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Stand: 31.10.2026

JF: Nur die wenigsten Türken kamen, um zu arbeiten

Irreführend

Link Beschreibung

Zum 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens greift die Junge Freiheit eine Auswertung des Statistischen Bundesamts auf: Nur 15 Prozent der heute in Deutschland lebenden, selbst aus der Türkei Eingewanderten nannten Arbeitssuche als Migrationsgrund. Die Zeitung nennt es deshalb eine "Lüge", dass Türken Deutschland aufgebaut hätten.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Zahlen stammen aus der Pressemitteilung Nr. 377 vom 29. Oktober 2026 des Statistischen Bundesamts und sind korrekt wiedergegeben. Danach nannten 2025 rund 64 Prozent der in Deutschland lebenden, in der Türkei Geborenen familiäre Gründe als Hauptmotiv ihrer Einwanderung, 15 Prozent (218.000) eine Erwerbstätigkeit und 10 Prozent Flucht oder Asyl. Grundlage ist der Mikrozensus, eine Stichprobenbefragung, bei der die Betroffenen ihr Motiv selbst angeben.

Die Schlussfolgerung der Jungen Freiheit lässt sich aus diesen Zahlen trotzdem nicht ziehen, aus drei Gründen.

Erfasst sind nur die Hiergebliebenen. Die Destatis-Zahlen beschreiben ausschließlich Menschen, die 2025 in Deutschland leben. Wer zurückgekehrt ist, taucht nicht auf, die Pressemitteilung sagt dazu nichts. Nach Angaben des Mediendienst Integration kamen aber bis zum Anwerbestopp 1973 rund 867.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus der Türkei, etwa 500.000 kehrten in dieser Zeit in die Türkei zurück. Von den Angeworbenen lebten 2025 laut Destatis noch rund 125.000 in Deutschland. Eine Befragung der Verbliebenen kann nicht beantworten, warum die Mehrheit der Angeworbenen gekommen ist.

Die 15 Prozent mischen mehrere Einwanderungswellen. Von den rund 1,5 Millionen in der Türkei Geborenen kamen nur 216.000 (15 Prozent) zwischen 1961 und 1973, also in der Anwerbezeit. 484.000 folgten zwischen 1974 und 1989, weitere 307.000 seit 2014. Das Anwerbeabkommen von 1961 betraf die erste Gruppe. Dass später Asylsuchende, Studierende oder nachziehende Angehörige dazukamen, sagt nichts darüber, warum die Angeworbenen selbst kamen. Die rund 125.000 noch hier lebenden ehemaligen Gastarbeitenden hat Destatis näherungsweise aus Geburtsland, Zuzugsjahr und Zuzugsmotiv der Befragten berechnet. Unter den 216.000 Zugezogenen von 1961 bis 1973 sind laut Pressemitteilung "neben den ehemaligen Gastarbeitenden (125 000) auch deren Familien". Nach eigener Rechnung auf Basis dieser Angaben kamen damit rund 58 Prozent dieser Gruppe zum Arbeiten, deutlich mehr als die 15 Prozent der JF-Zahl.

Familiennachzug gehört zur Anwerbegeschichte. Das Abkommen sah ursprünglich vor, dass die Arbeitskräfte nach zwei Jahren zurückkehren. Weil die Betriebe das als zu teuer empfanden, entfiel diese Befristung 1964, wie ZDFheute berichtet. Der Großteil des Familiennachzugs folgte laut ZDFheute erst nach dem Anwerbestopp von 1973. Der Mediendienst Integration beziffert 2021, gestützt auf ältere Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung, den Anteil der zugewanderten Türkeistämmigen, die über den Familiennachzug kamen, auf rund 53 Prozent (andere Datenbasis als der Mikrozensus 2025). In der Destatis-Statistik steht jeder dieser Fälle unter "familiäre Gründe", auch wenn die Person zu einem angeworbenen Arbeiter zog. Dass zwei Drittel "wegen der Familie" kamen, schließt also nicht aus, dass der Anlass dahinter die Anwerbung war. Den Zusammenhang stellt Destatis selbst her: Viele Angeworbene hätten sich entschieden, in Deutschland zu bleiben und ihre Familien nachzuholen, der Familiennachzug habe sich in den 1970er und 80er Jahren verstärkt. Wie viele der 64 Prozent auf die Anwerbung zurückgehen, beziffert Destatis nicht.

Ob und wie sehr "die Türken Deutschland aufgebaut" haben, ist außerdem eine Wertungsfrage, die keine Motivstatistik entscheidet. Belegbar ist: Die Anwerbung war ein Arbeitsmarktprogramm, rund 867.000 Menschen kamen dafür, und 61 Prozent der in der Türkei geborenen 15- bis 64-Jährigen sind laut Destatis heute erwerbstätig (Gesamtbevölkerung: 77 Prozent).

Fazit

Die Zahl stimmt, ihre Deutung nicht. Die 15 Prozent beschreiben das Hauptmotiv aller heute in Deutschland lebenden Türkei-Geborenen aus mehr als sechs Jahrzehnten, nicht das der angeworbenen Arbeitskräfte. Wer daraus ableitet, nur die wenigsten Türken seien zum Arbeiten gekommen, ist irreführend: Die Rückkehrer fehlen in der Statistik, die Angeworbenen sind eine Minderheit der Befragten, und der Familiennachzug geht zu einem Teil auf die Anwerbung zurück.