Link Beschreibung
Journalistenwatch berichtet am 5. Oktober 2026 unter der Überschrift "Massive Wettereingriffe: Immer weniger Regen durch Windrad-Wahnsinn" über eine Modellstudie des Helmholtz-Zentrums Hereon zu Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee. Danach könnten die Niederschläge in angrenzenden Küstenregionen um bis zu 15 Prozent zurückgehen. Der Text spricht von "Windpark-Ungetümen", mit denen Deutschland "von Nord nach Süd verunstaltet" werde, und zählt am Ende auch die "Austrocknung von Böden" zu den Schäden der Windkraft.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Der Kern der Zahlen stimmt. Die Studie von Naveed Akhtar und Kollegen ist in Communications Earth & Environment erschienen. Sie simuliert mit dem Klimamodell COSMO-CLM zehn Jahre Wetter (2008 bis 2017) mit Offshore-Windparks im Stand von 2023 sowie in Szenarien für 2030 und 2050. Im Maximalszenario für 2050 nimmt der Niederschlag über den Windparkflächen um 12 bis 18 Prozent zu, in angrenzenden Küstenregionen Dänemarks, Deutschlands, der Niederlande und Großbritanniens sinkt er um 10 bis 15 Prozent. Die Pressemitteilung des Hereon fasst das als Rückgänge "von bis zu 15 Prozent" zusammen. Die Studie selbst nennt je nach Stelle unterschiedliche Werte. Im Ergebnisteil stehen für den Nordwesten Schleswig-Holsteins und die niedersächsische Küste etwa 5 bis 8 Prozent. Die Zusammenfassung spricht für Deutschland, die Niederlande und Großbritannien von 10 bis 12 Prozent und für Teile Jütlands von mehr als 15 Prozent. Der Schlussteil nennt für die Küsten aller vier Länder rund 8 bis 15 Prozent, besonders im Herbst und Winter. Am stärksten ist der Rückgang in Jütland, nicht an der deutschen Küste.
Was Journalistenwatch daraus macht, geht deutlich weiter als die Studie.
Die Studie rechnet ein Gedankenexperiment durch und keinen Ausbauplan. Das Szenario ist nach Angaben des Hereon ein "rein technisches" und "bewusst extremes": Es setzt sämtliche in Nord- und Ostsee ausgewiesenen Flächen als voll bebaut an und kommt damit auf eine Leistung, die "deutlich über den diskutierten Ausbauzielen von 300 GW bis 2050" liegt. Eine genaue Gigawatt-Zahl für dieses Szenario nennen weder Pressemitteilung noch Studientext, die Studie beschreibt es als Obergrenze mit 8 Megawatt je Quadratkilometer. Journalistenwatch erwähnt den Abstand zu den Ausbauzielen im Fließtext zwar, die Überschrift ("Immer weniger Regen") beschreibt aber eine laufende Entwicklung. Für die bestehenden Parks und die Planungen bis 2030 finden die Autoren nur kleine Effekte, die sich im Wesentlichen auf Meeresgebiete beschränken.
Der Effekt hängt außerdem an Wetterlage und Jahreszeit. Laut Studie tritt der Rückgang an der Küste vor allem bei Südwestwind auf, bei Nordwestwind ist die Wirkung vernachlässigbar. Er zeigt sich vor allem im Herbst und Winter und fällt dann größer aus als im Jahresmittel: Die Studie nennt für diese Jahreszeiten Rückgänge von bis zu 20 Prozent. Für den Sommer gibt es kein einheitliches Signal. In Jütland sinkt nicht die Zahl der Regentage, sondern es fallen weniger starke Niederschläge.
Die Autoren schränken ihre Aussage selbst ein. Die Ergebnisse stammen aus einem Modell, einem Windparkszenario und einer Kapazitätsdichte. Die Autoren verlangen ausdrücklich weitere Untersuchungen mit mehreren Modellen, um die Unsicherheit einzugrenzen. Ihre Ergebnisse sollen außerdem keine Klimaprojektionen ersetzen: Für den Winter erwarten unabhängige Projektionen unter einem Hochemissionsszenario in Nordeuropa ohnehin rund 15 Prozent mehr Niederschlag durch den Klimawandel. Das Hereon ordnet die Windkraft zugleich als "wichtigen Baustein der Energiewende" ein und will mit der Studie erreichen, dass sich Ausbau und Küstenschutz vereinbaren lassen. Journalistenwatch deutet das als Pflichtübung ("pflichtschuldig"), eine Begründung dafür liefert der Text nicht.
Windräder an Land und Böden kommen in der Studie gar nicht vor: Sie untersucht ausschließlich Offshore-Windparks. Die Rede von Windparks, mit denen Deutschland "von Nord nach Süd" überzogen werde, und die Verbindung zur "Austrocknung von Böden" finden in der Studie keinen Anhaltspunkt. Aussagen über Anlagen an Land oder die Bodenfeuchte macht sie nicht. Eine frühere Hereon-Studie hatte zudem schon etwa 5 Prozent mehr Niederschlag innerhalb der Parkgebiete beschrieben, also über dem Meer (Hereon-Pressemitteilung zur Studie von 2022).
Dieselbe Studie hat im August 2026 bereits die AfD-Bundestagsfraktion für ihre Forderungen genutzt, wir haben sie dort im Detail eingeordnet.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Dass ein sehr weitreichender Offshore-Ausbau den Regen an manchen Küsten verringern könnte, hat die Hereon-Studie tatsächlich modelliert, für die deutsche Küste je nach Stelle der Studie um 5 bis 15 Prozent, mit den höheren Werten im Herbst und Winter, in Teilen Dänemarks um mehr. Das gilt aber nur für ein bewusst extremes Maximalszenario deutlich über den EU-Ausbauzielen, bei bestimmten Windrichtungen und vor allem im Herbst und Winter. Für heutigen Bestand und Planung bis 2030 zeigt die Studie nur kleine Effekte, überwiegend über dem Meer. Die Überschrift "Immer weniger Regen" macht daraus eine laufende Entwicklung, und über Windräder an Land oder trockene Böden sagt die Studie nichts.
