Link Beschreibung
Beitrag von Raimund Leistenschneider bei EIKE vom 15. August 2026, Teil 1 einer angekündigten vierteiligen Reihe unter dem Titel "Deutschland und Europa im Griff der Klimaapokalypse". Anders als die Übersetzungsware der Vortage nimmt der Text die deutsche Lage zum Anlass und bebildert sich mit ZDF- und Tagesschau-Material zu den Waldbränden und zum Elbe-Niedrigwasser. Die These lautet, die Trockenheit und Hitze 2026 gehe auf die variable Sonnenaktivität zurück und entspreche der Normalität.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Der Beitrag ist Teil 1 einer angekündigten vierteiligen Reihe. Bis zum 16. August 2026 ist kein weiterer Teil erschienen; der jüngste EIKE-Beitrag von diesem Tag behandelt ein anderes Thema, Zentralbanken und Klimaregulierung. Diese Bewertung bezieht sich daher ausschließlich auf Teil 1.
Der Text liefert seinen eigenen Widerspruch gleich mit. In derselben Abbildung, mit der er die rückläufige Fleckentätigkeit des laufenden 25. Sonnenzyklus zeigt, nennt er für Deutschland 2026 "maximal gemessenen Temperaturen in Deutschland von über 41,5°C" und fragt rhetorisch, ob die schwächer werdende Sonne dafür verantwortlich sein könne. Die Zahl ist zutreffend und liegt sogar unter dem gemessenen Wert: Am 27. Juni 2026 wurden in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt 41,8 Grad gemessen. Der bisherige deutsche Allzeitrekord aus dem Jahr 2019 lag bei 41,2 Grad, gemessen am 25. Juli 2019 in Duisburg-Baerl und Tönisvorst (Deutscher Wetterdienst: Attributionsstudie zum Hitzeereignis in Deutschland im Juni 2026, 22. Juli 2026; Deutscher Wetterdienst: Pressemitteilung zur Annullierung des Lingen-Rekords, 17. Dezember 2020). Der Text argumentiert also: Die Sonne wird schwächer, gleichzeitig wird es heißer, folglich muss die Sonne die Ursache sein. Das ist keine Schlussfolgerung, das ist das Gegenteil dessen, was der Text selbst vorher festgestellt hat. Eine Einschränkung gehört an dieser Stelle dazu: Der Autor führt kurz darauf einen Vergleich der Stellung des Sonnensystem-Massenschwerpunkts (Baryzentrum) für 1983 und 2026 vor, ruft dann "Stopp!" und entlarvt die eigene Grafik als gedrehtes Koordinatensystem. "War wohl nichts, der Vergleich", schreibt er, die Baryzentren lägen "gänzlich unterschiedlich". Er nennt das ausdrücklich einen "Scherz", der zeigen soll, "wie leicht es ist, zu manipulieren". Das ist kein Selbstwiderspruch, sondern eine bewusste Demonstration, und sie gehört ihm angerechnet. Als tragende Aussage bleibt danach nur das "1. Zwischenergebnis", das festhält, das Baryzentrum liege 2026 wie schon 1983 außerhalb der Sonne. Von dort zu einer Erklärung der Dürre 2026 ist es weit, und Teil 1 geht diesen Weg nicht mehr zu Ende. Teil 2 soll laut Ankündigung "das Bild klarer" machen.
Der zentrale Beleg für den behaupteten Zusammenhang zwischen solarer Bestrahlungsstärke und der Sommertemperatur auf der Nordhalbkugel ist eine Grafik "nach J. Lean et al. 1995". Die Studie existiert tatsächlich (Lean, Beer, Bradley: Reconstruction of solar irradiance since 1610: Implications for climate change, Geophysical Research Letters 22, 3195-3198 (1995)) und leitete aus einer Korrelation von 0,86 zwischen rekonstruierter solarer Einstrahlung und der Oberflächentemperatur der Nordhalbkugel in der vorindustriellen Periode 1610 bis 1800 ab, die Sonne könne rund die Hälfte der seit 1860 beobachteten Erwärmung um 0,55 Grad erklären, aber nur noch ein Drittel der Erwärmung seit 1970.
Diese Schätzung beruhte auf der Beobachtung anderer, sonnenähnlicher Sterne und gilt heute als überholt. Der IPCC-Sachstandsbericht AR6 bewertet den solaren Strahlungsantrieb seit 1750 mittlerweile nur noch mit 0,01 W/m² (Bandbreite -0,06 bis +0,08 W/m², mittleres Vertrauen), gegenüber 3,32 W/m² für die gut durchmischten Treibhausgase im selben Zeitraum (IPCC AR6, Arbeitsgruppe I, Kapitel 7, Abschnitt 7.3.4.4 und Tabelle 7.8). Die Tabelle zeigt zugleich, wie stark die Schätzung über die aufeinanderfolgenden IPCC-Berichte hinweg nach unten korrigiert wurde: von rund 0,3 W/m² in den ersten Berichten über 0,12 und 0,05 W/m² bis zum heutigen Wert.
Für die Frage, ob die Sonne die Dürre und Hitze 2026 erklärt, ist vor allem der jüngere Verlauf entscheidend: Seit den 1980er Jahren, also genau in dem Zeitraum, in dem die globale Mitteltemperatur am stärksten gestiegen ist, ist die gemessene solare Einstrahlung flach bis leicht rückläufig (NASA: Graphic: Temperature vs Solar Activity; Carbon Brief: Why the sun is not responsible for recent climate change). Selbst der beobachtete Anstieg der Sonnenaktivität zwischen 1880 und 1980 hätte rechnerisch nur rund 0,1 Grad Erwärmung ausgelöst, unter Einbeziehung indirekter UV-Effekte auf die Ozonbildung höchstens 0,2 Grad; der solare Beitrag zur Erwärmung der vergangenen 50 Jahre liegt damit nahe null (Carbon Brief, ebenda). Die im Beitrag gezeigte Kurve stammt aus einer Zeit, in der die seither deutlich nach unten korrigierte hohe Schätzung noch als aktuell galt.
