Link Beschreibung
Journalistenwatch greift am 5. Oktober 2026 ein Instagram-Video von Hape Kerkeling zum Tag der Deutschen Einheit an, in dem er die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens fordert. Dagegen stellt der Text einen Angriff auf ein homosexuelles Paar in Bremen am 3. Oktober und behauptet, Übergriffe auf Homosexuelle gingen "nahezu ausschließlich" von "importierten muslimischen Jungmännern" aus, die Attacken auf Juden ebenso von Muslimen "oder ihrer linken Verbündeten".
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Der Anlassfall ist real. Die Polizei Bremen meldet, dass zwei Männer von 29 und 33 Jahren am 3. Oktober gegen 23 Uhr in der Sögestraße aus einer etwa zehnköpfigen Gruppe heraus beleidigt und geschlagen wurden. Die Täter riefen "homophobe Beleidigungen in arabischer Sprache", der Staatsschutz ermittelt. Zur Herkunft, Staatsangehörigkeit oder Religion der Verdächtigen sagt die Polizei nichts, die Gruppe floh zu Fuß. Wer auf Arabisch beleidigt, kann Muslim sein, muss es aber nicht, und eine Sprache sagt auch nichts über einen Pass. Der Satz von den "importierten muslimischen Jungmännern" geht über die Meldung hinaus.
Kerkeling selbst kommt in dem Beitrag mit seiner Forderung zu Wort. Nach den wörtlichen Zitaten bei infranken bedankt er sich im Video vom 3. Oktober für die Reaktionen auf seine Rede im Thüringer Landtag, spricht von Schmähungen durch Rechtsextremisten und fordert die Prüfung eines Verbotsverfahrens gegen die AfD. Von Angriffen auf Homosexuelle oder Juden und von Tätergruppen ist in diesen Auszügen nicht die Rede.
Die Verallgemeinerung lässt sich an der amtlichen Statistik messen. Die Bundesweiten Fallzahlen 2025 zur politisch motivierten Kriminalität von BMI und BKA weisen für das Themenfeld "sexuelle Orientierung" 2.070 Straftaten aus (2024: 1.765), darunter 284 Gewaltdelikte. Nach Phänomenbereich:
- PMK -rechts-: 870 Taten (42,0 Prozent), davon 69 Gewaltdelikte
- PMK -ausländische Ideologie-: 72 Taten, davon 19 Gewaltdelikte
- PMK -religiöse Ideologie-: 56 Taten, davon 12 Gewaltdelikte
- PMK -links-: 33 Taten, davon 2 Gewaltdelikte
- PMK -sonstige Zuordnung-: 1.039 Taten (50,2 Prozent), davon 182 Gewaltdelikte
Rechnet man die sonstige Zuordnung heraus, weil sie keine Ideologie benennt, entfallen von den 1.031 übrigen Taten rund 84 Prozent auf die rechte Seite. Ausländische und religiöse Ideologie zusammen kommen auf 128 Taten oder 6,2 Prozent aller erfassten Fälle, bei den Gewaltdelikten auf 31 von 284. Dass diese Einstufungen in großem Stil falsch sind, belegt Journalistenwatch nicht.
Journalistenwatch spricht von "Übergriffen", deshalb zählen vor allem die Gewaltdelikte, und dort ist das Bild weniger eindeutig. Von den 284 Gewalttaten sind 69 rechts zugeordnet (24,3 Prozent), 31 der ausländischen oder religiösen Ideologie (10,9 Prozent) und 2 links. Bei 182 Gewalttaten (64,1 Prozent) steht "sonstige Zuordnung", der Hintergrund ist also offen. Unter den 102 Gewalttaten mit benannter Ideologie entfallen gut zwei Drittel auf rechts. Wer die Täter in den übrigen Fällen waren, sagt die Statistik nicht. Sie widerlegt die Behauptung trotzdem: Selbst wenn alle 182 offenen Fälle auf muslimische Täter zurückgingen, wofür es keinen Beleg gibt, bliebe rund ein Viertel der Gewalttaten rechts zugeordnet. Eine "verschwindend geringe Minderheit" ist das nicht.
