Link Beschreibung
NIUS berichtet nach Bild über einen Energiesicherheits-Index des britischen Adam Smith Institute, in dem Deutschland auf Platz 69 von 187 Ländern landet, hinter dem Irak, Bosnien und Herzegowina und Kirgisistan. Bei der "Stromverfügbarkeit" liege Deutschland nur auf Rang 180. Den Namen der Studie nennt NIUS nicht. Als Grund führt der Artikel an, dass Wind und Solar in der Wertung als nicht jederzeit steuerbar gelten. Im zweiten Teil setzt NIUS eine Umfrage der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) dagegen: Über 82 Prozent der bayerischen Betriebe bewerten die Stromversorgung als gut oder sehr gut, über 48 Prozent berichten aber von kurzen Stromausfällen unter drei Minuten.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Studie gibt es, und die Platzierung stimmt. Im Global Energy Security Index 2026 vom 19. Oktober 2026 steht Deutschland laut der Rangliste im Bericht mit 72,4 Punkten auf Platz 69. Davor liegen Kirgisistan (Platz 57), der Irak (66) und Bosnien und Herzegowina (68). Norwegen führt mit 90,9 Punkten. Auch die Reihenfolge, die NIUS in der Überschrift nennt, stimmt.
Offen bleibt, was der Rang aussagt. Der Index besteht aus vier gleich gewichteten Komponenten mit je 25 Prozent: dem Anteil "dispatchbarer", also bedarfsgerecht abrufbarer Stromerzeugung, der Vielfalt des Primärenergieverbrauchs, der Sicherheit der Energieimporte und dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Maß für die Zahlungsfähigkeit. Bei der ersten Komponente zählen Wind, Solar sowie Gezeiten- und Wellenkraft mit null, alle übrigen Quellen voll, also auch Wasserkraft, Kernenergie, Kohle, Öl, Gas und Biomasse. Der Bericht erklärt selbst, dass er keine Kosten abbildet und Energiesicherheit über strukturelle Merkmale definiert. In der veröffentlichten Rechenanleitung kommen weder Stromspeicher noch tatsächliche Ausfallzeiten vor. Datenbasis ist das Jahr 2024.
Der Begriff "Stromverfügbarkeit" im NIUS-Artikel legt deshalb etwas anderes nahe, als gemessen wird. Die Komponente heißt "Dispatchability" und fragt, welcher Teil des erzeugten Stroms aus steuerbaren Quellen stammt, nicht, ob der Strom tatsächlich ankommt. Ob Deutschland dabei Rang 180 erreicht, weist der veröffentlichte Bericht für einzelne Länder nicht aus. Dass der Rang schlecht ausfällt, ist aber folgerichtig: Nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts kamen im ersten Halbjahr 2026 zusammen 47,2 Prozent des eingespeisten Stroms aus Wind (29,4 Prozent) und Solar (17,8 Prozent). Der Index wertet diesen Anteil als nicht steuerbar.
Die tatsächliche Versorgung sieht anders aus. Die Bundesnetzagentur weist für 2024 im Durchschnitt 11,7 Minuten Stromunterbrechung je Letztverbraucher aus, nach 12,8 Minuten im Jahr 2023 und bei einem Zehnjahresmittel von 12,7 Minuten. Sie bezeichnet die Versorgungsqualität als "sehr zuverlässig". Zu beachten ist, dass der Wert nur Unterbrechungen von mehr als drei Minuten erfasst und Ereignisse höherer Gewalt wie Extremereignisse nicht einrechnet. Kürzere Ausfälle fehlen also in der Statistik. Dass sie vorkommen, zeigt eine Umfrage der vbw vom Jahresanfang 2026 unter Mitgliedsunternehmen von bayme vbm und den vbw-Mitgliedsverbänden: Laut vbw-Positionspapier vom Oktober 2026 bewerten rund 82 Prozent der befragten Unternehmen die Versorgungssicherheit mit gut oder sehr gut, zugleich berichten 48,1 Prozent von Stromausfällen unterhalb der Erfassungsschwelle von drei Minuten, nach 39,7 Prozent im Vorjahr. Laut vbw-Pressemitteilung haben gut 60 Prozent der betroffenen Unternehmen dadurch wirtschaftliche Schäden erlitten. Es ist eine Verbandsumfrage unter Mitgliedsunternehmen; Stichprobengröße und Repräsentativität nennt die vbw nicht. Die Zahl von 11,7 Minuten und die Unternehmensumfrage widersprechen sich nicht, sie messen Unterschiedliches: die durchschnittliche Dauer längerer Unterbrechungen je Verbraucher und die Erfahrung einzelner Betriebe mit Kurzunterbrechungen. Das Stromnetz ist zudem europäisch vernetzt, und der Importsaldo ist klein geworden: Laut Statistischem Bundesamt sank der Überschuss der Stromimporte im ersten Halbjahr 2026 von 8,3 auf 0,6 Milliarden Kilowattstunden.
Dass die Reihenfolge von der Definition abhängt, zeigt ein anderer Index. Die Studie "Global Energy Security Index and Its Application on National Level" von Forschern der finnischen LUT University setzte Deutschland nach einem Bericht von Clean Energy Wire vom Mai 2020 auf Platz 1 von allen Ländern. Sie bewertete 15 Dimensionen, darunter Resilienz und Politik. Schwächer schnitt Deutschland dort bei der Verfügbarkeit von Rohstoffen ab. Keiner der beiden Indizes ist ein objektives Maß, beide bilden eine Auswahl von Kriterien ab.
Zur Herkunft gehört, dass der Bericht ein politisches Anliegen hat. Das Adam Smith Institute fordert für Großbritannien laut seiner Pressemitteilung, Subventionen und Vorgaben für Wind und Solar zu streichen und mehr Kern- und Gaskraftwerke zu bauen. Im Bericht selbst schreibt es, der Atomausstieg habe Deutschland in den vergangenen Jahren zum Nettoimporteur von Strom gemacht. Die Gewichtung der Komponenten passt zu dieser Position, was die Daten nicht falsch macht. Wer den Rang als Aussage über Versorgungssicherheit liest, sollte aber wissen, dass er vor allem den Anteil von Wind und Solar abbildet. NIUS benennt das Institut als marktwirtschaftlich ausgerichtete Denkfabrik und erklärt, warum Wind und Solar nicht zählen. Es nennt aber weder den Studientitel noch einen Link, nicht die Gewichtung der vier Faktoren und nicht die politischen Forderungen des Instituts.
Fazit
Die Meldung ist teilweise richtig. Deutschland steht im Index des Adam Smith Institute tatsächlich auf Platz 69 von 187, hinter dem Irak, Bosnien und Herzegowina und Kirgisistan. Als Aussage über die Versorgungssicherheit greift das zu kurz: Der Index zählt Wind und Solar als nicht steuerbar und erfasst keine tatsächlichen Ausfälle, die in Deutschland bei rund 12 Minuten im Jahr liegen. Kurze Ausfälle unter drei Minuten, von denen laut vbw-Umfrage knapp die Hälfte der befragten bayerischen Betriebe berichtet, bildet diese Statistik allerdings nicht ab.
