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Stand: 06.11.2026

Apollo News: Graichen, Atomkraft und Grenzkosten

Komplex

Link Beschreibung

Apollo News berichtet über eine Podiumsdiskussion der Denkfabrik R21 in Berlin. Der frühere Staatssekretär Patrick Graichen habe dort eingeräumt, dass ein Weiterbetrieb der letzten Kernkraftwerke 2023 "mehr Strom zu relativ günstigen Grenzkosten" gebracht hätte. Der Artikel (Originaltitel: "Mehr Strom zu günstigen Grenzkosten: Plötzlich räumt Patrick Graichen Vorteile der Atomkraft ein") zitiert zugleich Graichens Ablehnung der Technik wegen des Unfallrisikos.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der zitierte Satz ist echt. Auf der Konferenz von R21 am 4. November 2026 sagte Patrick Graichen, mit einem Weiterbetrieb 2023 hätte Deutschland "noch mehr Strom zu relativ günstigen Grenzkosten gehabt. Also, das stimmt." Im Livestream der Konferenz ist das bei rund 2:37 Stunden zu hören. Vorausgegangen war die Frage des Moderators, ob es ein Fehler gewesen sei, die Kraftwerke 2023 nicht weiterlaufen zu lassen. Graichen lachte, sagte "Nein, das werde ich Ihnen jetzt nicht geben" und nannte das Risiko eines GAUs weiterhin zu hoch. Auf die Anmerkung, damit entfalle das Kostenargument, weil der Weiterbetrieb deutlich billiger gewesen wäre, antwortete er mit "Genau" und fügte an, auf der Seite der Atomkraft-Befürworter sei das "natürlich" das zentrale Argument. In diesem Punkt trifft Apollos Überschrift den Kern.

Vorspann und erster Satz gehen einen Schritt weiter. Apollo schreibt, Graichen habe eingeräumt, "dass es wirtschaftlich sinnvoll gewesen wäre, auf den Atomausstieg zu verzichten". Aus der Luft gegriffen ist das nicht, denn mit seinem "Genau" stimmte er zu, dass der Weiterbetrieb deutlich billiger gewesen wäre. Ein Gesamturteil hat er damit aber nicht gefällt. Er sprach über Grenzkosten, also über die laufenden Kosten, mit denen ein bereits gebautes und abgeschriebenes Kraftwerk eine weitere Kilowattstunde erzeugt, und stellte diesen Vorteil ausdrücklich gegen das Unfallrisiko, das für ihn schwerer wiegt. Dazu passt eine Studie: Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) setzt die Grenzkosten der abgeschriebenen Kernkraftwerke 2023 auf rund 15 Euro je Megawattstunde und schätzt, dass ein Weiterbetrieb die Großhandelsstrompreise vom 16. April bis 31. Dezember 2023 um 1 bis 8 Prozent gesenkt hätte. Dieselbe Studie nennt aber die Grenze ihrer Aussage: Sie berücksichtige "nicht die expliziten Kosten einer Verlängerung der Laufzeit", und der Strompreis sei nur dann ein valides Kriterium für den Ausstieg, wenn auch Endlagerung und Betriebssicherheit einbezogen würden. Eine Gesamtrechnung ist das also nicht.

Auch den Rest der Diskussion gibt Apollo verkürzt wieder. Graichen sagte im selben Gespräch, neue Atomkraftwerke seien "einfach sündhaft teuer" und würden nicht in die Kostenregionen von Wind, Solar und Batterien kommen. Das fehlt im Artikel, obwohl es zur Kostenfrage gehört. Die Überschrift suggeriert mit "plötzlich" eine Kehrtwende, die der Mitschnitt nicht zeigt: Graichen bekräftigte, seine Ablehnung habe 2023 gegolten und gelte heute noch. Die übrigen Zitate des Artikels, etwa die von Anna Veronika Wendland zur AfD und zu Robert Habeck, und Graichens Hinweis auf die Rolle der Union, stimmen mit dem Mitschnitt überein.

Fazit

Die Überschrift ist im Kern richtig, der Vorspann überzogen. Graichen hat eingeräumt, dass ein Weiterbetrieb der Kernkraftwerke 2023 mehr Strom zu niedrigen Grenzkosten gebracht hätte, und dem Einwand zugestimmt, das wäre deutlich billiger gewesen. Der Grenzkostenvorteil deckt sich mit der Datenlage. Den Ausstieg hält er trotzdem wegen des Unfallrisikos für richtig, neue Kraftwerke nannte er zu teuer. "Wirtschaftlich sinnvoll" ist deshalb mehr, als er gesagt hat: Grenzkosten sind nur ein Teil der Kosten, und ein "plötzliches" Umdenken lässt sich aus dem Auftritt nicht herauslesen.