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Stand: 24.10.2026

NIUS: Harald Lesch desinformiere über Kernkraft

Irreführend

Link Beschreibung

NIUS wirft dem Physiker und ZDF-Moderator Harald Lesch vor, in einem Interview mit der Welt über Kernkraftwerke zu desinformieren. Lesch hatte Kernkraft als veraltete Technologie bezeichnet, auf Abschaltungen in Frankreich wegen Wassermangels verwiesen und gesagt, niemand bei Verstand baue heute noch Kernkraftwerke. NIUS hält mit Zahlen zu weltweiten Neubauprojekten dagegen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Ausgangspunkt ist ein Interview, das Lesch der Welt gegeben hat. Das Interview selbst ist derzeit nicht einsehbar. Wörtlich belegt ist die Aussage "Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke" sowie die Wendung "völlig veraltete Technologie" durch die Wiedergabe von Apollo News: "Völlig veraltete Technologie": Harald Lesch schießt gegen Kernkraft und attackiert Chrupalla (23. Oktober 2026). Dort steht auch der Hinweis auf die abgeschalteten Reaktoren in Frankreich. Die Wendung, Kernkraftwerke "machten im Grunde nur Wasser heiß", findet sich dagegen nur bei NIUS und lässt sich am Original nicht prüfen.

Leschs Neubau-Satz ist eine Wertung, keine Zählung. "Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke" behauptet nicht, dass weltweit keine Reaktoren entstehen. Der Satz sagt, dass ein Neubau unvernünftig ist. NIUS hält mit Baustellenzahlen dagegen: Nach den Daten der World Nuclear Association sind weltweit 443 Reaktoren betriebsbereit und 79 im Bau, NIUS nennt 440 und 79. In Polen sind am Standort Lubiatowo-Kopalino drei Reaktoren vom Typ AP1000 geplant, die Rodungsarbeiten sind laut Nordkurier abgeschlossen. Das widerlegt eine Aussage, die Lesch nicht gemacht hat.

Für seine Wertung gibt es dagegen gute Gründe, die er in einem früheren Interview vor allem mit den Kosten begründet hat. Die großen Neubauprojekte der vergangenen Jahrzehnte in Europa und den USA sind deutlich teurer und später fertig geworden als geplant. Flamanville 3 in Frankreich ging laut französischem Rechnungshof mit zwölf Jahren Verspätung in Betrieb und kostete 23,7 Milliarden Euro statt der veranschlagten 3,3 Milliarden (Journal de l'économie, 15. Januar 2025). Olkiluoto 3 in Finnland ging mit mehr als 13 Jahren Verspätung ans Netz. Für Hinkley Point C in Großbritannien verschob EDF den Start von 2027 auf frühestens 2029, die Kosten stiegen auf bis zu 46 Milliarden Pfund (Euronews, 25. Januar 2024). Die beiden neuen Blöcke in Vogtle in den USA wurden rund sieben Jahre zu spät und etwa 17 Milliarden Dollar über Budget fertig. Man kann Kernkraft trotzdem für richtig halten, aber Leschs Urteil ist eine vertretbare Position und keine Desinformation.

Der Frankreich-Hinweis ist im Kern richtig, aber ungenau formuliert. Im Juli 2026 standen in Frankreich laut Euronews drei Reaktoren still (Golfech 2, Bugey 3, Chooz 2, zusammen 3,65 Gigawatt, rund 6 Prozent der französischen Kernkraftkapazität), sieben weitere mussten ihre Leistung eventuell anpassen. Der Grund war aber kein leerer Fluss: Zu warmes Kühlwasser darf nicht in sich ohnehin aufheizende Flüsse eingeleitet werden. EDF betont, es gebe kein Risiko für die nukleare Sicherheit. Insofern hat NIUS recht, wenn es Abschaltungen "wegen Wassermangels" als unpräzise beanstandet. Für Bugey erteilte das Wirtschaftsministerium zudem eine Ausnahme von den Temperaturgrenzen, um das Stromnetz zu sichern.

NIUS spielt die Wasserabhängigkeit dagegen herunter. Dass die Drosselungen auf Umweltauflagen zurückgehen, ändert nichts daran, dass die Leistung der Kraftwerke bei hohen Flusstemperaturen und niedrigen Pegeln sinkt. Das ist eine reale Abhängigkeit vom Wasser, auch wenn kein Sicherheitsproblem besteht. Dass auch Kohle- und Gaskraftwerke gekühlt werden müssen, trifft zu und widerlegt Leschs Punkt nicht, es zeigt nur, dass er nicht auf Kernkraft beschränkt ist. In der Größenordnung ist der Effekt begrenzt: Laut EDF, zitiert von Correctiv, kosteten hohe Flusstemperaturen und Niedrigwasser seit 2000 im Schnitt 0,3 Prozent der Jahresproduktion. Die Zahl stammt von 2022 und sagt über den Hitzesommer 2026 nichts aus.

Der Vorwurf "desinformiert" trägt damit nicht. Der Neubau-Satz ist eine zugespitzte, gut begründbare Wertung, und die Wasserkritik benennt eine echte Schwachstelle, wenn auch ungenau formuliert. NIUS widerlegt vor allem eine Aussage, die Lesch so nicht getroffen hat.

Fazit

Der Vorwurf ist irreführend. Leschs Satz "Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke" ist eine Wertung, keine Behauptung, dass nirgends gebaut wird; NIUS hält ihm deshalb Baustellenzahlen entgegen, die an seiner Aussage vorbeigehen. Die Kostensteigerungen und Verzögerungen bei Flamanville, Olkiluoto, Hinkley Point C und Vogtle stützen seine Einschätzung. Beim Wasserthema vermischt er Hitzeauflagen mit Wassermangel, NIUS wiederum bestreitet die Wasserabhängigkeit der Kernkraft zu stark.