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Stand: 18.10.2026

Tichys Einblick: "Gasmangellage" treibt die Preise

Irreführend

Link Beschreibung

Eine Kolumne von Fritz Vahrenholt bei Tichys Einblick vom 18. Oktober 2026 spricht von einer "Gasmangellage". Sie nennt einen Speicherfüllstand von 60,1 Prozent am 15. Oktober, einen gegenüber Ende 2025 fast verdreifachten Großhandelspreis und warnt vor Lieferausfällen durch das EU-Verbot für russisches LNG und die Methanverordnung ab 2027.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Zahlen stimmen weitgehend, der Begriff nicht. Die Speicher sind tatsächlich ungewöhnlich leer. Die Bundesnetzagentur nennt in ihrer Lagebewertung vom 16. Oktober 2026 einen Füllstand von 60,5 Prozent (149,62 TWh) und schreibt, er liege deutlich niedriger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre. Ende September lagen die Speicher laut cleanthinking.de rund 19 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Ob der 15. Oktober der niedrigste Stand seit 15 Jahren ist, lässt sich aus veröffentlichten Quellen nicht bestätigen. Der Speicherverband INES nennt für Anfang August den niedrigsten Füllstand seit Beginn der Aufzeichnungen. Auch der Preis passt grob: Der TTF-Terminpreis lag am 16. Oktober bei 87,55 Euro je Megawattstunde, ein Jahresplus von 175 Prozent. Das EWI Köln nennt für den Vorkriegswert Ende Februar rund 31 Euro. "Fast verdreifacht" ist damit als Größenordnung vertretbar.

Eine Mangellage besteht aber nicht. Nach der Bundesnetzagentur ist die Versorgungssicherheit gewährleistet, die Gefahr einer angespannten Versorgung gering, die Importe stabil. Im Notfallplan Gas gilt seit dem 1. Juli 2025 lediglich die Frühwarnstufe. Das Erreichen der Füllstandsziele zum November sei für die sichere Versorgung nicht zwingend erforderlich. Auch EU-Energiekommissar Dan Jørgensen sieht keine unmittelbar drohende Versorgungskrise. Seine Warnung vor einem schwierigen Winter betrifft hohe Preise, die viele Haushalte überfordern könnten. Mangel an Gas meint er damit nicht. Laut t-online reicht ein Füllstand von 80 Prozent in einem milden oder normalen Winter aus, erst in einem außergewöhnlich kalten Winter wie 2010 würde das Gas nicht für alle Verbraucher reichen. Das Risiko stufte INES im August als "erheblich" steigend ein, falls die Speicher nicht rechtzeitig gefüllt werden. Das ist eine Warnung vor einem möglichen Szenario, keine Feststellung einer Mangellage.

Die Ursachenkette läuft in der Kolumne verkehrt herum. Die Überschrift macht die Knappheit zur Ursache der hohen Preise. Nach den Quellen ist es eher umgekehrt: Seit dem Krieg im Nahen Osten und der seit Monaten eingeschränkten Schifffahrt durch die Straße von Hormus sind die Preise gestiegen. Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage vom 8. Oktober 2026 darauf, dass die geopolitische Lage das Angebot am Weltmarkt verknappt und die Preisstruktur verändert hat. Das EWI Köln beziffert den Anstieg der Terminkurve auf rund 80 Prozent seit Kriegsbeginn (Stand Ende Juli). Weil Gas für den Winter im Sommer zeitweise sogar billiger war als Gas zur sofortigen Lieferung, lohnte sich das Einspeichern kaum. Zudem zieht Asien mit höheren Preisen LNG-Ladungen nach Osten. Die Speicher sind also auch eine Folge der Preislage, nicht nur ihre Ursache. Die Bundesnetzagentur nennt zusätzlich die Absicherungsstrategien der Gashändler als Grund für die zögerlichen Einspeicherungen. Unsere Einordnung einer ähnlichen Argumentation der AfD finden Sie im Faktencheck Sind leere Gasspeicher eine Folge der Energiewende? und in unserer Prüfung der AfD-Pressemitteilung dazu.

Die Risiken durch EU-Regeln sind real, aber teils überzeichnet. Das Verbot für russisches LNG aus Langfristverträgen gilt ab dem 1. Januar 2027, für Kurzfristverträge seit dem 25. April 2026. Beim Anteil des russischen LNG zeichnet die Kolumne ein einseitiges Bild. Sie nennt 15 Prozent für die Niederlande und 30 Prozent für Belgien ohne Quelle. Zu Belgien hat das Forschungszentrum CREA für August 2026 gar keine russischen LNG-Importe mehr festgestellt, nach 100 Prozent im Juli. Die Zahl von 40 Prozent des deutschen Gases über die Niederlande und Belgien ließ sich nicht belegen. Für die Methanverordnung stimmt die Grundlage: Die Kommission hat am 14. Oktober tatsächlich einen Aufschub um ein Jahr vorgeschlagen. Er muss noch von Parlament und Rat beschlossen werden. Als Begründung nennt sie, Importeure hätten angegeben, ab 2027 womöglich nicht genug methankonformes Gas beschaffen zu können. Das deckt sich teilweise mit der Kolumne. Der Brief von US-Energieminister Chris Wright und Katars Energieminister warnte schon im Juni, die Auflagen seien für Verträge ab 2027 technisch nicht umsetzbar. Die in der Kolumne genannte Ausnahme bis 2035 ließ sich nicht bestätigen. Dass deshalb schon heute keine langfristigen Lieferungen mehr abgeschlossen würden, belegt die Kolumne nicht.

Fazit

Die Kolumne gibt Füllstand und Preisniveau im Kern richtig wieder, macht daraus aber eine "Gasmangellage", die es nach Bundesnetzagentur und EU-Energiekommissar nicht gibt: Die Versorgung gilt als gesichert, kritisch sind die hohen Preise und ein möglicher Kältewinter. Die Behauptung ist irreführend, weil sie reale Zahlen mit einer Ursachenkette und einem Krisenbegriff verbindet, die so nicht belegt sind.