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Stand: 19.09.2026

NIUS: Staat verdiene am Sprit achtmal so viel wie Ölkonzerne

Irreführend

Link Beschreibung

NIUS rechnet am 18. September 2026 anhand einer Aufschlüsselung des Literpreises für Super E10 von der Tagesschau vor, der Staat verdiene am Sprit mindestens achtmal so viel wie die Mineralölkonzerne. Anlass ist die Debatte um Tankrabatt und Übergewinnsteuer.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Steuerzahlen, mit denen NIUS rechnet, stimmen. Nach § 2 Energiesteuergesetz liegt die Energiesteuer auf bleifreies Benzin bei 654,50 Euro je 1000 Liter, also 65,45 Cent je Liter, wie NIUS schreibt. Der CO2-Preis nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz bewegt sich 2026 in einem Korridor von 55 bis 65 Euro je Tonne, was laut ADAC je nach Auktionspreis 15,7 bis 18,6 Cent je Liter Benzin ausmacht. Die von NIUS genannten 15,6 Cent entsprechen etwa dem unteren Wert. Auch die Mehrwertsteuer passt rechnerisch: 19 Prozent aus einem Bruttopreis von 2,29 Euro ergeben rund 36,6 Cent, NIUS nennt 36,5 Cent. Der Rohölwert lässt sich ebenfalls nachvollziehen: Ein Barrel Brent kostete Mitte September 2026 rund 103 Dollar (Brent-Kurs bei wallstreet-online), was bei 159 Litern je Barrel und dem damaligen Wechselkurs grob den von NIUS genannten 56 Cent je Liter entspricht.

Für die Gewinnspanne der Mineralölkette nennt NIUS dagegen keine belastbare Quelle, sondern setzt "großzügig 15 Cent" an und räumt selbst ein, eine exakte Zahl lasse sich "nicht seriös herauslesen". Das ist ein wichtiger Unterschied zu den Steueranteilen: Energiesteuer, CO2-Preis und Mehrwertsteuer folgen gesetzlich geregelten, öffentlich einsehbaren Sätzen. Die Gewinnspanne der Konzerne ist das nicht, und Zahlen dazu bewegen sich, je nach Preisphase, in einer erheblichen Bandbreite.

Dass diese Spanne schwankt, zeigt der Quartalsbericht der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe des Bundeskartellamts zum Tankrabatt Mai/Juni 2026. Laut Bundeskartellamt wurde die befristete Energiesteuersenkung von 16,7 Cent brutto je Liter über alle Wertschöpfungsstufen hinweg, also vom Großhandel bis zur Tankstelle, im Schnitt zu 13,8 Cent bei Diesel und 13 Cent bei E5 an die Kundschaft weitergegeben, eine Lücke von 2,9 beziehungsweise 3,7 Cent je Liter, die stattdessen als zusätzliche Marge irgendwo in der Kette hängen blieb. Auf der Tankstellenebene allein stieg die durchschnittliche Bruttomarge im selben Zeitraum um knapp 3,3 Cent je Liter bei Diesel und 1,9 Cent bei E5 gegenüber dem ersten Quartal 2026; laut Bundeskartellamt deutet das darauf hin, dass die unvollständige Weitergabe eher an der Preissetzung der Tankstellen lag als am Großhandel. Beide Werte betreffen nur den zweimonatigen Tankrabatt-Zeitraum, zeigen aber: Die Marge der Mineralölkette ist kein fester Wert, sondern verändert sich mit der Preislage. Die 10 bis 15 Cent, auf die sich NIUS für die gesamte Kette beruft, sind entsprechend nur eine mögliche Schätzung unter mehreren.

Eine andere Schätzung liefert eine Berechnung des Ölmarktexperten Steffen Bukold im Auftrag von Greenpeace. Danach stiegen die Zusatzgewinne der Ölkonzerne im Juli 2026 auf den damaligen Rekordwert von 976 Millionen Euro, im Schnitt 31,4 Millionen Euro pro Tag, davon 11,1 Millionen bei Benzin und 20,3 Millionen bei Diesel (Greenpeace: Übergewinne der Ölkonzerne klettern im Juli auf Rekordwert von knapp einer Milliarde Euro, 12. August 2026). Nach einer weiteren Berechnung von Bukold erreichten die monatlichen Übergewinne im August 2026 mit 1,2 Milliarden Euro einen neuen Rekord, und Autofahrende zahlten zuletzt im Schnitt zwischen 13 Euro (Benzin) und 17 Euro (Diesel) je 50-Liter-Tankfüllung zusätzlich direkt an die Ölkonzerne (Greenpeace: Geldspeicher-Projektion gegen wachsende Krisengewinne der Ölkonzerne, 18. September 2026). Die zugrunde liegende Studie beziffert das für die erste Septemberhälfte auf rund 26 Cent je Liter Benzin und 35 Cent je Liter Diesel, also in derselben Einheit wie die 10 bis 15 Cent von NIUS. Laut Greenpeace ist das der Teil des Gewinns, der über der Marge vor Kriegsbeginn liegt und sich nicht durch Beschaffungskosten erklären lässt. Gemessen wird dabei der Abstand zwischen Tankstellen- und Rohölpreis ohne Steuern; dass dieser Zuwachs als Gewinn bei den Konzernen bleibt, begründet die Studie damit, dass die Kosten von Raffinerien und Vertrieb weitgehend stabil geblieben seien. Nach dieser Berechnung läge allein dieser Übergewinn-Anteil bei Benzin bereits über der gesamten Margen-Annahme von NIUS. Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar 2026 summierten sich die Übergewinne laut Greenpeace bis Mitte September auf 5,9 Milliarden Euro. Auch das sind, anders als bei NIUS, ausdrücklich nur die Gewinne oberhalb der Vorkriegsmarge, nicht deren Gesamthöhe. Greenpeace selbst fordert, diese Übergewinne per Steuer abzuschöpfen.

