Link Beschreibung
Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 6. September 2026. Marc Bernhard, baupolitischer Sprecher der Fraktion, führt die gesenkte Umsatzprognose des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (von +2,5 auf +1,0 Prozent, im Wohnungsbau real von +2 auf +0,5 Prozent) auf CO2-Bepreisung, Netzentgelte und Stromabgaben zurück. Er behauptet, es fehlten "fast 2 Millionen Wohnungen", und beruft sich für die Strompreise auf eine Verivox-Analyse: "Nach der jüngsten Verivox-Analyse hat Deutschland unter allen G20-Staaten die höchsten Strompreise."
Am 1. September 2026 hatte dieselbe Fraktion mit dem Abgeordneten Paul Schmidt zum "Bau-Monitor 2026" eine Wohnungslücke von 1,35 Millionen genannt und dazu geschrieben, das Defizit habe "ein neues Rekordniveau erreicht".
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Wohnungslücke, die die Fraktion nennt, wandert innerhalb von fünf Tagen um mehr als eine halbe Million. Am 1. September 2026 berief sich der AfD-Bundestagsabgeordnete Paul Schmidt in einer Mitteilung derselben Fraktion auf den "Bau-Monitor 2026" des Pestel-Instituts im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel, vorgestellt am 26. August 2026, und nannte eine bundesweite Wohnungslücke von 1,35 Millionen Wohnungen. Schmidt bezeichnete das Defizit als "neues Rekordniveau". Am 6. September spricht Marc Bernhard dann ohne jede Quellenangabe von "fast zwei Millionen" fehlenden Wohnungen.
Eine zweite aktuelle Pestel-Erhebung kommt auf eine ähnliche Größenordnung. Der "Soziale Wohn-Monitor 2026" im Auftrag des Bündnisses Soziales Wohnen, vorgestellt am 15. Januar 2026, beziffert die bundesweite Wohnungslücke auf rund 1,4 Millionen und beschreibt sie als fast ausschließlich bezahlbare Wohnungen und Sozialwohnungen. Beide Erhebungen liegen damit zwischen 1,35 und 1,4 Millionen, deutlich unter Bernhards Angabe.
Eine Zahl in der Größenordnung von zwei Millionen taucht in diesem Zusammenhang zwar auf, aber als politisches Ziel, nicht als erhobene Lücke: Deutschland verfügt über rund eine Million Sozialwohnungen, und das Bündnis fordert, diesen Bestand mindestens zu verdoppeln, auf zwei Millionen (IG BAU, 15. Januar 2026). Ob Bernhards Angabe darauf zurückgeht, lässt sich nicht klären, weil die Pressemitteilung keine Quelle nennt; sollte es so sein, würde er einen geforderten Zielbestand an Sozialwohnungen als bestehende Wohnungslücke ausgeben.
Für die von Bernhard behauptete allgemeine Wohnungslücke selbst existiert dagegen keine aktuelle Studie. Zwei weitere, ältere oder anders zugeschnittene Zahlen liegen zwar in ähnlicher Größenordnung, messen aber ebenfalls etwas anderes: Eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie aus dem Jahr 2018 bezifferte die Lücke bei bezahlbaren Wohnungen in den 77 größten deutschen Städten auf 1,9 Millionen, allerdings auf Basis des Mikrozensus 2014 und beschränkt auf Großstädte, nicht auf ganz Deutschland. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) bezifferte 2023 den bundesweiten Mangel an altersgerechten, barrierereduzierten Wohnungen auf mindestens zwei Millionen, eine Kategorie speziell für Haushalte mit Mobilitätseinschränkungen. Keine dieser Zahlen, und auch nicht der Sozialwohnungsbedarf aus dem Wohn-Monitor, beschreibt eine aktuelle, gesamtdeutsche Wohnungslücke aller Wohnungstypen, wie Bernhards Formulierung es nahelegt.
Auch die zusätzlich genannte Zahl von einer Million genehmigten, aber nicht gebauten Wohnungen ist zu hoch gegriffen. Der sogenannte Bauüberhang, also die Zahl genehmigter, aber noch nicht fertiggestellter Wohnungen, lag laut Statistischem Bundesamt Ende 2025 bei rund 760.700 Wohnungen und damit gut ein Viertel unter der von Bernhard genannten Million.
