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Stand: 21.08.2026

Schmidt: Frankreichs Reaktoren blieben von der Hitze unberührt

Falsch

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 21. August 2026. Dr. Paul Schmidt führt die Strompreisspitzen der Hitzewoche auf Einbrüche bei Wind und Photovoltaik zurück und stellt die französische Kernkraft als von der Hitze weitgehend unbeeinträchtigt dar. Als Beleg nennt er eine Drosselung von 2,2 Gigawatt beziehungsweise 3,5 Prozent der nuklearen Kapazität und behauptet, im August seien "nur einzelne" der 57 französischen Reaktoren von Drosselungen oder Abschaltungen betroffen gewesen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die zentrale Zahl der Pressemitteilung, die Drosselung von 2,2 Gigawatt beziehungsweise 3,5 Prozent der nuklearen Kapazität, stammt nicht aus dem August, sondern beschreibt die Hitzewelle vom 23. Juni 2026: An diesem Tag fuhr EDF den Reaktorblock Golfech 2 herunter und kündigte Drosselungen in Nogent-sur-Seine, Bugey, Blayais und Saint-Alban an, in Summe 2,2 Gigawatt oder 3,5 Prozent der damals rund 63 Gigawatt installierter Kernkraftleistung. EDF Cuts Nuclear Output by 2.2 GW as Heatwave Hits French Reactors (24. Juni 2026) Schmidt übernimmt diese knapp zwei Monate alte Zahl unverändert und präsentiert sie als aktuellen Beleg für die Lage im August.

Die tatsächliche Entwicklung im August 2026 sah deutlich anders aus. Am 4. August drosselte EDF die Kernkraftleistung bereits um rund 12 Prozent der Flotte, dazu kam ein verlängerter Ausfall von 905 Megawatt am Reaktor Chinon 3. Europe's 2026 summer heatwave is simultaneously cutting nuclear output, spiking spot prices, and forcing rationing across multiple countries (Montel/Marketscale) Am 11. August waren bereits 12 der 57 Reaktoren betroffen (3 komplett abgeschaltet, 9 gedrosselt), das entsprach 5,5 Gigawatt oder 15,6 Prozent der Kapazität. Nucléaire français: le record d'indisponibilité d'août 2026 pèse lourd sur les factures (11. August 2026) Am 12. August erreichte der Ausfall mit 20,4 Prozent der nuklearen Kapazität den höchsten Wert seit Beginn der EDF-Veröffentlichungen zu diesen Daten im Jahr 2015: 13 der 57 Reaktoren waren betroffen, davon 8 vollständig abgeschaltet und 5 gedrosselt, unter anderem wegen eines Quallenschwarms, der die Kühlwasserpumpen von fünf der sechs Blöcke im Kraftwerk Gravelines verstopfte, sowie wegen hitze- und dürrebedingter Einschränkungen an Chooz, Cattenom, Bugey, Tricastin, Saint-Alban und Golfech. Extreme weather and jellyfish knock one-fifth of France's nuclear capacity offline (12. August 2026, Euronews/AFP) Auch am 14. August lag die hitzebedingte Ausfallquote noch bei bis zu 15 Prozent, mit spürbaren Auswirkungen auf die französischen Großhandelspreise (177,35 Euro/MWh am 17. August, Spitzenwert 214 Euro/MWh gegen 20 Uhr). Canicule: les prix de l'électricité s'envolent, le nucléaire sous pression (20. August 2026) Die Behauptung, im August seien "nur einzelne" Reaktoren betroffen gewesen, ist damit durch mehrere unabhängige Quellen widerlegt: Zeitweise war fast ein Viertel der französischen Reaktorflotte gleichzeitig abgeschaltet oder gedrosselt, ein Rekordwert.

Zur Einordnung: Bereits im Juli 2026 hatte eine frühere Hitzewelle drei Reaktoren (Golfech 2, Bugey 3, Chooz 2) komplett vom Netz genommen und sieben weitere zur Drosselung veranlasst, was EDF selbst als Wiederholung der Rekord-Hitzewelle vom Juni beschrieb. France shuts down nuclear reactors as heatwave intensifies (13. Juli 2026, Euronews) Zwischen dem 20. und 31. Juli 2026 lief deswegen nur noch gut die Hälfte der französischen Reaktoren mit voller Leistung, Frankreich importierte in diesem Zeitraum in Summe 12 Terawattstunden Strom, unter anderem aus Deutschland (Kohle und Windkraft), erstmals seit 2019 wieder als Netto-Importeur während eines Sommers. Climatisation 2026: l'Europe épuise ses réserves électriques en pleine canicule (8. August 2026) Das relativiert Schmidts Bild einer französischen Kernkraft, die Deutschland zuverlässig aus der Klemme hilft: Wenige Wochen vor seiner Pressemitteilung lief es genau andersherum, mit deutschem Windstrom als Teil der Rettung für ein hitzegeschwächtes französisches Netz. Im August selbst blieb Frankreich nach RTE-Daten aber tatsächlich Netto-Exporteur, mit Exporten am 11. August im Umfang von mehr als zehn Reaktorblöcken, wenn auch mit reduzierten Volumina gegenüber einem ungestörten Kernkraftpark. Der Kernkraftanteil von rund 70 Prozent an der französischen Stromerzeugung und die Gesamtzahl von 57 Reaktoren sind zutreffend.

