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Stand: 20.10.2026

Tichy-Kolumne: "80 Prozent der Migranten sind junge Männer"

Falsch

Link Beschreibung

Laszlo Trankovits wirft Medien und Politik auf Tichys Einblick "elf alltägliche Lügengeschichten" vor, von Klimapolitik über Migration und Islam bis zu Sozialleistungen und Rundfunk. Dabei nennt er selbst Zahlen ohne Quelle, darunter die Behauptung, fast 80 Prozent der Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika seien junge Männer.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Kolumne ist ein Meinungsstück, die Überschriften sind als Gegenthesen zu angeblichen "Lügengeschichten" aufgebaut. Überprüfbar sind nur die eingestreuten Zahlen. Die meisten stehen ohne Quelle da. Die auffälligste, weil sie das Migrationsargument der Kolumne stützen soll, ist der Satz, "fast nie" werde gesagt, "dass aus dem Nahen Osten und Afrika fast 80 Prozent der Migranten junge Männer sind". Der Autor nennt weder eine Quelle noch eine Altersgrenze für "jung".

Der Männeranteil liegt bei rund 60 Prozent, nicht bei 80. Die Asylstatistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für 2025 weist 113.236 Erstanträge aus. 59,4 Prozent der Antragstellenden waren männlich, 72,6 Prozent jünger als 30 Jahre und 44,9 Prozent minderjährig (BAMF: Aktuelle Zahlen, Dezember 2025). Im ersten Halbjahr 2026 lag der Männeranteil bei 57,2 Prozent (bpb: Demografie von Asylsuchenden). Die meisten Erstanträge kamen 2025 aus Afghanistan, Syrien und der Türkei, danach folgten Somalia, der Irak, Russland und Eritrea. Die großen Gruppen aus dem Nahen Osten und Afrika sind in diesen Zahlen also enthalten.

Auch mit der großzügigsten Lesart kommen keine 80 Prozent heraus. Rechnet man die BAMF-Tabelle für 2025 nach den verschiedenen Möglichkeiten durch, was "junge Männer" heißen könnte, ergibt sich:

  • Männer zwischen 18 und 34 Jahren: 27.201 von 113.236 Erstanträgen, also 24,0 Prozent.
  • Männer zwischen 16 und 34 Jahren: 31.948, also 28,2 Prozent.
  • Alle Männer unter 35 Jahren, Kinder eingeschlossen: 55.420, also 48,9 Prozent.
  • Alle Männer, jedes Alter: 59,4 Prozent.
  • Nur Volljährige betrachtet: 62,6 Prozent der erwachsenen Antragstellenden waren Männer, 43,6 Prozent Männer unter 35.

Eine einzige Zahl aus der Tabelle liegt über 80 Prozent: Von den männlichen Antragstellenden waren 82,4 Prozent jünger als 35. Das ist aber eine Aussage über das Alter der Männer, nicht über den Anteil junger Männer an allen Migranten. Ob der Autor diese beiden Größen verwechselt hat, lässt sich nicht sagen.

Unter allen hier lebenden Ausländern ist der Männeranteil noch niedriger. Am 31. Dezember 2025 lebten laut Ausländerzentralregister 14,07 Millionen Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, davon 52,3 Prozent Männer. Bei den Syrern waren es 59,2 Prozent, bei den Afghanen 63,1 Prozent, bei den Irakern 55,7 Prozent, bei allen Staatsangehörigen afrikanischer Länder zusammen 56,4 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt, Ausländische Bevölkerung nach Geschlecht). Männer sind unter Geflüchteten aus diesen Ländern also deutlich in der Mehrheit, aber 80 Prozent junge Männer lassen sich daraus nicht ableiten. Dass der Männeranteil bei den Neuankömmlingen der Jahre 2015 und 2016 höher lag, ist möglich, ändert aber nichts: Die Kolumne beschreibt die Gegenwart ("fast nie wird gesagt"), und für 80 Prozent liegt auch für diese Jahre kein Beleg vor.

