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Stand: 08.11.2026

EIKE: Windflaute treibt Strompreise ums Neunfache

Irreführend

Link Beschreibung

EIKE veröffentlicht eine von Christian Freuer besorgte Übersetzung eines Textes von Cap Allon (Electroverse). Nach dem Einbruch der Windstromerzeugung Ende Oktober seien die deutschen Strompreise "um das Neunfache" gestiegen. Grundlage sind Börsenstrompreise vom 24. Oktober bis 4. November 2026. Dazu nennt der Beitrag 3,08 Milliarden Euro, die Deutschland 2025 allein für die Bewältigung von Netzengpässen ausgegeben habe, als eine der Kosten, die in den Schlagzeilenzahlen fehlten. Er leitet daraus ab, Deutschland bezahle für zwei Stromsysteme.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Börsenzahlen stimmen. Die Preise lassen sich in den Energy-Charts des Fraunhofer ISE nachrechnen. Der Day-Ahead-Preis (Börsenpreis für die Lieferung am Folgetag) lag am 29. Oktober im Tagesmittel bei 314,85 Euro je Megawattstunde, der höchste Viertelstundenwert bei 574,28. Von Donnerstag, dem 29. Oktober, bis Sonntag, dem 1. November, ergibt sich ein Mittel von 272,70 Euro, am 4. November waren es 248,99. Am Samstag, dem 24. Oktober, lag das Tagesmittel bei rund 30 Euro, am Sonntag danach bei 13. Auch die Erzeugungsdaten passen: Die Windleistung fiel von im Tagesmittel 46,5 Gigawatt am 24. Oktober auf rund 4 bis 5 Gigawatt vom 29. Oktober bis 1. November, die erneuerbaren Energien deckten am 24. Oktober im Mittel 115 Prozent der Last. Die Rechnung "neunmal so viel" ist damit richtig, wenn man den 24. Oktober als Ausgangspunkt nimmt.

TagWind (Gigawatt, Tagesmittel)Day-Ahead-Preis (Euro je MWh, Tagesmittel)
Sa 24.10.46,530
So 25.10.44,513
Mo 26.10.34,4117
Di 27.10.24,5155
Mi 28.10.13,2249
Do 29.10.4,2315
Fr 30.10.4,8269
Sa 31.10.4,8251
So 01.11.3,9256

Der Wind spielt für den Börsenpreis also eine große Rolle. Wochenende gegen Wochenende bei ähnlich niedriger Last, Samstag, 24. Oktober, gegen Samstag, 31. Oktober, ist der Faktor gut acht.

Ein Börsenpreis ist kein Strompreis für Verbraucher. Die Überschrift spricht von "deutschen Strompreisen". Gemeint ist aber der Großhandelspreis für einzelne Tage. Nach der BDEW-Strompreisanalyse vom Oktober 2026 zahlen Haushalte 2026 bisher durchschnittlich 37,3 Cent je Kilowattstunde. Davon entfallen 15,41 Cent (41,4 Prozent) auf Beschaffung und Vertrieb, 9,24 Cent auf Netzentgelte und 12,6 Cent auf Steuern, Abgaben und Umlagen. Der Haushaltspreis ist laut BDEW gegenüber dem Vorjahr sogar gesunken. Zur Weitergabe von Börsenpreisen schreibt der BDEW auf einer Themenseite zum Iran-Krieg: "Steigende Börsenpreise werden nicht sofort und nicht in vollem Umfang an die Endkunden weitergegeben." Die meisten Versorger sichern ihre Preise lange im Voraus ab. Ein Haushalt mit einem laufenden Tarif hat die vier Flautentage also nicht als Verneunfachung seiner Rechnung erlebt. Direkt betroffen sind laut BDEW Unternehmen, die überwiegend am Spotmarkt einkaufen.

Der Vergleichstag war der Extremfall. Der 24. Oktober war ein Samstag, der Wind lieferte laut Bloomberg am 23. Oktober einen Rekord. An den Werktagen davor, vom 19. bis 23. Oktober, lag das Tagesmittel zwischen 138 und 212 Euro je Megawattstunde, im gesamten Oktober bis einschließlich 23. Oktober im Mittel bei 168 Euro. Gegen diesen Maßstab ist das Mittel der Flautentage von 272,70 Euro ein Anstieg um das 1,6-Fache, gegen die Werktage vor dem Rekordwind um das 1,3- bis 2-Fache. Wer das Wochenende mit Rekordwind als Basis wählt, bekommt den höchsten möglichen Faktor.

Es gibt einen zweiten Preistreiber. Der BDEW führt den Anstieg der Großhandelspreise auf den Iran-Krieg zurück, dieser Anstieg zeigt sich seit dem 1. Oktober auch in den Neukundentarifen. Laut Bloomberg lag der deutsche Day-Ahead-Preis im Oktober 2026 im Monatsmittel bei etwa 171 Euro je Megawattstunde, nach etwa 82 Euro im Oktober 2025. Das ist ein Anstieg um mehr als das Doppelte, bei einer Windstrommenge, die im Oktober rund 10 Prozent über dem Fünfjahresdurchschnitt lag. Das Preisniveau ist also auch ohne Flaute hoch, und die Flautentage kamen auf ein bereits erhöhtes Niveau obendrauf.

Die 3,08 Milliarden Euro stimmen, sind aber Jahreskosten der Netzengpässe. EIKE führt die Summe als eine der Kosten an, die in den Schlagzeilenzahlen fehlten. Belegt ist sie durch die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage (Drucksache 21/7804), die der Bundestag in einer Kurzmeldung vom 7. September 2026 wiedergibt: Das Netzengpassmanagement kostete 2025 rund 3,08 Milliarden Euro (2024: rund 2,95 Milliarden). Die SMARD-Auswertung der Bundesnetzagentur nennt vorläufig 3,07 Milliarden. Die Maßnahmen sollen laut Bundestag Überlastungen des Stromnetzes verhindern oder beseitigen. Der größte Teil der Kosten geht an konventionelle Kraftwerke: 1,18 Milliarden Euro für Redispatch mit Marktkraftwerken und zusammen rund 1,37 Milliarden Euro für Reservekraftwerke (955 Millionen für die Vorhaltung, 412 Millionen für den Abruf). Auf den Ausgleich für abgeregelte Erneuerbare-Anlagen entfallen 435 Millionen Euro, rund 14 Prozent, dazu kommen 96 Millionen Euro Countertrading. Zuletzt gingen die Kosten zurück: Im ersten Quartal 2026 lagen sie nach SMARD bei geschätzt 784 Millionen Euro, rund 11 Prozent unter dem Vorjahresquartal.

Fazit

Die Überschrift ist irreführend. Die Börsenzahlen im Text sind richtig, und der Wind beeinflusst den Börsenpreis stark. Aber die Überschrift macht aus dem Großhandelspreis einzelner Tage "deutsche Strompreise", die Haushalte so nicht erreichen. Der Faktor neun entsteht durch den Vergleich mit einem Samstag mit Rekordwind, gegenüber dem Oktobermittel ist es das 1,6-Fache. Der hohe Preis hat mit dem Iran-Krieg einen zweiten Grund, den die Überschrift ausblendet. Die 3,08 Milliarden Euro für das Netzengpassmanagement 2025 stimmen, sind aber Jahreskosten, von denen rund 14 Prozent auf den Ausgleich für abgeregelte Erneuerbare-Anlagen entfallen.