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Michael Levitt

Biophysiker an der Stanford University, Chemie-Nobelpreis 2013. In der Corona-Pandemie mit Prognosen und Kritik an Lockdowns aufgefallen.

Bildquelle: ©Bengt Nyman, Wikimedia Commons, CC BY 2.0
Bildquelle: ©Bengt Nyman, Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Über die Quelle

Michael Levitt wurde am 9. Mai 1947 in Pretoria (Südafrika) geboren. Er studierte an der University of Pretoria und am King's College London, setzte sein Postgraduiertenstudium am Laboratory of Molecular Biology in Cambridge fort, arbeitete später am Weizmann Institute of Science in Israel und ist seit 1987 an der Stanford University (Nobelprize.org: Michael Levitt, Facts). Dort hat er laut seinem Stanford-Profil die Cahill-Professur für Krebsforschung am Department of Structural Biology inne und leitete die Abteilung von 1993 bis 2004.

2013 erhielt er gemeinsam mit Martin Karplus und Arieh Warshel den Nobelpreis für Chemie "für die Entwicklung von Multiskalenmodellen für komplexe chemische Systeme" (Originalwortlaut: "for the development of multiscale models for complex chemical systems"). Die drei hatten in den 1970er-Jahren Methoden entwickelt, die Quantenmechanik und klassische Mechanik verbinden, um chemische Reaktionen am Computer zu berechnen. Levitt erhielt ein Drittel des Preises (Nobelprize.org).

Der Name ist nicht eindeutig: Auf Wikipedia sind unter "Michael Levitt" fünf verschiedene Personen verzeichnet, darunter ein Fernsehproduzent, ein kanadischer Politiker und ein Neurochirurg (Wikipedia: Michael Levitt (Begriffsklärung)). Dieses Profil betrifft ausschließlich den Biophysiker aus Stanford, Nobelpreisträger 2013.

Rolle in der Corona-Debatte

Levitt ist Strukturbiologe und Computerchemiker, kein Epidemiologe. Er sagte das im August 2020 selbst bei einer Expertenanhörung des Placer County Board of Supervisors in Kalifornien: "I am not an epidemiologist, I don't have an MD" (Übersetzung: Ich bin kein Epidemiologe und habe keinen Doktor der Medizin), so die Wiedergabe in STAT: Stanford professor and Nobel laureate: critics say he was dangerously misleading on Covid (Eric Boodman, 24. Mai 2021). Nach eigener Darstellung begann er Anfang 2020, Fallzahlen aus China auszuwerten. Im März 2020 erschien in der Los Angeles Times ein Beitrag mit der Überschrift "Why this Nobel laureate predicts a quicker coronavirus recovery: 'We're going to be fine'" (laut STAT). Seine Zahlenreihen verbreiteten sich schnell, und er beriet nach eigener Darstellung Politiker und veröffentlichte regelmäßig auf Twitter.

Prognosen und was danach geschah:

  • Israel, März 2020. Levitt sagte nach eigener Darstellung gegenüber Premier Benjamin Netanyahu, er wäre überrascht, wenn das Land mehr als 10 Corona-Tote zählte. Laut dem STAT-Tracker lag die Zahl im Mai 2021 bei über 6.400 (STAT).
  • USA, 25. Juli 2020. Er twitterte: "US COVID19 will be done in 4 weeks with a total reported death below 170,000" (Übersetzung: In vier Wochen sei Covid-19 in den USA vorbei, mit weniger als 170.000 gemeldeten Toten). Die offizielle US-Zahl stieg später auf ein Vielfaches: Times Higher Education (Jack Grove, 25. August 2023) nennt 1,1 Millionen. Levitt räumte gegenüber STAT ein: "The biggest one was declaring, in a somewhat belligerent way, that things would end in the United States by the end of August. I feel really bad about that." (Übersetzung: Der größte Fehler war, in einem etwas streitlustigen Ton zu verkünden, dass es in den USA bis Ende August vorbei sei. Das tut mir wirklich leid.)

