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Stand: 09.09.2026

Ohne Migranten wäre Deutschland in Bildung Weltspitze

Irreführend

Link Beschreibung

Artikel von Apollo News vom 8. September 2026, veröffentlicht am Tag der Vorstellung der PISA-2025-Ergebnisse. Der Text nennt Punktwerte nach Migrationsstatus (Naturwissenschaften 521 ohne Migrationshintergrund, 463 in der zweiten Generation, 423 beziehungsweise 392 in der ersten Generation je nach Zuwanderungsalter) und schließt daraus: "Würde man die Pisa-Ergebnisse von Schülern ohne Migrationshintergrund im internationalen Vergleich einbeziehen, würde Deutschland tatsächlich weltweit ziemlich gut abschneiden: Von den 91 teilnehmenden Ländern würde das Land dann in den Bereichen Lesen und Naturwissenschaften Platz acht belegen und bei Mathematik Platz zehn."

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die im Artikel genannten Punktwerte für die Naturwissenschaften nach Migrationsstatus sind korrekt. Auch die zusätzlich genannten Mathematik- und Lesewerte lassen sich abgleichen: Der gedruckte Berichtsband weist sie nicht selbst aus, verweist dafür aber auf den Online-Anhang zu Kapitel 6 mit den Abbildungen 6.1web (Lesekompetenz) und 6.2web (mathematische Kompetenz) nach Zuwanderungshintergrund. Dort zeigt sich: Bei den Werten ohne Migrationshintergrund vertauscht Apollo News die beiden Fächer, 499 Punkte sind dort der Lesewert, 491 Punkte der Mathematikwert. Die Werte der zweiten Generation gibt der Artikel dagegen richtig wieder, 450 Punkte im Lesen und 448 Punkte in Mathematik. Die für die erste Generation genannten 393 Punkte im Lesen und 411 Punkte in Mathematik kommen in keiner der vier amtlichen Kategorien des Online-Anhangs vor. Der nationale PISA-2025-Berichtsband des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien weist exakt die zitierten Naturwissenschafts-Werte aus: 521 Punkte ohne Zuwanderungshintergrund, 463 Punkte in der zweiten Zuwanderungsgeneration, 423 Punkte bei frühem und 392 Punkte bei spätem Zuzug der ersten Generation. Zum Vergleich: Deutschland kommt in denselben amtlichen Zahlen insgesamt auf 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen und 464 in Mathematik, der jeweilige OECD-Durchschnitt liegt bei 482, 461 und 463 Punkten. Deutschland liegt damit in allen drei Bereichen im OECD-Durchschnitt, statistisch nicht signifikant von ihm zu unterscheiden, während die Werte zugleich die niedrigsten seit Beginn der deutschen PISA-Teilnahme im Jahr 2000 sind, wie Migazin unter Berufung auf Studienleiter Samuel Greiff berichtet. Ein Liegen im OECD-Durchschnitt und ein historischer Tiefstand in der eigenen Zeitreihe widersprechen sich nicht, es sind zwei unabhängige Befunde. Auch die Zahl von 91 teilnehmenden Ländern und Volkswirtschaften ist zutreffend.

Die daraus gezogene Schlussfolgerung, Deutschland würde ohne Migranten "Platz acht" in Lesen und Naturwissenschaften sowie "Platz zehn" in Mathematik belegen, lässt sich weder im OECD-Länderbericht für Deutschland noch im nationalen Berichtsband wiederfinden. Beide Dokumente enthalten keine solche Rangberechnung, sie stammt offenbar allein von Apollo News. Nach den tatsächlichen, ungefilterten Werten liegt Deutschland laut Deutschem Schulportal in den Naturwissenschaften auf Rang 23, im Lesen auf Rang 24 und in Mathematik gemeinsam mit Schweden auf Rang 25, nicht in der Nähe der Weltspitze.

