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Stand: 09.09.2026

Ethnische Vielfalt als Grund für den PISA-Absturz

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 8. September 2026, am Tag der Vorstellung der PISA-2025-Ergebnisse. Zu Wort kommt Martin Reichardt, bildungs- und familienpolitischer Sprecher der Fraktion. Die Mitteilung verweist auf Professor Greiff von der TU München und dessen Befund eines "kontinuierlichen Kompetenzrückgangs von in Deutschland unterrichteten Schülern" und nennt neben sinkender Unterrichtsqualität "die zunehmend ethnische Vielfalt der Schülerschaft und die kaum mehr mögliche Integration" als Gründe, die mehrere Bildungsexperten anführen würden. Reichardt wirft Bundesbildungsministerin Karin Prien dagegen vor, mit dem Verweis auf ein "gesamtgesellschaftliches Problem" in "vernebelnder Weise" zu argumentieren. Aus der eigenen Deutung leitet die Mitteilung die Forderung nach "Sonderklassen für der deutschen Sprache nicht mächtige Kinder und für Kinder aus Familien ohne Bleibeperspektive" ab.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Zuschreibung an "Bildungsexperten" bleibt in der Mitteilung selbst ungenannt: Reichardt nennt namentlich nur Samuel Greiff von der TU München, den er zuvor lediglich mit dem Befund des "kontinuierlichen Kompetenzrückgangs" zitiert, nicht mit der Aussage zur ethnischen Vielfalt. Greiff ist laut einem Bericht der Wetterauer Zeitung tatsächlich "Leiter des PISA National Centers" und damit für die Durchführung der Studie in Deutschland verantwortlich, die Beschreibung der Mitteilung trifft insofern zu.

Zu genau dieser Frage hat sich Greiff öffentlich geäußert, allerdings mit der gegenteiligen Einordnung. Im Tagesspiegel-Interview vom 8. September 2026 erklärt er, warum Migration als alleinige Erklärung zu kurz greift, und wird von Migazin mit dem Satz zitiert: "Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien." Er beziffert das Ausmaß: In Deutschland zählten nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern zur leistungsstarken Gruppe, unter sozial privilegierten seien es 25 von 100. Dass die Schülerschaft heterogener geworden sei, führt er nicht allein auf Zuwanderung zurück, sondern ebenso auf gewachsene soziale Unterschiede und psychosoziale Belastungen.

Das deckt sich mit dem nationalen PISA-2025-Berichtsband, dessen Kapitel "Befundmuster und Einordnung" Greiff selbst mitverfasst hat. Isoliert betrachtet liegen Schüler ohne Zuwanderungshintergrund in den Naturwissenschaften 57 Punkte vor Schülern der zweiten Generation, 98 Punkte vor früh zugezogenen und 129 Punkte vor spät zugezogenen Schülern der ersten Generation. In einem gemeinsamen Modell, das zusätzlich soziale Herkunft, Geschlecht und die zu Hause gesprochene Sprache berücksichtigt, schrumpfen diese drei Abstände auf 18, 32 und 67 Punkte. Die soziale Herkunft bleibt darin der robusteste Einzelfaktor: Schüler aus dem oberen ESCS-Quartil liegen unabhängig von Zuwanderungshintergrund und Sprache 100 Punkte vor Schülern aus dem unteren Quartil. Der Bericht zieht daraus selbst den Schluss, ein substanzieller Teil der zunächst beobachteten migrationsbezogenen Unterschiede gehe auf Zusammenhänge mit anderen Ungleichheitsdimensionen zurück.

Auch Bildungsministerin Karin Prien, die die Ergebnisse am 8. September 2026 gemeinsam mit der Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, Anna Stolz, vorstellte, nannte den Befund laut der Wetterauer Zeitung besorgniserregend. Der langjährige, inzwischen ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, hatte erklärt, ein erheblicher Teil der Probleme sei "importiert", und die Integrationsfähigkeit des Bildungswesens sei überfordert. Prien argumentierte am selben Tag gegenläufig, wie derselbe Bericht zeigt: "Länder wie Kanada, Großbritannien oder die Schweiz zeigen, dass es sehr wohl mit den richtigen Maßnahmen möglich ist, auch den zuwandernden Kindern gerechte Bildungschancen zu vermitteln", und die Unterschiede zwischen erster und zweiter Zuwanderungsgeneration würden sich "relativ schnell nivellieren". Kraus ist kein an PISA 2025 beteiligter Bildungsforscher, sondern ehemaliger Lehrerverbandspräsident und Gymnasialschulleiter, und er ist die einzige öffentlich auffindbare Stimme, die Reichardts Zuschreibung stützt. Reichardt spricht aber von "mehreren Bildungsexperten": Für eine solche Mehrzahl findet sich neben Kraus keine weitere Stimme, während der einzige in der Mitteilung selbst namentlich genannte Fachmann, Greiff, der Deutung widerspricht.

Das Muster bestätigt sich im internationalen Vergleich: Wie unsere Prüfung eines anderen Artikels zu denselben PISA-Daten zeigt, schrumpft der Leistungsabstand nach Zuwanderungshintergrund in Kanada für die zweite Generation und für früh zugezogene Schüler der ersten Generation auf einen Bruchteil oder verschwindet ganz, bleibt aber für spät zugezogene Schüler der ersten Generation mit 39 Punkten weiterhin deutlich, während er in Ländern wie Frankreich oder Österreich groß bleibt.

Eine öffentliche Aussage eines an PISA 2025 beteiligten oder sonst einschlägig ausgewiesenen Bildungsforschers, der die ethnische Vielfalt der Schülerschaft als Grund für den Leistungsabfall benennt, ließ sich zu diesem Zeitpunkt nicht finden.

Fazit

Die Zuschreibung ist irreführend. Weder benennt die Mitteilung, welche "Bildungsexperten" die ethnische Vielfalt der Schülerschaft als Ursache anführen sollen, noch ließ sich am Tag der Veröffentlichung eine öffentliche Aussage der mit PISA 2025 befassten Fachleute finden, die diese Deutung stützt. Samuel Greiff, der einzige in der Mitteilung namentlich genannte Bildungsforscher und wissenschaftlicher Leiter der Studie in Deutschland, vertritt öffentlich die gegenteilige Position: Laut dem von ihm mitverfassten nationalen Berichtsband ist die soziale Herkunft, nicht der Zuwanderungshintergrund, der robusteste Faktor für die gemessenen Leistungsunterschiede. Auch Bildungsministerin Prien widersprach der Migrationsdeutung am Tag der Vorstellung ausdrücklich. Die Kompetenzwerte, auf die sich die Mitteilung stützt, sind zutreffend wiedergegeben, die daran geknüpfte kausale Erklärung ist es nicht.

Verwendungen

Weitere Quellenlinks