Link Beschreibung
Die Junge Freiheit berichtet am 31. Oktober 2026 unter der Rubrik "Ausländerkriminalität" über eine Regierungsantwort auf eine Kleine Anfrage von René Springer aus der AfD-Bundestagsfraktion. 2025 seien 68,5 Prozent der wegen Gewaltkriminalität per Haftbefehl gesuchten Personen keine deutschen Staatsangehörigen gewesen (5.201 von 7.589). Die Drucksachennummer nennt der Artikel nicht. Er zitiert außerdem den Kriminologen Dirk Baier, der gegenüber der Bild darauf hinweise, dass sich aus der Haftbefehlsstatistik nicht ableiten lasse, wie häufig Deutsche und Ausländer Gewaltdelikte begehen.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Zahlen stimmen. Sie stehen in der Antwort der Bundesregierung vom 20. Oktober 2026 (Drucksache 21/8741) auf die Kleine Anfrage 21/8349 von Springer und weiteren AfD-Abgeordneten. Dort sind für 2025 7.589 Personen im Bereich Gewaltkriminalität verzeichnet, 5.201 davon mit nicht deutscher Staatsangehörigkeit und 2.388 mit deutscher. Für 2020 nennt die Antwort 6.259 Personen (3.628 nicht deutsch, 2.631 deutsch). Bei den Straftaten gegen das Leben sind es 536 von 707, bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung 1.076 von 1.630. Auch die Gesamtzahl stimmt: 107.510 Personen, davon 68.009 nicht deutsch, 36.381 ausschließlich deutsch und 3.120 deutsch mit einer weiteren Staatsangehörigkeit. Die JF rechnet sauber, 68,5 Prozent sind 5.201 von 7.589. Die Überschrift rundet allerdings auf "sieben von zehn" auf.
Gezählt werden neu ausgeschriebene Haftbefehle, kein Bestand. Die Antwort führt für 2025 107.510 "Neuausschreibungen" auf Personen und 109.987 erledigte Ausschreibungen auf. Die Summe der Staatsangehörigkeitstabelle ergibt exakt diese 107.510. Die Deliktstabelle sagt nicht ausdrücklich, auf welche Gruppe sie sich bezieht. Nach den Summen spricht vieles dafür, dass es dieselben 2025 neu ausgeschriebenen Personen sind. Die JF schreibt in Überschrift und Vorspann dagegen, wer 2025 "gesucht wurde", und der Teaser spricht von Fahndungen allgemein. Bei der Gesamtzahl benennt sie den Sachverhalt korrekt: Im dritten Absatz heißt es, 2025 seien "107.510 Personen neu mit Haftbefehl zur Fahndung ausgeschrieben" worden. Bei der Gewalt-Zahl fehlt dieser Hinweis in Überschrift und Vorspann. Mit dem Bestand an offenen Haftbefehlen, den NIUS drei Wochen zuvor verwendet hat, ist die Zahl deshalb nicht vergleichbar. Wie dieser Bestand zu lesen ist, steht in unserer Prüfung zu NIUS und den 148.000 offenen Haftbefehlen.
Gezählt werden Personen mit Haftbefehl, keine Tatverdächtigen im Sinne der PKS. Die JF schreibt im Vorspann von "Verdächtigen". Die Antwort weist nur Personen mit Haftbefehl aus. Ein Haftbefehl setzt entweder dringenden Tatverdacht voraus (Untersuchungshaft) oder ein Urteil, das vollstreckt werden soll. Die Antwort schlüsselt nicht auf, welcher Anlass bei den Gewalt-Fällen vorliegt. Bei den offenen Fahndungen insgesamt entfallen nach Drucksache 21/7156 85,9 Prozent auf Strafvollstreckung (Stichtag 1. Juli 2026, Bestand statt Neuausschreibungen). Ist das Verhältnis bei den Gewalt-Fällen ähnlich, untertreibt "Verdächtige" eher, als dass es übertreibt; eine Kategorie der Antwort ist es nicht. Die JF räumt selbst ein, dass die Zahlen sich "nicht ausschließlich" auf rechtskräftig Verurteilte beziehen. Die Kategorie Gewaltkriminalität folgt der Definition der Polizeilichen Kriminalstatistik und umfasst unter anderem gefährliche und schwere Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung, Mord, Totschlag und die Beteiligung an einer Schlägerei (§ 231 StGB). Die Bildunterschrift des Artikels macht daraus, die meisten gesuchten "Schwerverbrecher" seien Ausländer. Das gibt die Kategorie nur zum Teil her, denn sie reicht von Mord bis zur Beteiligung an einer Schlägerei. Die Deliktskategorien überschneiden sich außerdem, wie die Bundesregierung in einer Anmerkung festhält.
