Link Beschreibung
Historiker Marcus Böick (Ruhr-Universität Bochum) beschreibt die Treuhandanstalt (1. Juli 1990 bis 31. Dezember 1994) als "Achillesferse" der Wiedervereinigung. Die Behörde übernahm 8.500 Betriebe mit 4 Millionen Beschäftigten. Unter Präsident Detlev Karsten Rohwedder wurde eine aggressive Privatisierungsstrategie verfolgt: 1990 wurden 408 Unternehmen veräußert, 1991 bereits 4.800, 1992 über 5.200. Rohwedder wurde am 1. April 1991 durch die RAF in Dortmund ermordet; seine Nachfolgerin Birgit Breuel beschleunigte den Prozess weiter. Ende 1992 waren über 80 Prozent des Bestands "verwertet". Privatisierungserlöse: ca. 60 Milliarden DM. Defizit bei Schließung: ca. 260 Milliarden DM. 80 Prozent der privatisierten Unternehmen gingen an westdeutsche Investoren, nur 6 Prozent an ostdeutsche Erwerber. Böick beschreibt, wie die Treuhand in der ostdeutschen Erinnerungskultur zur "Bad Bank" wurde - verantwortlich gemacht für "Abwicklung" statt für Aufbau.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Böick ist einer der profiliertesten Treuhand-Historiker; sein 2020 erschienenes Buch "Die Treuhand: Idee - Praxis - Erfahrung 1990-1994" ist die bis dato umfassendste wissenschaftliche Aufarbeitung auf Basis der ab 2016 erschlossenen Archivbestände. Der bpb-Artikel ist eine zugängliche Zusammenfassung seiner Forschung.
Die Kernzahlen zum Treuhand-Defizit und zur Privatisierungsstruktur sind durch amtliche Quellen belegt. Dass 80 Prozent der Betriebe an westdeutsche Investoren gingen und nur 6 Prozent an ostdeutsche Erwerber, ist ein zentraler Befund, der erklärt, warum Ostdeutschland bis heute kaum eigene Unternehmensstandorte und Konzernzentralen hat. Das DIW Berlin bestätigt diese Eigentumsstruktur als wesentlichen Hemmschuh für die wirtschaftliche Eigenständigkeit Ostdeutschlands.
Böick legt Wert auf eine ausgewogene Darstellung: Die DDR-Planwirtschaft war bereits vor 1989 in einer tiefen strukturellen Krise, und die schnelle Privatisierung hatte auch Befürworter, die auf die Alternativlosigkeit angesichts der maroden Ausgangslage verwiesen. Kritiker wie die SPD-Politikerin Petra Köpping ("Integriert doch erst mal uns!") verweisen dagegen auf die massiven individuellen Verluste und das hohe Privatisierungstempo. Böick ordnet beide Positionen historisch ein, ohne zu parteiisch zu wirken.
Der Aspekt der politischen Verantwortung wird klar benannt: Helmut Kohl trieb die Währungsunion voran, Rohwedder und Breuel setzten die Privatisierungsstrategie um. Diese Verantwortungszuschreibung ist historisch belegt und nicht spekulativ.
Fazit
Ein wissenschaftlich fundierter Artikel über die Treuhandanstalt, der über die übliche Erzählung von "Abwicklung" hinausgeht und sowohl die Strukturprobleme der DDR-Wirtschaft als auch das Tempo und die Folgen der Privatisierung sachlich einordnet. Zentral für die Debatte über die wirtschaftlichen Ursachen ostdeutscher Unzufriedenheit und struktureller Schwächen.
