Link Beschreibung
Die Junge Freiheit berichtet am 9. Oktober 2026 über die Kritik der Beobachtungsstelle OIDAC an einem Video des Tagesschau-Formats "rabbit hole". Das Video stellt der OIDAC-Zahl von 33 Brandstiftungen an Kirchen in Deutschland im Jahr 2024 die Angabe des Bundeskriminalamts gegenüber, es habe keine Brandstiftung mit christenfeindlichem Motiv erfasst. OIDAC-Geschäftsführerin Anja Tang nennt das "tendenziösen Journalismus" und wirft dem Sender vor, Angriffe auf Kirchen pauschal herunterzuspielen. Die Zeitung räumt selbst ein, dass die OIDAC-Liste sehr Unterschiedliches enthält, vom angekokelten Buch bis zu einem Altarraumbrand mit mehreren zehntausend Euro Schaden.
Das kritisierte Video vom 6. Oktober 2026 (knapp zwölf Minuten, Titel "Warum brannten diese Kirchen?"):
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die beiden Zahlen widersprechen sich nicht. Der OIDAC-Bericht 2025 nennt 94 Brandanschläge auf Kirchen und christliche Einrichtungen in Europa 2024, davon 33 in Deutschland. Der Bericht gibt die 33 ausdrücklich als Zahl aus den eigenen OIDAC-Daten an und weist selbst darauf hin, dass die polizeiliche Statistik nur politisch motivierte Taten erfasst. Das BKA führt Straftaten gegen Christen im Unterthemenfeld "Christenfeindlich" der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität. Laut Antwort der Bundesregierung auf eine AfD-Anfrage (Drucksache 20/14456) erfasst dieser Meldedienst ausschließlich politisch motivierte Taten, Brandstiftungen ohne politisches Motiv stehen dort nicht. In diesem Unterthemenfeld verzeichnet die Antwort für 2024 (Stand 10. Dezember 2024, vorläufig) keine Brandstiftung, bei insgesamt 228 Straftaten. Wer 33 und null nebeneinanderstellt, vergleicht also eine Zählung nach Verdachtsfällen mit einer Zählung nach festgestelltem Motiv.
Was das Video belegt. Das Team gibt an, bei Polizei und Staatsanwaltschaften zu den 33 Fällen nachgefragt zu haben. 27 Behörden hätten geantwortet, in keinem dieser Fälle sei ein christenfeindliches Motiv gefunden worden. Mehrfach sei nur wegen Sachbeschädigung durch Brandlegung ermittelt worden, in einem bayerischen Fall bei fünf Euro Schaden. Wo Täter bekannt wurden, seien es häufig Kinder und Jugendliche gewesen. Das ist ein belastbarer Befund gegen die Lesart, in Deutschland würden reihenweise Kirchen aus religiösem Hass angezündet. Eine Zuschreibung der deutschen Brände an muslimische Täter belegt der OIDAC-Bericht nicht, und Tang distanziert sich im Video selbst davon. Der Bericht nennt allerdings unter den 93 europaweiten Fällen, bei denen sich Motiv oder Täterumfeld feststellen ließen, "radical Islamist ideology" (Übersetzung: radikal-islamistische Ideologie) mit 35 Fällen als häufigste Gruppe, vor linksradikaler (19) und rechtsradikaler Ideologie (7). Gemessen an den 516 Hassverbrechen, die OIDAC für 2024 selbst dokumentiert hat, ist das wenig. Zu den Motiven der meisten Vorfälle liegen laut Bericht nur begrenzte Informationen vor. Die Zahl gilt für ganz Europa und sagt nichts über die 33 deutschen Brände.
Wo das Video zu weit geht. Die Schlussfolgerung, bei der Polizei sei in keinem der 33 Fälle Christenfeindlichkeit ermittelt worden, ist von den eigenen Angaben nicht gedeckt: Geantwortet haben 27 von 33. Die Angabe "null Brandstiftungen" im BKA-Wert sagt außerdem nur, dass keine Tat als politisch motiviert eingestuft wurde, nicht, dass es keine Brände an Kirchen gab. Taten ohne politisches Motiv stehen laut Bundesregierung in der Polizeilichen Kriminalstatistik, dort lässt sich der Tatort "Kirche" aber nicht auswerten; die Tatörtlichkeit "religiöse Einrichtung und Friedhof" gibt es erst ab dem Berichtsjahr 2024. Die Unterstellung, OIDAC wolle "wohl auch" politischen Handlungsdruck erzeugen, ist eine Deutung. Das Video begründet sie mit einem Instagram-Post der Geschäftsführerin und der Herkunft der Organisation, ein Beleg für eine Absicht ist das nicht. Auch den Begriff "selbsternannt" für OIDAC beanstandet Tang. Nach eigener Darstellung arbeitet OIDAC mit Sitz in Wien und finanziert sich durch Spenden, Tang ist Geschäftsführerin, Martin Kugler Präsident des Vorstands (OIDAC: Team). Laut JF und Video geht die Gründung auf Gudrun Kugler zurück, eine Politikerin der konservativen österreichischen ÖVP.