Damit bleibt offen, worauf sich "fast zwei Millionen" stützt. Die Pressemitteilung benennt keine Quelle. Die aktuellste Studie zur gesamtdeutschen Wohnungslücke, auf die sich die eigene Fraktion fünf Tage zuvor selbst berufen hatte, kommt auf einen deutlich niedrigeren Wert; die einzige aktuelle Zahl in ähnlicher Größenordnung bezieht sich nicht auf die Gesamtlücke, sondern auf den Bedarf an zusätzlichen Sozialwohnungen.
Die Angabe zu den Strompreisen ist dagegen zutreffend wiedergegeben. Verivox verglich im zweiten Quartal 2026 die Strompreise für Privathaushalte in 144 Ländern auf Basis von Daten des Energiedienstes Global Petrol Prices und stellte fest, dass Deutschland mit 35,6 Cent pro Kilowattstunde unter den G20-Staaten den höchsten Preis hat, vor Italien (34,5 Cent) und Großbritannien (32,4 Cent), bei einem G20-Durchschnitt von rund 16,3 Cent. Das entspricht wörtlich der Aussage in der Pressemitteilung. Auch ZDFheute berichtete am 30. August 2026 über diese Analyse, sie war zum Zeitpunkt der Pressemitteilung tatsächlich die jüngste verfügbare Verivox-Auswertung. Der Vergleich bezieht sich auf nominale Preise für Haushaltsstrom; kaufkraftbereinigt fällt Deutschland im weltweiten Ranking von Platz vier auf Platz 24 zurück, bleibt aber auch dann teuer. Diese Einschränkung nennt die Pressemitteilung nicht, verzerrt die Kernaussage aber nicht, weil auch Verivox selbst den G20-Vergleich als nominalen Preisvergleich herausstellt.
Die Zahlen zur Bauindustrie-Prognose sind korrekt übernommen. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie senkte seine Umsatzprognose für 2026 tatsächlich von real plus 2,5 auf plus 1,0 Prozent, für den Wohnungsbau von plus 2 auf plus 0,5 Prozent. Als Ursachen nennt der Verband in derselben Mitteilung die bis Mai gebremste Baukonjunktur sowie Preissteigerungen bei Diesel, Energie und Baumaterial, die die Betriebe nicht vollständig weitergeben könnten. Eine Zuschreibung dieser Kostensteigerungen an CO2-Bepreisung, Netzentgelte oder Stromabgaben der Bundesregierung steht in der Mitteilung des Verbands nicht. Diese Kausalkette stellt Bernhard selbst her, wenn er schreibt, die Bauindustrie benenne die Ursache "mit drei Wörtern: Diesel, Energie, Baumaterial" und genau das seien die Preise, "die die Merz-Regierung politisch nach oben treibt". Der Hauptverband hat sich zudem in einem eigenen Impulspapier von 2023, im Januar 2024 aktualisiert, für einen CO2-Schattenpreis als Bewertungskriterium bei öffentlichen Bauvergaben ausgesprochen. Das ist ein anderes Instrument als die CO2-Bepreisung auf Kraftstoffe und Energie, um die es bei Bernhards Kostenargument geht, und belegt für sich genommen nicht, wie der Verband zur allgemeinen CO2-Bepreisung steht.
Fazit
Die Behauptung, in Deutschland fehlten "fast zwei Millionen Wohnungen", ist irreführend. Sie steht ohne Quellenangabe im Raum und übertrifft die Zahl, die dieselbe Fraktion fünf Tage zuvor unter Berufung auf die aktuelle Studienlage selbst genannt hatte (1,35 Millionen), um über eine halbe Million Wohnungen. Eine aktuelle Studie zu einer derart großen, gesamtdeutschen Wohnungslücke existiert nicht. Die einzige aktuelle Zahl in ähnlicher Größenordnung ist die Forderung des Bündnisses Soziales Wohnen, den Bestand von rund einer auf zwei Millionen Sozialwohnungen zu verdoppeln, also ein politischer Zielwert und keine erhobene Lücke. Auch die zusätzlich genannte Million genehmigter, aber nicht gebauter Wohnungen liegt deutlich über dem tatsächlichen Bauüberhang von rund 760.000. Zutreffend und korrekt wiedergegeben ist dagegen die Strompreis-Behauptung zu Verivox. Bei den Prognosezahlen der Bauindustrie stimmen zwar die Werte, die Erklärung aber nicht: Dass staatliche Energiepolitik die dahinterliegenden Kostensteigerungen verursache, stammt nicht vom Verband, sondern ist eine eigene Zuschreibung der Fraktion.