Der methodische Fehler dahinter: Der Artikel vergleicht eine Teilgruppe Deutschlands mit den Gesamtdurchschnitten anderer Länder, die ihre eigene Zuwandererbevölkerung mitzählen. Nach derselben Rechnung würden auch andere Staaten mit hohem Zuwandereranteil besser abschneiden, je nach Land aber unterschiedlich stark bis kaum merklich. Die Schweiz, mit rund 38 Prozent Zuwandereranteil ein noch stärker von Zuwanderung geprägtes Land als Deutschland, kommt bei Schülern ohne Zuwanderungshintergrund laut dem nationalen Berichtsband auf 527 Punkte in Naturwissenschaften, verglichen mit einem Landesdurchschnitt von 501 Punkten, den auch der Bericht des Schweizer Portals 20 Minuten bestätigt. In Kanada, wo laut dem kanadischen PISA-2025-Bericht 39 Prozent der Jugendlichen einen Zuwanderungshintergrund haben, fällt der Effekt dagegen kaum ins Gewicht: Laut dem nationalen Berichtsband erzielen Schüler ohne Zuwanderungshintergrund dort 518 Punkte in Naturwissenschaften, der Landesdurchschnitt liegt bei 510 Punkten, und Schüler der zweiten Zuwanderungsgeneration schneiden mit 528 Punkten sogar besser ab als Schüler ohne Zuwanderungshintergrund. Der kanadische Bericht hält dazu wörtlich fest: "no achievement gap between immigrant and non-immigrant students was found" (Übersetzung: keine Leistungslücke zwischen zugewanderten und nicht zugewanderten Schülern festgestellt). Der Effekt, den Apollo News für Deutschland beschreibt, zeigt also nicht, dass Zuwanderung an sich die Bildungsleistung senkt, sondern wie unterschiedlich Bildungssysteme mit ihr umgehen. Eine Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion zur selben PISA-Veröffentlichung geht noch einen Schritt weiter und macht direkt die ethnische Vielfalt der Schülerschaft für den Leistungsabfall verantwortlich, eine Zuschreibung, die sich ebenso wenig mit dem Berichtsband deckt.

Der nationale Berichtsband liefert zudem den Gegenbefund, den der Artikel nicht erwähnt: In einem gemeinsamen Regressionsmodell, das soziale Herkunft, Zuwanderungshintergrund, Geschlecht und die zu Hause gesprochene Sprache gleichzeitig berücksichtigt, schrumpfen die Kompetenzunterschiede nach Zuwanderungshintergrund deutlich. Dabei sinkt der Rückstand der zweiten Generation von 57 auf 18 Punkte, der bei frühem Zuzug von 98 auf 32 Punkte und der bei spätem Zuzug von 129 auf 67 Punkte. Die soziale Herkunft bleibt dagegen auch in diesem Modell der stärkste Einzelfaktor: Schüler aus dem obersten sozioökonomischen Viertel erreichen rund 100 Punkte mehr als Schüler aus dem untersten Viertel, unabhängig von Migrationshintergrund und Sprache. Damit geht ein erheblicher Teil der zunächst beobachteten Unterschiede nach Migrationshintergrund auf soziale Herkunft und Sprachpraxis zurück, nicht auf Migration als eigenständigen Faktor. Der isolierte sozioökonomische Abstand von 125 Punkten zwischen dem oberen und unteren Viertel in Deutschland liegt in ähnlicher Größenordnung wie der größte migrationsbezogene Abstand von 129 Punkten, deutlich über dem OECD-weiten sozioökonomischen Abstand von 85 Punkten.

Der Artikel räumt schließlich selbst etwas ein, ohne es einzuordnen: Auch Schüler ohne Migrationshintergrund hätten sich gegenüber PISA 2012 in allen Bereichen um rund 30 Punkte verschlechtert. Diese Angabe steht so nur im Artikel. Sollte sie zutreffen, würde sie die eigene "Weltspitze"-These zusätzlich schwächen: Eine Gruppe, die selbst deutlich abgerutscht ist, lässt sich schwer als weltweite Spitzenleistung verkaufen, nur weil sie innerhalb Deutschlands besser abschneidet als andere Gruppen.

Fazit

Die Darstellung ist irreführend. Die zitierten Punktwerte stammen erkennbar aus dem nationalen PISA-Bericht und sind für die Naturwissenschaften sowie für die zweite Migrantengeneration in Mathematik und Lesen korrekt. Bei den Werten ohne Migrationshintergrund vertauscht der Artikel jedoch Mathematik und Lesen, und zwei der für die erste Generation genannten Werte lassen sich in den amtlichen Tabellen nicht wiederfinden. Die daraus abgeleitete Rangberechnung ("Platz acht", "Platz zehn") findet sich weder in der OECD-Ländernotiz noch im nationalen Berichtsband und beruht auf einem Vergleich, der eine deutsche Teilgruppe den Gesamtdurchschnitten anderer Länder samt deren Zuwandererbevölkerung gegenüberstellt. Am Beispiel der Schweiz und vor allem Kanadas zeigt sich, dass derselbe Rechenweg je nach Land zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führt und der Effekt damit keine Naturgesetzlichkeit von Zuwanderung ist. Vor allem blendet der Artikel den zentralen Befund des eigenen nationalen Berichtsbands aus: Ein erheblicher Teil der migrationsbezogenen Unterschiede schrumpft, sobald soziale Herkunft und Sprache berücksichtigt werden, während die soziale Herkunft der robusteste eigenständige Faktor bleibt. Zuwanderung erklärt die deutschen PISA-Ergebnisse damit deutlich schlechter, als der Artikel suggeriert, soziale Herkunft deutlich besser.

Verwendungen

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