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Stand: 29.09.2026

NIUS: Wüst lobt Türken und kritisiert Deutsche

Komplex

Link Beschreibung

Kommentar von Gunnar Schupelius in der NIUS-Rubrik "Guten Morgen, Deutschland!" vom 29. September 2026 zur Türkei-Reise des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU). Wüst hatte in Ankara gesagt, ohne die türkischen Migranten der ersten Generation sei es nicht möglich gewesen, "wirtschaftlichen Aufschwung hinzukriegen nach dem Krieg", und Türken seien zu lange als "Integrationsaufgabe" oder "Problem" gesehen worden. Schupelius hält dagegen, türkische Arbeitskräfte hätten bis 1969 weniger als ein Prozent aller Beschäftigten ausgemacht, und deutet Wüsts Aussagen als Wahlkalkül.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Was Wüst gesagt hat. Die Aussagen fielen am 28. September 2026 beim Besuch eines Henkel-Werks in Ankara, dem Auftakt einer dreitägigen Reise zum 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Nach der dpa-Meldung im Handelsblatt: Überraschung bei Türkei-Reise, Erdogan empfängt Wüst sagte er: "Ohne diese Menschen wäre nicht möglich gewesen, wirtschaftlichen Aufschwung hinzukriegen nach dem Krieg. Die haben im Stahlwerk gearbeitet, unter Tage, bei Ford in Köln, im Straßenbau, überall." Gemeint waren die türkischen Migranten, nicht Gastarbeiter insgesamt. Von einem "Wirtschaftswunder" sprach er nicht, den Begriff führt erst NIUS ein. Zur Sicht auf Türkeistämmige meldete dpa laut news.de, sie seien zu lange "als Integrationsaufgabe" und auch "gelegentlich als Problem" gesehen worden. Heute werde gesehen, wie einseitig das gewesen sei. NIUS lässt das "gelegentlich" weg. Die Pressemitteilung der Staatskanzlei NRW bestätigt Anlass und Reiseprogramm.

Die Ein-Prozent-Zahl. NIUS nennt sie für die Zeit bis 1969. Dafür gibt es eine belastbare Größenordnung. Nach der Bundeszentrale für politische Bildung: Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen setzte die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer erst Ende der 1960er Jahre "mit vollem Tempo" ein: 1968 arbeiteten 152.900 Türken in der Bundesrepublik, 1971 waren es 453.100, 1973 schließlich 605.000. Bei rund 26 bis 28 Millionen Erwerbstätigen, die das Online-Migrations-Museum Rheinland-Pfalz für 1960 bis 1973 angibt (26,3 auf 27,7 Millionen), waren das 1968 deutlich unter einem Prozent. Schon 1971 lag der Anteil bei mindestens 1,6 Prozent, 1973 bei rund 2,2 Prozent (eigene Rechnung, Arbeitnehmer im Verhältnis zu allen Erwerbstätigen). Die Zahl gilt also für die ersten Jahre nach dem Abkommen von 1961, nicht für den gesamten Zeitraum bis zum Anwerbestopp. Ab 1972 waren Türken laut bpb die größte Gruppe unter den ausländischen Arbeitnehmern.

Der Wirtschaftswunder-Einwand. Dass der Aufschwung lange vor dem Abkommen mit der Türkei begann, ist unstrittig. Die bpb weist in Erstes Anwerbeabkommen vor 65 Jahren darauf hin, dass das erste Anwerbeabkommen 1955 mit Italien geschlossen wurde, nach dem "enormen Aufschwung" der frühen 1950er Jahre. Umgekehrt wuchs die Zahl der ausländischen Beschäftigten laut derselben Seite von gut 280.000 im Jahr 1960 auf rund 2,6 Millionen 1973; bezogen auf die rund 26,3 Millionen Erwerbstätigen von 1960 und die 27,7 Millionen von 1973 (Online-Migrations-Museum Rheinland-Pfalz) macht das einen Anstieg von gut einem auf rund neun Prozent (eigene Rechnung). Das Museum selbst nennt für 1973 einen Anteil von 11,9 Prozent. Der passt allerdings nicht zu seinen eigenen Angaben von knapp 2,6 Millionen Ausländern bei 27,7 Millionen Erwerbstätigen und beruht offenbar auf einer anderen Bezugsgröße. Das Historische Lexikon Bayerns schreibt, mit den Gastarbeitern habe die Wirtschaft "während des Wirtschaftswunders" den Arbeitskräftemangel ausgleichen können. Für Gastarbeiter insgesamt lässt sich also ein spürbarer Beitrag zum Aufschwung der 1960er und frühen 1970er Jahre belegen. Für die türkischen Arbeitnehmer allein geben die Zahlen weniger her: Sie waren zahlenmäßig nur ein kleiner Teil der Erwerbstätigen und kamen überwiegend in der zweiten Hälfte dieser Phase. Wüsts Satz, ohne sie wäre der Aufschwung "nicht möglich gewesen", ist in dieser Ausschließlichkeit nicht belegt. Ob einzelne Branchen wie Bergbau, Stahl oder Straßenbau ohne türkische Arbeitskräfte anders dagestanden hätten, lässt sich mit den herangezogenen Quellen nicht beantworten.

Die Schlagzeile. "Lobt Türken und kritisiert Deutsche" stimmt zur Hälfte. Wüst lobt die türkische Einwanderung deutlich. Seine Kritik richtet sich aber auf eine frühere Sichtweise, die er selbst als "einseitig" bezeichnet, und nicht auf "die Deutschen" als Gruppe. Die Zwischenüberschrift "Wüst kritisiert die Deutschen, nicht die Türken" verallgemeinert diese Selbstkritik am gesellschaftlichen Umgang. Ob Wüst mit dem Besuch auch Wählerstimmen im Blick hatte, wie Schupelius schreibt, ist eine Deutung. Belegen oder widerlegen lässt sie sich nicht.

Fazit

Der Einwand von Schupelius ist in der Sache teilweise berechtigt: Türkische Arbeitnehmer waren in den 1960er Jahren nur ein kleiner Teil der Beschäftigten, und der Aufschwung begann lange vor 1961. Das Ein-Prozent-Argument gilt allerdings nur für die ersten Jahre, bis 1973 stieg der Anteil auf rund 2,2 Prozent, und ausländische Beschäftigte insgesamt machten 1973 rund neun Prozent aller Erwerbstätigen aus (eigene Rechnung, gleiche Bezugsgröße). Die Schlagzeile ist teils richtig, teils überzogen: Wüst lobt tatsächlich, kritisiert aber eine frühere Sichtweise und nicht "die Deutschen". Wüsts eigener Satz zum Aufschwung geht bei den türkischen Arbeitnehmern allein über das hinaus, was sich belegen lässt.