Vom Sonnenwind leitet der Beitrag über den Hale-Zyklus zur Wolkenbedeckung über, den sogenannten Svensmark-Effekt: Kosmische Strahlung soll über die Bildung von Aerosolkeimen die Wolkendecke und damit das Klima steuern. Dass ionisierende Strahlung an der Entstehung von Aerosolpartikeln beteiligt ist, hat das CLOUD-Experiment am CERN tatsächlich gezeigt (Kirkby et al.: Role of sulphuric acid, ammonia and galactic cosmic rays in atmospheric aerosol nucleation, Nature 476, 429-433 (2011)). Die Folgemessungen unter realistischeren atmosphärischen Bedingungen zeigten aber, dass der Effekt zu klein ist, um das heutige Klima nennenswert zu beeinflussen: Ionisation durch kosmische Strahlung liefert zwar rund ein Drittel aller gebildeten Partikel, doch die kleinen Schwankungen der kosmischen Strahlung über den Sonnenzyklus reichen nicht aus, um die Aerosolmenge und damit die Wolkenbedeckung heute merklich zu verändern (Dunne et al.: Global atmospheric particle formation from CERN CLOUD measurements, Science 354, 1119-1124 (2016); zusammengefasst in CERN Courier: CLOUD experiment sharpens climate predictions). Der Mechanismus existiert, seine Größenordnung trägt die im Artikel angedeutete Erklärung der Dürre 2026 nicht.
Zur angeblich gelöschten Datenreihe: "Die Datenreihe war hier zu finden und, der Autor will nichts unterstellen, wurde gelöscht", schreibt der Beitrag zu einem Link auf nexialinstitute.com. Das Nexial Institute ist keine wissenschaftliche Einrichtung. Die archivierte Seite, betitelt "A Correlation Between Sun Spot Cycles and El Niño, Dr. James H. L. Lawler, 1997", ist ein Text von Dr. James H. L. Lawler aus dem Jahr 1997, den die Website selbst veröffentlicht hat; eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift ließ sich dazu nicht finden. Er ist in der Ich-Form geschrieben, mit privater Kontaktadresse und dem Vermerk "Copyright 2002 The Nexial Institute" versehen (Wayback-Machine-Archiv vom 6. September 2024), eingebettet zwischen fachfremden Seiten der Website zu Dendrochronologie, Hethitern und "Futurologie". Von einer Löschung kann keine Rede sein: Laut dem Internet Archive war die englischsprachige Website des Nexial Institute noch am 24. Januar 2025 unverändert online (Internet-Archive-Kopie vom 24. Januar 2025). Erst zwischen diesem Datum und dem 12. Februar 2025 wechselte die Domain zu einem neuen, spanischsprachigen WordPress-Angebot mit Edublink-Theme, unter der die alten Klimaseiten nicht mehr existieren (Internet-Archive-Kopie vom 12. Februar 2025). Auch dieses neue Angebot ist inzwischen offline: Ein aktueller Abruf zeigt nur noch die Meldung des Hosters Avantek, der Dienst sei auf Kundenwunsch eingestellt worden ("Servicio dado de baja"). Das ist der gewöhnliche Lebenszyklus einer verwaisten Domain, keine gezielte Entfernung unbequemer Daten. Die Formulierung "der Autor will nichts unterstellen" tut so, als würde sie eine Unterstellung zurückweisen, transportiert sie aber im selben Satz.
Was an dem Text stimmt: Die Beschreibung der Sonnenphysik selbst, Korona, Sonnenwind, Hale-Zyklus, magnetische Rekonnektion, Sonnenflecken als kühlere, magnetisch aktive Bereiche, gibt etabliertes Lehrbuchwissen im Kern korrekt wieder. Der Fehler liegt nicht in der Physik der Sonne, sondern im Sprung von "die Sonne ist variabel" zu "die Sonne erklärt die Dürre 2026". Diese zweite Behauptung belegt der Text an keiner Stelle mit einem Wert für 2026, der sich der abnehmenden Fleckentätigkeit zuordnen ließe. Wie die Dürre 2026 tatsächlich einzuordnen ist, hat Faktenfackel bereits an anderer Stelle untersucht: EIKE hält der aktuellen Dürre die Megadürre von 1540 entgegen, ohne die beiden Ereignisse an einer einzigen Zahl zu vergleichen.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Der Text bestätigt selbst den Rückgang der Sonnenfleckenaktivität im laufenden Zyklus und braucht dennoch die Sonne als Erklärung für Rekordtemperaturen, ohne diesen Widerspruch aufzulösen. Sein zentraler Beleg, die Studie von Lean et al. 1995, gilt in der Fachwelt seit über zwanzig Jahren als überschätzt, und der angedeutete Svensmark-Mechanismus ist laut den maßgeblichen CLOUD-Messungen am CERN zu schwach, um die heutige Erwärmung zu erklären. Die unterstellte Löschung einer Datenreihe erweist sich als das, was mit aufgegebenen Domains regelmäßig passiert, und die Website war ohnehin keine wissenschaftliche. Die Sonnenphysik im Text ist überwiegend korrekt dargestellt, aber sie trägt die Schlussfolgerung nicht. Da es sich um Teil 1 einer vierteiligen Reihe handelt und die angekündigten weiteren Teile bislang nicht erschienen sind, bewertet Faktenfackel ausschließlich diesen ersten Teil.