Die Grundrechnung, dass der Staat pro Liter deutlich mehr einnimmt als die Konzerne an Gewinn behalten, ist trotzdem nicht falsch. Ähnlich argumentierte schon im März 2026 ein Handelsblatt-Kommentar, der den Staat als einen der großen Profiteure hoher Spritpreise bezeichnete. Nur wird dabei eine gesetzlich geregelte Abgabe, aus der der Staat seine Ausgaben finanziert, einer nach eigenem Eingeständnis unsicheren Nettogewinnschätzung der Konzerne gegenübergestellt. Das sind zwei unterschiedliche Größen, und je nachdem, welche Margenschätzung man ansetzt, schwankt das "Achtfache" erheblich: Bei einer Marge von 10 statt 15 Cent kommt NIUS selbst schon auf das Zwölffache, bei einer höheren Marge wäre es entsprechend weniger. Ob deutsche Autofahrer bei der Energiesteuer einen europäischen Sonderaufschlag zahlen, haben wir anlässlich einer Aussage von Tino Chrupalla eingeordnet. Richtig ist auch der Hinweis, dass die Mehrwertsteuer automatisch mit steigenden Preisen mitwächst, weil sie als fester Prozentsatz auf den Preis aufgeschlagen wird.

Richtig liegt NIUS bei der Übergewinnsteuer: Sie zielt auf die krisenbedingten Zusatzgewinne der Konzerne, nicht auf Energiesteuer, CO2-Preis oder Mehrwertsteuer, und würde an diesen Abgaben auch dann nichts ändern, wenn sie käme. Finanzminister Lars Klingbeil forderte am 18. September 2026 beim Treffen der EU-Finanzminister in Dublin von der EU-Kommission erneut Vorschläge für eine solche Abgabe. Die Bilanzen zeigten, wie die Mineralölkonzerne die aktuelle Situation ausnutzten und "ihre Gewinne deutlich steigern", sagte er (Bericht auf Yahoo Finanzen). EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis zeigte sich unbeeindruckt und verwies darauf, dass die Mitgliedstaaten eine Steuer auf außerordentliche Gewinne auch national einführen können.

Fazit

Der Vergleich ist irreführend, auch wenn die zugrunde liegenden Steuerzahlen von NIUS korrekt und rechnerisch stimmig sind, ebenso wie der Hinweis auf die automatisch mit dem Preis wachsende Mehrwertsteuer. Der eigentliche Kniff liegt darin, wie aus der eigenen, ausdrücklich als unsicher bezeichneten Schätzung von "großzügig 15 Cent" Gewinnspanne ein "mindestens achtmal" wird: NIUS setzt diese unbelegte Zahl als Obergrenze an, statt sie als eine Schätzung unter mehreren zu behandeln. Das "mindestens" gilt nur, wenn die tatsächliche Marge nicht höher liegt, und dagegen spricht eine Berechnung des Ölmarktexperten Steffen Bukold im Auftrag von Greenpeace: Danach lag allein der Übergewinn oberhalb der Vorkriegsmarge bei Benzin zuletzt bei rund 26 Cent je Liter, mehr als die gesamte Margen-Annahme von NIUS. Auch das ist eine Schätzung, die auf der Annahme stabiler Kosten beruht, sie zeigt aber, wie wenig die 15 Cent als Obergrenze taugen. Hinzu kommt, dass "verdient" eine gesetzlich geregelte Abgabe des Staates mit dem Nettogewinn der Konzerne gleichsetzt, obwohl der Staat aus seinem Anteil erst noch seine Ausgaben finanziert. Richtig bleibt der Hinweis, dass eine Übergewinnsteuer an Energiesteuer, CO2-Preis und Mehrwertsteuer nichts ändern würde: Sie setzt bei den krisenbedingten Zusatzgewinnen an, nicht bei den Abgaben.