Gnida Project
Anonymes Freiwilligenprojekt, das russische Desinformationskampagnen technisch analysiert. Befunde von CORRECTIV, NewsGuard und der DW aufgegriffen.

Über die Quelle
Das Gnida Project ist ein anonymes Rechercheprojekt, das russische Einflussoperationen technisch untersucht und seine Ergebnisse auf Substack veröffentlicht, auf Russisch und auf Englisch. Der Name ist eine Selbstironie: Die Seite firmiert als "Всероссийский научно-исследовательский институт гнид", also als gesamtrussisches Forschungsinstitut für Nissen, und ergänzt das um den Zusatz "Fake media review". "Gnida" ist im Russischen zugleich ein Schimpfwort.
Zu Team, Gründungsdatum und Finanzierung veröffentlicht das Projekt nichts. CORRECTIV beschreibt es als "anonymes Freiwilligen-Projekt" für Online-Recherche. Diese Anonymität ist bei Gruppen, die zu russischen Operationen arbeiten, verbreitet und für die Beurteilung der Quelle der wichtigste Punkt: Wer dort arbeitet und wovon, lässt sich von außen nicht prüfen.
Der Arbeitsschwerpunkt liegt auf der technischen Spurensuche. Das Projekt wertet Registrierungsdaten von Domains, wiederkehrende E-Mail-Adressen, Veröffentlichungsmuster und Kontonetzwerke aus und kommt so an Zusammenhänge, die aus dem Inhalt der Fälschungen allein nicht sichtbar werden.
Belegte Arbeiten
- Im Januar 2025 deckte das Projekt gemeinsam mit CORRECTIV und NewsGuard auf, dass die Kampagne Storm-1516 ein Netzwerk von über 100 deutschsprachigen Fake-Nachrichtenseiten für den Bundestagswahlkampf betrieb. Über bestimmte Suchparameter fand das Projekt dutzende weitere Websites, die über Registrierungsdaten und identische E-Mail-Adressen zusammenhingen (correctiv.org, 23. Januar 2025).
- Recorded Future News bezeichnet das Projekt als "fact-checking initiative" und berichtet über eine seiner Recherchen, nach der Storm-1516 Namen und Fotos echter Journalistinnen und Journalisten als Autorenzeilen auf gefälschten Nachrichtenseiten verwendete (The Record).
- Für die Deutsche Welle gehört das Projekt zu den Rechercheeinrichtungen, mit denen die Redaktion bei der Analyse russischer Operationen regelmäßig arbeitet. In der Auswertung der Kampagne Matrjoschka vor den Landtagswahlen 2026 stammt von Gnida die technische Verknüpfung dieser Kampagne mit Storm-1516.
- Die gefälschte Website der Süddeutschen Zeitung gegen Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Sven Schulze fiel dem Monitoring des Projekts auf.
Faktenfackel Bewertung
Ein anonymes Projekt ist keine Quelle, auf die man sich allein stützt. Was für das Gnida Project spricht, ist nicht seine Selbstauskunft, sondern die Prüfung durch andere: CORRECTIV und NewsGuard haben mit ihm zusammengearbeitet und die Befunde in eigene Veröffentlichungen übernommen, die Deutsche Welle zieht es als eine von mehreren Analysestellen heran, und Recorded Future News zitiert seine Ergebnisse. Wo etablierte Redaktionen die Funde nachvollzogen haben, sind sie belastbar.
Wichtig ist die Grenze in die andere Richtung. Die deutsche Zuordnung der Storm-1516-Kampagne zu Russland stammt nicht von diesem Projekt, sondern von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz, die die Kampagne am 12. Dezember 2025 gemeinsam der Russischen Föderation zuschrieben; Rechercheprojekte werden in dieser Mitteilung nicht genannt. Die staatliche Attribution und die technische Analyse durch Gnida sind also zwei voneinander unabhängige Stränge, die sich gegenseitig stützen, aber nicht dasselbe sind.
Fazit
Nützliche und mehrfach von etablierten Redaktionen geprüfte Rechercheeinrichtung mit einer klaren Einschränkung: Team und Finanzierung sind nicht offengelegt. Befunde des Projekts gehören immer mit dem Hinweis darauf zitiert, wer sie unabhängig nachvollzogen hat, und nicht als Beleg für sich.