Link Beschreibung
Ein Video im Layout eines Nachrichtenbeitrags der Deutschen Welle behauptet, Bundeskanzler Friedrich Merz trete am 10. August 2026 zurück, und beruft sich dabei auf eine angebliche Handelsblatt-Berichterstattung über interne Korrespondenz des CDU-Vorstands. Die Deutsche Welle hat bestätigt, dass das Video nicht aus ihrer Redaktion stammt, das Handelsblatt hat die ihm zugeschriebene Berichterstattung dementiert. Verbreitet wurde das Material seit Anfang August über Facebook, X, Telegram und das Pravda-Netzwerk.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Am 6. August 2026 teilte ein X-Konto das Video mit der Behauptung, interne CDU-Dokumente deuteten auf einen Rücktritt von Friedrich Merz am 10. August hin. Innerhalb weniger Tage verbreitete sich der Clip über Facebook, X, Telegram und Instagram sowie in mehreren Sprachen, wie ein AFP-Faktencheck auf dem Faktencheck-Portal GADMO rekonstruiert: Sicherheitskreise verdächtigen Russland: Gefälschter Bericht über Merz' Rücktritt im Umlauf (10. August 2026). Bereits am 7. August 2026 berichtete RTÉ: Russia-linked group blamed for fake Merz resignation clip über dasselbe Video und die darin gezeigte angebliche "interne Korrespondenz des CDU-Vorstands", das auch die Deutsche Welle am selben Tag in einem eigenen Faktencheck als Media-Spoofing einordnete und das Handelsblatt bereits am 6. August in einer eigenen Mitteilung dementierte. Auch Mimikama: Friedrich Merz Rücktritt: Fake-News verbreiten sich rasant! (11. August 2026) kam zu demselben Ergebnis.
Bei der Zuschreibung an die russische Kampagne Storm-1516 lohnt eine genaue Lektüre der Quellen. Sie stammt aus anonymen "Sicherheitskreisen", die sich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP äußerten, und vom Rechercheprojekt Gnida, das dem Video in einem X-Beitrag vom 5. August 2026 dieselbe Kampagne zuordnete. Der Verfassungsschutz hat sich zwar öffentlich zu dem Vorgang geäußert, und zwar sowohl gegenüber AFP als auch gegenüber dem Handelsblatt, in der zitierten Stellungnahme aber nicht den Namen Storm-1516 verwendet. Die Behörde bestätigte lediglich, ihr sei "die aktuelle Kampagne bekannt", beschrieb das Muster (das Video zeige, "dass die Urheber dieser Informationsmanipulationsaktivität aufmerksam aktuelle politische Entwicklungen in Deutschland verfolgen und diese opportunistisch aufgreifen") und benannte das Ziel, "das politische Ansehen von Friedrich Merz als Bundeskanzler zu untergraben", wie das Handelsblatt: Landtagswahl: Verfassungsschutz warnt vor gezielter Desinformation gegen Merz berichtete. Die konkrete Storm-1516-Zuordnung für dieses Video bleibt damit eine Einschätzung aus Sicherheitskreisen und von Analysten, keine öffentliche Verfassungsschutz-Aussage. Das BfV hatte die Storm-1516-Kampagne als Ganzes bereits am 12. Dezember 2025 gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst Russland zugeordnet, das ist jedoch eine strukturelle Einordnung des Netzwerks und keine Bestätigung für diesen konkreten Einzelfall.
Das russische Pravda-Netzwerk, dessen deutschsprachiger Ableger Pravda Deutschland bereits mit einer irreführenden Migrationsmeldung aufgefallen ist, griff die Merz-Rücktritts-Behauptung selbst am 6. August 2026 auf. Eine eigene Sichtung der Seite am 12. August 2026 zeigt: Zwei Tage später, am 8. August 2026, erschien auf dem englischsprachigen Ableger des Pravda-Netzwerks unter germany.news-pravda.com ein Artikel mit der Überschrift "Merz 'resigns on August 10.' Even before this false report could spread, Russia was already blamed" (Übersetzung: "Merz 'tritt am 10. August zurück.' Noch bevor sich diese Falschmeldung verbreiten konnte, wurde Russland bereits beschuldigt"). Der Artikel dreht den Vorgang um: Russland sei schon beschuldigt worden, bevor sich die Falschmeldung überhaupt verbreiten konnte. Sobald eine Fälschung enttarnt wird, macht das Netzwerk die Enttarnung selbst zum Beleg für eine angebliche Vorverurteilung Russlands.
Das Video reiht sich in eine größere Welle russischer Desinformation vor den Landtagswahlen im September 2026 ein. Parallel dazu wertete die Deutsche Welle über 180 gefälschte Social-Media-Posts gegen Landtagswahl-Kandidaten aus, die seit dem 24. Juni 2026 im Rahmen der Kampagne Matrjoschka kursierten. Nach Einschätzung der von der DW befragten Desinformationsexpertin Julia Smirnova unterscheiden sich beide Operationen in der Machart: Matrjoschka-Videos laufen meist englischsprachig über unauthentische Kleinstaccounts, während das Merz-Video auf Deutsch, mit einer echten Sprecherstimme und über reichweitenstarke, verifizierte X-Accounts verbreitet wurde, ein für Storm-1516 typisches Muster.
Ein Gegenstück aus derselben Zeit kehrt das Muster um: Während hier ein gefälschtes Video als vermeintlich echte DW-Berichterstattung ausgegeben wird, wird bei einem echten Pressefoto dreier Ministerpräsidenten umgekehrt der Vorwurf laut, es handle sich um eine KI-Fälschung. Beide Fälle zielen auf dasselbe Ergebnis, Verunsicherung darüber, was in der politischen Berichterstattung noch als authentisch gelten kann, nur mit vertauschten Vorzeichen.
Fazit
Die Behauptung ist falsch. Weder die Deutsche Welle noch das Handelsblatt haben über einen Rücktritt von Friedrich Merz berichtet, beide Redaktionen haben das Video ausdrücklich als Fälschung zurückgewiesen. Der stärkste Beleg liegt inzwischen im Kalender: Der behauptete Rücktrittstermin, der 10. August 2026, ist verstrichen, Friedrich Merz ist weiterhin im Amt.