Was die JF-Darstellung weglässt. Der Artikel hält zu Recht fest, dass das Video die OSZE-Anbindung von OIDAC nicht erwähnt. Dass das Team bei Polizei und Staatsanwaltschaften nachgefragt hat, gibt die JF mit den Worten der Moderatorin wieder. Es fehlen das Ergebnis dieser Abfrage (27 Antworten, kein christenfeindliches Motiv ermittelt) und Tangs im Video gezeigte Kritik an der engen BKA-Definition. Auch die Beschreibung, das Video spiele Angriffe "pauschal" herunter, passt nicht zu Aussagen wie der, dass der Schaden "häufig" gering gewesen sei. Ob ein Altarbrand im Video als "Tischdecke" erscheint, wie Tang sagt, lässt sich am Video nicht nachvollziehen, es nennt nur allgemein Fälle, in denen eine Tischdecke oder Verbandsmaterial angezündet wurde. Den Vorwurf, aus einer in Brand gesetzten Bibel werde ein "angekohltes Buch", verbindet die JF mit der Instagram-Kurzfassung des Videos und vermutet dahinter den Fall Weihenlinden. Dort wurde nach Auskunft der Polizei an die ARD ein Notizbuch angekokelt, OIDAC spricht von einem Gebetsbuch. Die Kurzfassung war für diese Bewertung nicht einsehbar. Tangs Beschreibung der Methode gibt der JF-Artikel zudem ohne Gegenprobe wieder. Der Bericht nennt sich selbst "exploratory research" (Erkundungsstudie) und legt die OSZE-Definition von Hasskriminalität zugrunde, also Straftaten, die aus Vorurteil gegen eine Gruppe begangen werden. Eine Regel, Fälle auch ohne nachgewiesenes Motiv nach Indikatoren zu zählen, beschreibt der Methodikteil nicht. Die OSZE-Datenbank hatecrime.osce.org listet für Deutschland nur Fälle, die nach der OSZE-Definition als Hasskriminalität gelten, und vermerkt unter den Sachbeschädigungen mehrere Brandanschläge auf Kirchen.
Die Weiterdrehung. Das Portal Journalistenwatch macht aus dem Streit am 9. Oktober 2026 die Behauptung, Anschläge auf Kirchen und andere christenfeindliche Übergriffe nähmen "stetig zu", das sei "zigfach belegt". Als Beleg nennt der Text nur einen einzigen Jahresvergleich: Die Kriminalstatistik habe von 2023 auf 2024 einen Anstieg politisch motivierter christenfeindlicher Gewalt von "über 20 Prozent" registriert. Der Größe nach passt das zu den Zahlen, denn laut OIDAC-Bericht stiegen die polizeilich erfassten, politisch motivierten christenfeindlichen Straftaten von 277 (2023) auf 337 (2024). Ein stetiger Anstieg seit 2015 folgt daraus nicht. In der Antwort der Bundesregierung (Drucksache 20/14456) lagen die Jahressummen im Unterthemenfeld "Christenfeindlich" von 2017 bis 2022 bei 129, 121, 128, 141, 109 und 135, erst 2023 sprangen sie auf 277. Die Antwort beginnt mit 2017, weil erst ab diesem Jahr gefragt wurde. Für 2015 und 2016 enthält sie keine Zahlen, über diese beiden Jahre lässt sich aus ihr also nichts sagen. Dass für 2024 zwei Zahlen im Text stehen, hat einen einfachen Grund: Die 337 ist der Jahreswert, den der OIDAC-Bericht unter Berufung auf das BKA nennt, die 228 der vorläufige Stand vom 10. Dezember 2024 aus der Drucksache, den die Bundesregierung selbst als durch Nachmeldungen noch teilweise deutlich veränderlich bezeichnet. Alle diese Zahlen betreffen sämtliche politisch motivierten christenfeindlichen Straftaten, vom Propagandadelikt bis zur Körperverletzung, nicht Brandstiftungen an Kirchen. Für diese zeigt dieselbe Statistik kein Muster: Mit dem Angriffsziel "Kirche" verzeichnet die Bundesregierung 2021 fünf, 2022 zwei und 2019, 2020, 2023 sowie bis zum 10. Dezember 2024 keine politisch motivierte Brandstiftung.
Fazit
Der Vorwurf ist teils berechtigt, teils überzogen. Berechtigt ist die Kritik, dass das Video die OSZE-Anbindung von OIDAC auslässt. Es macht außerdem aus 27 Antworten ein "in keinem der 33 Fälle". Überzogen ist der Vorwurf des pauschalen Herunterspielens: Das Video hat die Fälle bei Polizei und Staatsanwaltschaften nachgeprüft und lässt OIDAC zu Wort kommen. Zudem räumt OIDAC selbst ein, dass spätere Ermittlungsergebnisse in der Zählung fehlen können, und die 33 Fälle sind Verdachtsfälle, keine ermittelten Hassdelikte. Dass in Deutschland 2024 Kirchen brannten, ist unstrittig. Offen bleibt in beiden Darstellungen, aus welchem Motiv.
