Patrick Graichen
Früherer Energie-Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck (2021 bis 2023), zuvor Chef von Agora Energiewende.

Über die Quelle
Patrick Graichen baute 2012 die Denkfabrik Agora Energiewende mit auf, zunächst als stellvertretender Direktor, und leitete sie von 2014 bis Dezember 2021 als Exekutivdirektor und Geschäftsführer. Anschließend wechselte er als beamteter Staatssekretär ins Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz unter Robert Habeck. Dort war er für Energie und Klimaschutz zuständig und galt als Macher des Heizungsgesetzes. Die Berliner Zeitung nennt ihn den Architekten des Gesetzes. In ihrem Interview räumt er ein, die Wucht der Kampagne gegen den "Heizungshammer" massiv unterschätzt zu haben.
Ausscheiden 2023
Am 17. Mai 2023 kündigte Habeck an, Graichen in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen. Ausgangspunkt war die Besetzung der Spitze der bundeseigenen Deutschen Energie-Agentur (dena): Graichen hatte an der Auswahl seines Trauzeugen Michael Schäfer für den Chefposten mitgewirkt, ohne die enge persönliche Beziehung vorher offenzulegen. Graichen und Habeck nannten das einen Fehler, das Auswahlverfahren sollte wiederholt werden. Habeck hielt zunächst an ihm fest. Den Ausschlag gab laut Habeck ein weiterer Vorgang: Graichen hatte im November 2022 eine Liste von Projektskizzen gebilligt, darunter ein Vorhaben des BUND-Landesverbands Berlin, dessen Landesvorsitzende bis Mai 2022 seine Schwester gewesen war. Habeck wertete das als Verstoß gegen interne Compliance-Regeln. Geld war nach den Berichten noch nicht geflossen. Seine Beteiligung an der dena-Besetzung nannte Graichen später selbst seinen "persönlichen Fehler".
Auch seine Dissertation wurde überprüft. Die Universität Heidelberg sprach am 14. Februar 2024 eine Rüge wegen Verstoßes gegen die gute wissenschaftliche Praxis aus, entzog den Doktortitel aber nicht, weil sie keine systematische Täuschung feststellte.
Atomausstieg
Vor dem 2. Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Atomausstieg sagte Graichen am 19. Dezember 2024 aus, ein Weiterbetrieb der Kernkraftwerke sei 2022 ergebnisoffen geprüft worden ("Eindeutig ja"). Ein Weiterbetrieb wäre aus seiner Sicht mit erheblichen Risiken verbunden gewesen. Der Abschlussbericht vom 19. Februar 2025 zeigt, wie unterschiedlich die Fraktionen das bewerten: CDU/CSU, FDP und AfD sehen keine ergebnisoffene Prüfung, SPD und Grüne halten den Ausstieg für richtig. Am 4. November 2026 äußerte er sich auf einer Konferenz der Denkfabrik R21 erneut zum Thema, siehe unsere Einordnung eines Apollo-News-Artikels dazu.
Ukraine
Die ukrainische Regierung billigte Graichen am 26. November 2024 als unabhängiges Mitglied des Aufsichtsrats des staatlichen Netzbetreibers Ukrenergo. Die Berliner Zeitung stellte damals die Frage, ob er angesichts der Vorwürfe von 2023 der richtige Kandidat für ein Land sei, das auf Transparenz setzt. Laut einem Interview der Berliner Zeitung vom Juni 2025 saß er zu diesem Zeitpunkt weiterhin im Aufsichtsrat. Dort kündigte er auch an, in die Energiepolitik zurückkehren zu wollen.
Links
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Graichen ist eine Person der Zeitgeschichte, deren Aussagen zur Energiepolitik fachlich gut einzuordnen sind: Als Agora-Chef und später als Staatssekretär war er an zentralen Entscheidungen zu Heizungsgesetz und Atomausstieg beteiligt. Das macht seine Äußerungen zu diesen Themen zu Primärquellen für die Position des damaligen Wirtschaftsministeriums, aber nicht zu neutralen Beschreibungen. Wer eigene Entscheidungen rückblickend bewertet, hat ein Interesse an der eigenen Darstellung.
Bei Zahlen und Sachaussagen lohnt der Abgleich mit unabhängigen Stellen. Die Debatte um den Atomausstieg zeigt das: Seine Aussage im Untersuchungsausschuss, die Prüfung sei ergebnisoffen gewesen, wurde von der Union und anderen Fraktionen im Abschlussbericht ausdrücklich bestritten. Politisch aufgeladene Berichte über ihn, etwa zur Trauzeugen-Affäre, vermischen belegte Vorgänge (dena-Besetzung, BUND-Förderung, Rücktritt) mit Wertungen. Belegt sind die Vorgänge, nicht jede Zuschreibung von Absicht oder Seilschaften.
Fazit
Als Quelle für die Sicht des früheren Wirtschaftsministeriums auf Energiepolitik taugt Graichen, als neutrale Beschreibung nicht. Seine Aussagen sind mit unabhängigen Daten und den Gegenpositionen abzugleichen.