Weitere Zahlen der Kolumne, soweit sie sich prüfen lassen:

  • Muslime: Die Kolumne schreibt, die muslimische Minderheit sei "auf fast sieben Millionen Menschen angewachsen, etwa acht Prozent der Bevölkerung". Das stimmt. Die BAMF-Hochrechnung für 2025 kommt auf 6,6 bis 7,0 Millionen, das sind 8,0 bis 8,5 Prozent. Es ist eine Schätzung mit Unsicherheiten, etwa beim Irak, wo der Muslimanteil vermutlich überschätzt wird (Quelle: Mediendienst Integration, Wie viele Muslime leben in Deutschland?).
  • Bürgergeld und Ausländer: Die Kolumne behauptet, "etwa die Hälfte der Bezieher von Sozialhilfe" seien Ausländer, "vor allem aus der Ukraine und dem Nahen Osten", und 2025 seien "fast 22 Milliarden Euro an ausländische Grundsicherung-Berechtigte" geflossen. Die Größenordnung stimmt. 2025 lag der Zahlungsanspruch im Bürgergeld insgesamt bei rund 46,65 Milliarden Euro (Bundestagsdrucksache 21/6855). Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit, die Tichys Einblick unter Berufung auf Focus wiedergibt, entfielen 21,7 Milliarden Euro auf ausländische Leistungsbeziehende. Ihr Anteil an den Beziehenden betrug im Dezember 2025 46,8 Prozent (Tichys Einblick: Das Bürgergeld geht an 2,4 Millionen Nicht-Deutsche). Die größte Gruppe stellen mit 660.508 Personen Geflüchtete aus der Ukraine, danach folgen Syrien (444.136) und Afghanistan (198.714). Die Kolumne spricht von "Sozialhilfe", gemeint ist das Bürgergeld, also die Grundsicherung für Arbeitsuchende.
  • Verbraucherpreise: Von einem "Anstieg der Verbraucherpreise um 33 Prozent seit 2016" ist im Text die Rede. Das ist plausibel. Der Verbraucherpreisindex lag 2016 im Jahresdurchschnitt bei 95,0 (AGV: VPI Jahresübersicht) und im September 2026 bei 126,6 (Statistisches Bundesamt: Verbraucherpreisindex). Das sind 33,3 Prozent mehr. Der Jahresdurchschnitt 2025 (121,9) liegt dagegen nur 28 Prozent über dem von 2016.
  • Wohneigentum: Laut Kolumne liegt die Eigenheimquote bei "etwa 46 Prozent", das sei "der niedrigste Wert aller 27 EU-Staaten (Durchschnitt 70 Prozent)". Deutschland hat tatsächlich die niedrigste Eigentümerquote der EU. Eurostat weist für 2025 allerdings 47,2 Prozent aus, nicht 46, bei einem EU-Durchschnitt von 68,5 statt 70 Prozent (Eurostat: Bevölkerung nach Wohnstatus).
  • EU-Haushalt: Trankovits schreibt, "17 der 27 EU-Staaten" seien Nettoempfänger und Deutschland habe seit 2000 "etwa 260 Milliarden Euro mehr einbezahlt", als es zurückbekommen habe. Die erste Zahl stimmt: 2024 waren 17 Mitgliedstaaten Nettoempfänger (Quelle: Bundesbank, Monatsbericht zum EU-Haushalt 2024). Für die 260 Milliarden Euro nennt die Kolumne keine Quelle, ein Beleg liegt nicht vor.

Alle übrigen Aussagen, etwa zu Rundfunk, Klimapolitik, Gendersprache oder Faschismus, sind Meinungen und Wertungen und werden hier nicht als Tatsachenbehauptungen geprüft. Das gilt auch für die Zuschreibung von Kriminalität und gesellschaftlichem Misstrauen an "anarchische Migration", für die die Kolumne keinen Beleg anführt.

Fazit

Die Behauptung ist falsch: Aus den Herkunftsländern im Nahen Osten und Afrika sind nicht "fast 80 Prozent" der Migranten junge Männer. Bei den Asylerstanträgen 2025 waren 59,4 Prozent der Antragstellenden männlich, nur 24 bis 28 Prozent waren Männer zwischen 18 beziehungsweise 16 und 34 Jahren. Mehrere Nebenangaben der Kolumne stimmen dagegen, etwa die Zahl der Muslime, die Preisentwicklung seit 2016 und die niedrige Wohneigentumsquote. Die zentrale Zahl zur Migration ist aber nicht belegt und liegt weit über den amtlichen Daten.