefragungen bestätigen, die übrigen Angaben zu Bildungsniveau, Berufsgruppe und der Korrelation mit dem Ausländeranteil finden sich in keiner der geprüften Quellen und bleiben hier ungeprüft. Laut einer Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen, die der Katholischen Nachrichten-Agentur exklusiv vorlag, wählten 51 Prozent der befragten Muslime die Linke, unter Konfessionslosen waren es 28 Prozent, gegenüber einem Gesamtergebnis der Partei von 25,7 Prozent (katholisch.de: Christen, Muslime, Konfessionslose: Wer hat in Berlin wie gewählt? (21. September 2026)). Auch die Mobilisierung früherer Nichtwähler bestätigt sich der Größenordnung nach: Laut einer Grafik der Forschungsgruppe Wahlen waren 37 Prozent der heutigen Linken-Wähler 2023 Nichtwähler, darunter auch Erstwähler, die damals noch nicht abstimmen durften (ZDFheute: Woher kommen die Wähler der Linken in Berlin? (Wahlsendung vom 20. September 2026)). Apollo beziffert dieselbe Gruppe mit einer absoluten Zahl von 75.000 und beruft sich dafür auf Infratest dimap; diese Zahl lässt sich mit den hier ausgewerteten Quellen nicht gegenprüfen.

Der Schluss, den Apollo daraus zieht, trägt jedoch nicht. Schon die Absage an die Mietenthese passt nicht zu der Erhebung, aus der Apollo selbst zitiert: In derselben Befragung der Forschungsgruppe Wahlen nannten 53 Prozent den Wohnungsmarkt beziehungsweise die Mieten als wichtigstes Problem, weit vor Verkehr (23 Prozent). Nahost oder Israel tauchen unter den sechs meistgenannten Problemen gar nicht auf. Bei den Mieten wird der Linken zudem die höchste Kompetenz aller Parteien zugetraut (ZDFheute: Miete Topthema in Berlin: Welche Partei womit punkten konnte (Wahlsendung vom 20. September 2026)). 68 Prozent der Befragten gaben an, sich eher nach der Landes- als der Bundespolitik gerichtet zu haben (WirtschaftsWoche: Selbstständige in Berlin wählen lieber links als CDU (21. September 2026)). Auch das spricht gegen die These, ein bundespolitisch aufgeladenes Thema wie Nahost habe den Ausschlag gegeben. Die WirtschaftsWoche schreibt zudem, die Jungen hätten sich "auch gerade mit Verweis auf die teuren Mieten und das geringe Wohnungsangebot" um die Linke geschart.

Außerdem verwechselt der Artikel den Stimmenanteil innerhalb einer Gruppe mit deren Beitrag zum Gesamtergebnis. Dass 51 Prozent der befragten Muslime die Linke wählten, sagt für sich genommen nichts darüber aus, wie groß diese Gruppe unter allen Wählenden war und wie viel sie zum Sieg beigetragen hat. Diese Zahl nennt keine der ausgewerteten Quellen. Auch die von Apollo angeführte Korrelation zwischen Ausländeranteil und Linken-Zugewinn auf Wahlkreisebene erliegt demselben Fehlschluss: Sie zeigt nur, in welchen Bezirken die Partei zulegte, nicht wer dort tatsächlich für sie gestimmt hat. Genau die Wahlkreise mit den höchsten Zweitstimmenanteilen für die Linke, etwa Teile von Neukölln und der Wedding, sind laut taz "durch eine studentische, vor allem aber migrantische Bevölkerung" geprägt (taz: Abgeordnetenhauswahl Berlin in Grafiken (21. September 2026)). Das belegt aber nur, wie das Gebiet zusammengesetzt ist, nicht wer dort für die Linke gestimmt hat: Wahlkreisdaten erlauben keinen Rückschluss darauf, welche Bevölkerungsgruppe innerhalb des Gebiets wie gewählt hat.

Der zentrale Kausalschluss des Artikels bleibt zudem unbelegt: Apollo nennt aus den herangezogenen Nachwahlbefragungen keine einzige Zahl zur Haltung der Wählenden gegenüber Israel oder zum Nahostkonflikt, und keine der zitierten Zahlen verknüpft Wahlentscheidung und Israel-Haltung. Stattdessen leitet der Text die These vom "radikalen Anti-Israel-Programm" als Wahlgrund aus Religionszugehörigkeit, Bildungsmilieu und Ausländeranteil der Wahlkreise her. Ebenso unbelegt bleibt die Behauptung, der "muslimische Antisemitismus" in Berlin sei seit Jahren massiv gestiegen: Für diese pauschale Zuschreibung an eine religiöse Gruppe nennt der Artikel keine Quelle.

Fazit

Apollos Kernthese, der Wahlsieg der Linken hänge vor allem mit "Israel- und Judenhass" zusammen, ist irreführend: Für diesen zentralen Teil der eigenen Argumentation liefert der Text keine einzige Zahl, die Wahlentscheidung und Haltung zum Nahostkonflikt verknüpft, sondern leitet ihn aus Religionszugehörigkeit, Bildungsmilieu und Ausländeranteil ab. Die tatsächlich überprüfbaren Zahlen zu Muslimen und zur Mobilisierung früherer Nichtwähler stützen zudem nicht den behaupteten Gegensatz zur Mietenthese: Dieselbe Befragung der Forschungsgruppe Wahlen, aus der der Text zitiert, weist Mieten und Wohnungsmarkt als das mit Abstand wichtigste Thema der Wahl aus, und gerade dort wird der Linken die höchste Kompetenz zugetraut. Auch die Übertragung von Gruppen- auf Gesamtanteile und die Wahlkreis-Korrelation belegen nicht, was der Text behauptet. Beides zeigt bestenfalls Zusammenhänge, keine Ursache für den Wahlausgang.