Die Fahndungsstatistik bildet etwas anderes ab als die Tatverdächtigenstatistik. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 waren 42,9 Prozent der Tatverdächtigen bei Gewaltkriminalität nichtdeutsch. Der Anteil unter den Haftbefehlen liegt mit 68,5 Prozent deutlich darüber. Beide Statistiken sind nicht deckungsgleich: Die PKS zählt Tatverdächtige eines Jahres, die Antwort neue Haftbefehle. Dass die Anteile so weit auseinanderliegen, zeigt aber, dass die Haftbefehlszahl nicht einfach die Täterstruktur spiegelt. Ein Vergleich mit dem Bevölkerungsanteil (nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 12,4 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bei 83,5 Millionen Einwohnern, rechnerisch 14,8 Prozent) taugt hier nur eingeschränkt, denn PKS und Haftbefehle erfassen auch Nichtdeutsche ohne Wohnsitz in Deutschland, etwa Durchreisende oder Ausgereiste, die in dieser Bevölkerungszahl nicht stecken. Baier führt laut JF an, dass sich Menschen mit Verbindungen ins Ausland leichter einer Festnahme entziehen könnten. Das ist seine Einschätzung; die Antwort der Bundesregierung belegt sie nicht. Wie die PKS-Zahlen selbst einzuordnen sind, steht im Faktencheck Dobrindts PKS-Framing.
Der Anstieg seit 2020 ist kein reines Gewaltphänomen. Dass der Zuwachs von 6.259 auf 7.589 Personen rechnerisch allein auf Nichtdeutsche entfällt, stimmt: plus 1.573 bei ihnen, minus 243 bei den Deutschen. Die JF lässt aber weg, dass die Neuausschreibungen insgesamt im selben Zeitraum von 77.750 auf 107.510 stiegen. Bei Nichtdeutschen wuchsen sie von 43.473 auf 68.009 (plus 56 Prozent), bei Deutschen einschließlich Doppelstaatlern von 34.277 auf 39.501 (plus 15 Prozent). Die Zahl der wegen Gewaltkriminalität gesuchten Nichtdeutschen stieg mit 43 Prozent langsamer als alle ihre Neuausschreibungen. Bezieht man die Deliktstabelle auf dieselben Personen, sank der Anteil der Gewaltkriminalität an den Neuausschreibungen bei Nichtdeutschen von 8,3 auf 7,6 Prozent und bei Deutschen von 7,7 auf 6,0 Prozent (eigene Berechnung). Der Anteil der Nichtdeutschen an den Gewalt-Haftbefehlen lag 2020 bei knapp 58 Prozent und 2024 bei 65,5 Prozent (4.586 von 7.001); der Anteil stieg also schrittweise und nicht erst zuletzt.
Absolute Zahlen sagen nichts über Risiken. Die JF merkt selbst an, dass die Nationalitätenzahlen die Größe der Bevölkerungsgruppen nicht berücksichtigen. Der Artikel führt dennoch Rumänen (442), Türken (394), Polen (364) und Syrer (363) als größte Gruppen auf, ohne dass sich daraus eine Aussage über deren Gewaltbelastung ableiten ließe. Eine Rechnung je 100.000 Einwohner enthält die Antwort nicht.
Baiers Einschränkung steht weit unten im Text. Seine Aussage gegenüber der Bild ist derzeit nicht im Wortlaut einsehbar; der Artikel gibt sie nur sinngemäß wieder. Dass die Haftbefehlsstatistik keine Aussage über die Häufigkeit von Gewalttaten erlaube, steht erst im letzten Drittel, unter einer Zwischenüberschrift zum Bürgergeld. Überschrift, Teaser und Vorspann tragen diese Einschränkung nicht.
Fazit
Die Angabe ist teils richtig, aber irreführend gerahmt. Dass 68,5 Prozent der 2025 im Bereich Gewaltkriminalität per Haftbefehl erfassten Personen keine deutsche Staatsangehörigkeit hatten, stimmt nach der Regierungsantwort. Gezählt werden aber Personen mit neu ausgeschriebenem Haftbefehl und keine Tatverdächtigen der PKS, und die Zahl liegt weit über dem Anteil von 42,9 Prozent Nichtdeutschen an den PKS-Tatverdächtigen bei Gewaltkriminalität. Fahndungs- und Tatverdächtigenstatistik messen Verschiedenes; ein Teil der Differenz kann daran liegen, dass Gesuchte ohne Wohnsitz in Deutschland oder Ausgereiste ausgeschrieben bleiben, belegt ist das für Gewaltdelikte aber nicht. Aus der Statistik lässt sich daher nicht ablesen, wie häufig Deutsche und Nichtdeutsche Gewalttaten begehen. Die JF räumt das selbst ein, rahmt ihre Meldung in Überschrift, Vorspann und Bildunterschrift aber anders.
