Zur Quelle "Arnold Tukker" springen
Stand: 06.09.2026

Leiden-Autoren widersprechen der TUM-Deutung ihrer Studie

Irreführend

Link Beschreibung

Stellungnahme vom 4. September 2026, veröffentlicht auf LinkedIn unter dem Titel "Misinterpretation of Leiden electric vehicle study by TU München". Arnold Tukker und Mitautoren von der Universität Leiden und der TU Delft distanzieren sich darin von der Pressemitteilung der Technischen Universität München vom 1. September 2026. Es geht um die Zahl, batterieelektrische Autos sparten im Schnitt 41 Prozent CO2 gegenüber Verbrennern: Sie stammt aus der eigenen Arbeit der Gruppe (Tang et al., 2023) und wurde von der TUM korrekt wiedergegeben. Widersprochen wird der Schlussfolgerung. Die Autoren schreiben, ihre Befunde seien "clearly misinterpreted in TUM's document", und halten fest, Elektroautos seien "an excellent means to realise a low-carbon transport system".

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der Streit dreht sich um dasselbe Whitepaper, das eine Woche zuvor bereits Thema einer AfD-Pressemitteilung war: Auch damals stützte sich die Fraktion auf dieselbe 41-Prozent-Zahl und deutete sie als Bestätigung ihrer Kritik an der EU-Klimapolitik, wie unsere frühere Einordnung dazu im Detail zeigt.

Die TUM-Pressemitteilung vom 1. September 2026 hat die Zahl korrekt aus der Studiengruppe übernommen: Batterieelektrische Autos sparten über den Lebenszyklus im Schnitt 41 Prozent CO2 gegenüber Verbrennern, die EU-Flottenregulierung rechne sie aber pauschal mit null Gramm CO2 pro Kilometer. Daraus leitet die Pressemitteilung ab, dieses Vorgehen werde das EU-Klimaziel von 188 Millionen Tonnen CO2-Minderung im Pkw-Sektor bis 2030 um mehr als 100 Millionen Tonnen verfehlen, weil Verbrenner 2030 voraussichtlich noch 78 Prozent der Flotte stellten (TUM: TUM study reveals substantial misdirection in EU automotive regulation).

Genau diese drei Zahlen, so Tukker und seine Ko-Autoren Chen Tang, Benjamin Sprecher und José Manuel Mogollón Lee auf LinkedIn, stammen aus ihrer eigenen Arbeit (Tang et al., 2023) - nur ziehe die TUM daraus den falschen Schluss. Im Original zeige die Studie das Gegenteil: Elektroautos seien "an excellent means to realise a low-carbon transport system" (Übersetzung: "ein exzellentes Mittel, um ein kohlenstoffarmes Verkehrssystem zu verwirklichen"), der Ausstieg aus Verbrennern müsse beschleunigt statt verzögert werden. Dass der Flottenanteil von Verbrennern 2030 noch hoch liegt und das EU-Ziel verfehlt wird, liege daran, dass sowohl der Umstieg auf Elektroautos als auch die Dekarbonisierung des Stromnetzes zu langsam vorankämen, nicht daran, dass die EU-Regulierung nur Auspuffemissionen zählt. Diese Argumentationskette bezeichnen die Autoren als "clearly misinterpreted in TUM's document" (Übersetzung: "eindeutig fehlinterpretiert in TUMs Dokument") und distanzieren sich "strongly" (Übersetzung: "entschieden") von der Darstellung. Der IIASA- und NTNU-Professor Edgar Hertwich wird in derselben Stellungnahme mit dem Satz zitiert, TUM-Präsident Thomas Hofmanns Behauptung, die EU-Klimapolitik richte sich allein nach Auspuffemissionen, sei "seriously misinformed" (Übersetzung: "ernsthaft fehlinformiert"), er solle sie zurücknehmen (LinkedIn: Misinterpretation of Leiden electric vehicle study by TU München).

Die fachliche Kritik am Whitepaper reicht über diese Stellungnahme hinaus. Gegenüber dem Science Media Center widersprach auch Markus Lienkamp, der an der TU München selbst den Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik leitet, der politischen Lesart: Im Kern bestätige die Studie, Elektroautos seien "in Zukunft als einzige Antriebsart zielführend". An der Studie kritisierte er zusätzlich, dass für den Strommix nur Daten von 2018 bis 2024 ausgewertet worden seien, obwohl die CO2-Intensität der Stromerzeugung seither stark sinke, dass die Batterieproduktion zu wenig berücksichtigt sei, dass kein Peer-Review stattgefunden habe und dass die Literatursuche über KI-Suchmaschinen erfolgt sei (heise online: Verbrenner-Aus von Wissenschaft widerlegt? Harsche Kritik an TUM-Studie). Felix Creutzig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ergänzte, der stark steigende Anteil erneuerbarer Energien im Strommix werde nicht angemessen berücksichtigt, wodurch die CO2-Intensität des Strommix überschätzt werde, ebenso bleibe unberücksichtigt, dass private Solaranlagen das Laden vielerorts bereits CO2-neutral machten (gleiche Quelle).

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Faktencheck-Anbieter Volksverpetzer: Die Studie liefere kein Argument gegen das Verbrenner-Aus, sondern belege im Gegenteil den Klimavorteil von Elektroautos. Die 41 Prozent lägen in der Größenordnung dessen, was auch andere Ökobilanzen ausweisen, etwa 40 bis 55 Prozent beim Umweltbundesamt oder rund 73 Prozent beim International Council on Clean Transportation für heute in der EU verkaufte Mittelklassewagen (Volksverpetzer: TUM-Studie als Aufhänger für Anti-E-Auto-Kampagne).

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Die 41-Prozent-Zahl ist korrekt aus der Studie von Tukker und seiner Arbeitsgruppe übernommen, doch die daraus gezogene Schlussfolgerung teilen die Autoren selbst nicht: Ihre Arbeit zeigt einen klaren Klimavorteil des Elektroautos und empfiehlt einen schnelleren, nicht einen langsameren Umstieg. Dass der Flottenanteil an Verbrennern hoch bleibt, liegt an einem zu langsamen Hochlauf von Elektroautos und einer zu langsamen Stromnetz-Dekarbonisierung, nicht an der EU-Bilanzierungsmethode. Bestätigt wird diese Einordnung sowohl vom Fahrzeugtechnik-Experten der TUM selbst als auch von externer Klimaforschung, die zusätzlich methodische Schwächen des Whitepapers benennt: einen zu kurzen Betrachtungszeitraum für den Strommix, eine unzureichende Berücksichtigung der Batterieproduktion und das Fehlen eines Peer-Reviews. Der Fall reiht sich damit in ein bereits bekanntes Muster ein: Dasselbe Whitepaper diente bereits einer Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion als vermeintlicher Beleg gegen das Verbrenner-Aus.