Zum behaupteten deutschen Strompreis von 45 Cent/kWh (450 Euro/MWh) an mehreren Abenden der Vorwoche fand sich keine unabhängige Bestätigung. Die dokumentierten deutschen Day-Ahead-Durchschnittspreise für die fragliche Woche lagen deutlich niedriger, etwa 138,50 Euro/MWh (13,85 Cent/kWh) am 12. August, ein Anstieg von 22,8 Prozent gegenüber dem Vortag. Wenn die Flüsse zu warm werden: Mehrere Länder nehmen Atomkraftwerke vom Netz (13. August 2026) Ob einzelne Abendstunden kurzzeitig deutlich höher lagen, ließ sich mit den verfügbaren Quellen nicht klären, da Viertelstunden- und Stundenwerte für die konkrete Woche nicht öffentlich zugänglich vorlagen. Vergleichbar hohe Spitzenwerte von über 70 Cent/kWh im Spotmarkt waren zuletzt für die Juni-Hitzewelle dokumentiert, nicht für den fraglichen August-Zeitraum.

Schmidts Grundannahme, Kernkraft sei "weitgehend unbeeinträchtigt von der sommerlichen Hitze", während Windkraft und Photovoltaik wetterabhängig ausfielen, blendet aus, dass beide Technologien auf unterschiedliche Weise wetterabhängig sind. Kernkraftwerke benötigen große Mengen Kühlwasser; steigen Flusstemperaturen oder sinkt der Pegel, begrenzen Umweltschutzauflagen der Aufsichtsbehörde ASN die zulässige Einleittemperatur und damit die Leistung, weil nur 30 bis 35 Prozent der im Reaktor erzeugten Wärme in Strom umgewandelt werden und der Rest über Kühlwasser abgeführt werden muss. Genau das war die Ursache der oben beschriebenen Rekord-Ausfälle im August. Bei Photovoltaik sinkt die Leistung durch einen rein physikalischen Effekt, den Temperaturkoeffizienten von Silizium-Solarzellen: Module verlieren typischerweise 0,35 bis 0,5 Prozent Leistung pro Grad Celsius über 25 Grad Zelltemperatur. Temperaturkoeffizient: Wie Hitze PV-Leistung senkt Das ist, anders als Schmidts Formulierung "gedrosselt" suggeriert, keine aktive Regelungsmaßnahme, sondern eine passive Wirkungsgradminderung im Halbleiter selbst, vergleichbar mit dem Effekt der Wassertemperatur auf die Kernkraft, nur ohne behördliche Zwischenschritte. Die Debatte lautet damit nicht "Kernkraft hitzefest, Erneuerbare nicht", sondern dass beide Erzeugungsarten wetterabhängig sind, nur über unterschiedliche physikalische Mechanismen.

Fazit

Die geprüfte Behauptung ist falsch. Am 12. August waren 13 der 57 französischen Reaktoren von Drosselungen oder Abschaltungen betroffen, 20,4 Prozent der Kapazität und damit der höchste Wert seit Beginn der EDF-Veröffentlichungen 2015. Fast ein Viertel der Flotte ist nicht "nur einzelne". Auch die Zahl, mit der Schmidt das belegt, trägt nicht: 2,2 Gigawatt beziehungsweise 3,5 Prozent beschreiben die Hitzewelle vom 23. Juni 2026, nicht den August, über den er ausdrücklich spricht. Zutreffend bleiben der rund 70-prozentige Kernkraftanteil Frankreichs und der Netto-Exporteur-Status im August, wenige Wochen nachdem Frankreich wegen genau derselben Kühlwasserproblematik selbst zum Netto-Importeur geworden war, auch aus Deutschland. Der behauptete deutsche Spitzenpreis von 45 Cent/kWh ließ sich für die fragliche Woche nicht bestätigen, dokumentierte Durchschnittswerte lagen deutlich darunter. Die Erzählung, Kernkraft sei hitzefest und nur die Erneuerbaren wetterabhängig, ignoriert zudem, dass die von Schmidt beschriebene PV-Leistungsminderung ein physikalischer Temperatureffekt ist, kein aktives Abregeln, während die von ihm verharmloste Kernkraft-Drosselung eine reale, behördlich verordnete Reaktion auf dieselbe Kühlwasserproblematik ist, die auch die Reaktoren selbst wetterabhängig macht.