Methode und Kritik:

  • Im Mai 2020 beobachtete Levitt mit Kollegen, dass die Daten mehrerer Ausbrüche einer sogenannten Gompertz-Kurve folgten, und nutzte sie für Vorhersagen. Der Modellierer Joel Miller (La Trobe University) hielt dagegen, solche Prognosen bildeten die vielen Einflüsse auf den weiteren Verlauf nicht ab. STAT hält fest, Levitt sei damit nicht allein, und zitiert Ellen Kuhl, Professorin für Bioingenieurwesen in Stanford: "A lot of models were orders of magnitude off" (Übersetzung: Viele Modelle lagen um Größenordnungen daneben). Was ihn unterscheide, seien nach Einschätzung von STAT seine Reichweite, die Umgehung der üblichen Prüfung und seine Gewissheit (alles laut STAT).
  • Die Harvard-Epidemiologin Maimuna Majumder sagte STAT, Levitt habe "a huge, huge following", weshalb möglicherweise irreführende Tweets ein Problem seien. Der Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman schrieb an STAT, Levitt habe "crossed a boundary from data to public policy where the impact of his word as a Nobel laureate has undue influence" (Übersetzung: Er habe eine Grenze von den Daten zur Politikberatung überschritten, wo sein Wort als Nobelpreisträger unangemessen großen Einfluss habe). Die Stanford-Doktorandin Mallory Harris störte sich an Levitts Aussage auf einem Podium, Epidemiologen hätten so viel Schaden angerichtet, "to make 9/11 look like a baby story" (alles laut STAT).
  • Levitt behauptete laut STAT, Länder hätten Corona-Tote übermäßig gezählt, und Menschen seien "mit" und nicht "an" Corona gestorben. STAT hält dem entgegen, dass Gerichtsmediziner das Gegenteil berichtet hätten. Zugleich vermerkt STAT, es gebe keinen Hinweis darauf, dass Levitt Daten gefälscht habe.
  • Levitt unterzeichnete die Great Barrington Declaration, die für Menschen mit geringem Sterberisiko eine Immunisierung durch natürliche Infektion vorsah (laut STAT).

Seine Sicht: 2023 sagte Levitt Times Higher Education, er habe keine Reue über seine Haltung. Seine Sicht auf Covid liege "much closer to what actually happened than Neil Ferguson's", und viele seiner Vorhersagen seien eingetreten, etwa dass die Sterberate nicht so schlimm wie vielfach angenommen ausfalle. Er nannte außerdem acht gemeinsame Fachaufsätze mit John Ioannidis aus dem Vorjahr. Die offizielle Todeszahl führe in die Irre, weil die meisten Verstorbenen alt und oft vorerkrankt gewesen seien: "Lots of people reported of dying of Covid would have died anyway" (Übersetzung: Viele als Corona-Tote gemeldete Menschen wären ohnehin gestorben; alles laut Times Higher Education).

Die PNAS-Studie 2026: Levitt ist Mitautor der im Juni 2026 erschienenen Studie "Reclassification and weighting of multiple causes of death: US death certificates 2003-2023" (zusammen mit Marten, Oren und Ioannidis; PMC). Wie Boris Reitschuster sie deutet und was die Studie tatsächlich zeigt, haben wir in unserer Einordnung des Reitschuster-Beitrags geprüft.

Faktenfackel Bewertung

In seinem Fach ist Levitt ausgewiesen: Der Nobelpreis 2013 würdigt Arbeiten zur Computersimulation chemischer Systeme, und sein Stanford-Profil nennt ihn als Mitglied der National Academy of Sciences. Für Epidemiologie und Pandemie-Prognosen gilt dieser Rang nicht automatisch, und er selbst räumt ein, kein Epidemiologe zu sein.

Seine öffentlich dokumentierten Corona-Prognosen sind teils widerlegt: die Aussage zu Israel (höchstens 10 Tote) und die Vorhersage vom Juli 2020 (Ende im August, unter 170.000 gemeldete Tote) trafen nicht ein, und Levitt hat Letzteres selbst als Fehler bezeichnet. Kritik an seinem Vorgehen kam von Modellierern, Epidemiologen und einem Nobelpreisträger-Kollegen, für eine Fälschung von Daten gibt es laut STAT aber keinen Beleg. Als alleinige Autorität für Aussagen zur Corona-Sterblichkeit taugt der Nobelpreis daher nicht.

Fazit

Als Biophysiker und Nobelpreisträger ist Levitt eine fachlich glaubwürdige Quelle, bei Corona-Sterblichkeit und Prognosen aber nur mit Vorsicht zu verwenden. Mehrere seiner konkreten Vorhersagen aus 2020 haben sich als falsch erwiesen, was er teilweise selbst einräumt. Wo er Rechenmethoden für Todesursachen vorlegt, wie in der PNAS-Studie von 2026, sollten die Aussagen am Inhalt der jeweiligen Studie geprüft werden, nicht am Titel Nobelpreisträger.