Die Statistik hat Grenzen und taugt nicht als Gegenbeweis für alles. Die Zuordnung erfolgt nach Anhaltspunkten wie Tätermerkmalen, "verwendeter Sprache" und Symbolen, wie die Bundesregierung in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion erläutert. Bei politisch motivierten Straftaten insgesamt sind nur 41,2 Prozent aufgeklärt, bei vielen Taten gibt es also keinen bekannten Täter, auf den sich die Einstufung stützen könnte. Die Hälfte der Fälle landet in der Rubrik "sonstige Zuordnung", über deren Hintergrund die Statistik nichts sagt. Zudem enthält das Fact Sheet keine Angaben zu Staatsangehörigkeit oder Religion der Tatverdächtigen, und die Rubriken "ausländische" und "religiöse Ideologie" sind nicht mit "Muslimen" oder "Zuwanderern" gleichzusetzen. Und die Zahlen erfassen nur angezeigte Fälle: MANEO, die Berliner Anlaufstelle für schwule und bisexuelle Männer, geht von einem Dunkelfeld von 80 bis 90 Prozent aus. In ihrer Pressemitteilung zum Report 2025 (723 erfasste Fälle und Hinweise in Berlin) schlüsselt MANEO die Täter nicht nach Herkunft oder Religion auf, verweist aber auf den Berliner Verfassungsschutz, der Gefahren durch rechtsextremistische und islamistische Gruppierungen benennt.
Auffällig ist der Anstieg in der religiösen Ideologie: von 28 auf 56 Taten, also eine Verdopplung. Das sind 28 Taten mehr, bei insgesamt 305 zusätzlichen Fällen. Die rechts eingeordneten Taten stiegen im selben Zeitraum um 152 (von 718 auf 870). Journalistenwatch hat insofern einen kleinen Teil der Wirklichkeit im Blick, macht ihn aber zum Ganzen.
Bei den antisemitischen Straftaten fällt das Bild gemischter aus, und hier ist der Journalistenwatch-Satz nur zum Teil falsch. Die Statistik zählt 6.548 Taten, davon 3.056 (46,7 Prozent) in PMK -rechts-, 2.293 (35,0 Prozent) in PMK -ausländische Ideologie-, 613 in PMK -religiöse Ideologie-, 457 in PMK -sonstige Zuordnung- und 129 in PMK -links-. Bei den 156 Gewaltdelikten liegt dagegen die ausländische Ideologie vorn (73), vor rechts (54), religiöser Ideologie (16) und sonstiger Zuordnung (13). Das deckt sich teilweise mit der Behauptung, wenn man "Muslime" mit diesen beiden Rubriken gleichsetzt, was die Statistik nicht hergibt. Eine alte Kritik, unklare antisemitische Taten würden pauschal als "rechts" verbucht, greift für 2025 nicht mehr: Die Sonderregel dazu galt laut Bundesregierung bis zum 31. Dezember 2023 und wurde zum 1. Januar 2024 gestrichen.
Der Jahresbericht des Bundesverbands RIAS dokumentiert 8.725 antisemitische Vorfälle, auch solche unterhalb der Strafbarkeit. Bei 57 Prozent (4.935) reichten die Informationen nicht für eine politische Zuordnung. Von den zugeordneten entfielen 1.970 auf antiisraelischen Aktivismus, 807 auf Rechtsextreme, 501 auf links-antiimperialistische Akteure und 166 auf einen islamischen oder islamistischen Hintergrund. RIAS ordnet nach politisch-weltanschaulichem Hintergrund, nicht nach Herkunft oder Religion der Täter, auch daraus lässt sich die Aussage über "Muslime" nicht ablesen.
Fazit
Die Behauptung über Angriffe auf Homosexuelle ist falsch. Die amtliche Statistik zeigt, dass ein großer Teil der erfassten Straftaten gegen die sexuelle Orientierung dem rechten Spektrum zugeordnet wird (870 von 2.070, bei den ideologisch zuordenbaren Taten rund 84 Prozent), und nur ein kleiner Teil der religiösen oder ausländischen Ideologie (128 Taten). Bei den Gewaltdelikten ist rund ein Viertel rechts zugeordnet (69 von 284), knapp zwei Drittel sind keiner Ideologie zugeordnet. Dass die Hälfte der Taten nicht zuzuordnen ist und das Dunkelfeld groß bleibt, schränkt den Aussagewert der Zahlen ein, rechtfertigt aber nicht das Wort "nahezu ausschließlich". Bei antisemitischen Straftaten ist der Befund gemischter: Unter den Gewaltdelikten steht die ausländische Ideologie vorn, über alle Taten die rechte Seite, und ob "Muslime" die Täter waren, sagt keine der Statistiken. Der Bremer Fall ist belegt, rechtfertigt die Verallgemeinerung aber nicht, weil über die Verdächtigen außer der Sprache nichts bekannt ist.
