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Stand: 23.08.2026

Möller: SPD wirbt mit Zeile aus einem NS-Lied

Wahr

Link Beschreibung

Die "Alternative für Deutschland" veröffentlichte am 21. August 2026 eine Pressemitteilung von Stefan Möller, stellvertretender Bundessprecher der Partei. Anlass ist der Wahlkampfslogan "Wir sind der Deich", mit dem die SPD Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl am 6. September 2026 gegen die AfD wirbt. Möller weist darauf hin, dass die Formulierung 1936 in einem Lied des Reichsarbeitsdienstes vorkam, und leitet daraus einen Vorwurf der Doppelmoral ab: "Die SPD hat dafür gesorgt, dass harmlose Alltagsaussagen unter Bezugnahme auf die Nazizeit skandalisiert werden. Nun hat sie sich offenbar im eigenen politischen Minenfeld verlaufen."

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der sachliche Kern der Behauptung trifft zu. Die Zeile steht in der ersten Strophe des Liedes "Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen" und lautet dort "Denn wir sind das Reich, und wir sind der Deich". Verfasser war Wilhelm Decker, Funktionär des Reichsarbeitsdienstes; das Lied war 1936 Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes. Zu Deckers Lebensdaten machen die vorliegenden Quellen unterschiedliche Angaben, deshalb stehen sie hier nicht.

Diese beiden Belege stammen aus demselben Verlagshaus und sind derselbe Text in zwei Ausgaben, also keine zwei unabhängigen Recherchen. Unabhängig davon ist die Zeile aber an einer Stelle nachweisbar, die mit der Presseberichterstattung nichts zu tun hat: Die neonazistische Kleinpartei Der III. Weg hat das Lied am 10. September 2020 in ihrer Reihe "Sing mit, Kamerad!" veröffentlicht und druckt dort die Strophen samt der Deich-Zeile ab. Der Nachweis ist damit belastbar, und zugleich zeigt er, wo das Lied heute tatsächlich gepflegt wird. Ein Liederbuch oder eine Archivaufnahme ließ sich für diese Prüfung nicht direkt einsehen; die einschlägige Textsammlung ingeb.org antwortete durchgehend mit HTTP 503.

Von der Herkunft der Zeile zur Schlussfolgerung ist es allerdings ein weiter Weg. Ein Wort oder eine Wendung wird nicht dadurch belastet, dass sie irgendwann in einem NS-Text vorkam. Der Deich ist im Deutschen ein geläufiges Bild für gemeinsamen Schutz, und die SPD führt dafür eine Verwendungsgeschichte an, die mit dem Lied nichts zu tun hat: die Berichterstattung zur Oderflut 1997, in der der Deich zum Sinnbild für Zusammenhalt wurde, und die Verwendung durch die Initiative "Omas gegen Rechts" im März 2026. SPD-Sprecher René Wölfer sagte dazu: "Es geht um Zusammenhalt, Verantwortung und den gemeinsamen Schutz unserer Demokratie."

Wer die Zeile für den Slogan disqualifizieren will, müsste zeigen, dass die SPD den Bezug kannte oder dass die Formulierung ohne das Lied nicht denkbar wäre. Beides liegt nicht vor. Nach dem Maßstab, den Möller hier anlegt, wäre ein großer Teil des deutschen Wortschatzes unbrauchbar, weil er zwischen 1933 und 1945 auch in Liedern, Reden und Erlassen vorkam. Genau gegen diesen Maßstab wendet sich die AfD sonst, wenn ihr eigenes Vokabular auf NS-Vorbilder zurückgeführt wird.

Bemerkenswert bleibt der Fund trotzdem, nur anders herum, als die Pressemitteilung es meint. Dass eine Zeile aus einem RAD-Pflichtlied 2026 überhaupt jemandem auffällt, liegt daran, dass das Lied in der rechtsextremen Szene weiter gesungen und verbreitet wird, zuletzt nachweislich von einer Partei, die der Verfassungsschutz als rechtsextremistisch einstuft. Die SPD hat eine Alltagsmetapher benutzt. Wer das Lied kennt, kennt es aus einem anderen Zusammenhang.

Fazit

Die geprüfte Behauptung ist wahr: Die Formulierung "Wir sind der Deich" steht tatsächlich in einem Lied von 1936, das Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes war. Das ist der ganze Umfang dessen, was hier zutrifft. Der daraus abgeleitete Vorwurf, die SPD werbe mit einer NS-Parole, folgt daraus nicht: Die Deich-Metapher hat eine eigenständige Verwendungsgeschichte, und für eine bewusste Anlehnung gibt es keinen Beleg. Auffällig ist eher, dass das Lied heute vor allem dort gepflegt wird, wo die Pressemitteilung nicht hinschaut.