Link Beschreibung
Boris Reitschuster berichtet über eine in PNAS erschienene Studie von Michael Levitt, John Ioannidis und Kollegen zu US-Totenscheinen der Jahre 2003 bis 2023. Daraus leitet er ab, die Ärzte hätten auf den Scheinen deutlich seltener Corona als Todesursache eingetragen, als die amtliche Statistik ausweist, und fast jeder zweite Corona-Tote sei erst durch die Kodierregeln entstanden. Zugleich schreibt er, die Prozentzahlen der Studie ließen sich nicht auf Deutschland übertragen, und räumt ein, dass die Gewichtung auch Verkehrs- und Suizidtote um die Hälfte kürzt.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Was die Studie misst. Levitt, Marten, Oren und Ioannidis haben knapp 57 Millionen US-Totenscheine ausgewertet (PNAS: Reclassification and weighting of multiple causes of death, Juni 2026). Sie vergleichen zwei Fassungen jedes Scheins: die Angaben der Ärzte und die nach internationalen Kodierregeln aufbereitete amtliche Fassung. Als "Grundursache" der Arztfassung nehmen die Autoren die letzte Zeile im ersten Teil des Scheins an, das ist eine Annahme und keine eigene Angabe der Ärzte. Außerdem rechnen sie mit Gewichtungsschemata, bei denen neben der Grundursache auch die übrigen genannten Leiden einen Anteil am Tod bekommen.
Was stimmt. Reitschuster gibt die Kernzahlen richtig wieder. Bei rund einem Drittel der Todesfälle weicht die Grundursache nach der Aufbereitung vom Eintrag der letzten Zeile ab, auf der Ebene grober Krankheitsgruppen bei etwa 15 Prozent. COVID-19 als Grundursache steigt dadurch um 92 Prozent, von 522.512 auf 1.004.208 Fälle, am häufigsten auf Kosten der Lungenentzündung (43,8 Prozent der Heraufstufungen). Mit den Gewichtungen sinkt der COVID-19-Anteil in den Jahren 2020 bis 2023 um 44 bis 63 Prozent. Die Autoren halten es für möglich, dass die Kodierregeln die Zahl der Corona-Toten deutlich überschätzt haben, und für wahrscheinlich, dass die tatsächliche Last bei weniger als der Hälfte oder nur bei einem Drittel der amtlichen Zahl lag. Zugleich nennen sie als Einschränkung, dass der Goldstandard Obduktionen und Aktenprüfungen wären und die Fehlerquote bei Totenscheinen insgesamt hoch ist.
Wo die Überschrift über die Studie hinausgeht.
- COVID-19 stand auf den Scheinen. Nach der Tabelle der Studie ist COVID-19 in beiden Fassungen auf genau 1.169.813 Scheinen vermerkt, die Zahl der Scheine mit COVID-19 bleibt also gleich. Was sich ändert, ist die Einstufung: Als Grundursache zählt COVID-19 in der Arztfassung 522.512-mal, in der amtlichen Fassung 1.004.208-mal. 502.461 Fälle wurden heraufgestuft, 20.765 herabgestuft. Rechnerisch ist damit fast jeder zweite Fall mit COVID-19 als amtlicher Grundursache eine Heraufstufung, insofern stimmt Reitschusters Zahl. Ein Toter kam dadurch nicht hinzu: COVID-19 stand auch in den heraufgestuften Fällen auf dem Schein, nur nicht in der letzten Zeile von Teil I, die die Autoren als Grundursache der Ärzte annehmen. "Am Schreibtisch entstanden" ist deshalb eine Umstufung und keine zusätzliche Zahl von Toten. Reitschuster schreibt das im Text selbst: "Das heißt nicht, dass die Hälfte der Toten erfunden wäre. Diese Menschen sind gestorben." Die Überschrift sagt mit "entstand erst am Schreibtisch" etwas anderes als diese Einschränkung. Ob die Ärzte COVID-19 in den heraufgestuften Fällen für ursächlich hielten, zeigt die Studie nicht. Am häufigsten (43,8 Prozent der Heraufstufungen) wurde eine Lungenentzündung (Code J18.9) abgelöst; man kann das so deuten, dass COVID-19 dort die Lungenentzündung ausgelöst hat, belegt ist diese Deutung durch die Studie aber nicht.
- Die 44 bis 63 Prozent sind ein Rechenmodell. Im mildesten Schema bekommt die Grundursache die Hälfte des Gewichts, die übrigen Leiden teilen sich den Rest, im strengsten teilen alle Leiden gleich. Dieselbe Rechnung senkt die Zahl der Verkehrstoten um 50 bis 58 Prozent, der Suizide um 50 bis 60 Prozent und der Tötungsdelikte um 50 bis 65 Prozent, weil auch dort mehrere Einträge auf dem Schein stehen. Die Gewichtung misst also nicht, wie viele Menschen "mit" statt "an" Corona starben. Reitschuster nennt diesen Einwand selbst, zieht daraus aber keine Konsequenz für die Überschrift.
- Übersterblichkeit bleibt außen vor. Die Studie äußert sich zur Übersterblichkeit nicht. Reitschuster nimmt den Einwand vorweg: Die Übersterblichkeit zeige nur, dass mehr Menschen gestorben seien, nicht woran, und darin steckten auch Opfer der Corona-Politik wie verschobene Operationen, verpasste Diagnosen und Einsamkeit in Heimen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC schätzte für die Zeit vom 26. Januar 2020 bis 27. Februar 2021 allein 545.600 bis 660.200 Todesfälle mehr als erwartet (CDC MMWR: Update on Excess Deaths Associated with the COVID-19 Pandemic). Diese Gesamtzahl hängt nicht davon ab, welche Todesursache auf den Scheinen steht. Reitschusters Hinweis kann höchstens einen Teil davon betreffen: Rund 63.700 bis 162.400 dieser Todesfälle haben laut CDC keinen COVID-19-Bezug auf dem Schein. Ob es sich dabei um nicht erkannte COVID-19-Fälle oder um mittelbare Folgen der Pandemie handelt, kann die CDC nach eigenen Angaben nicht unterscheiden. Für 75 bis 88 Prozent nennt die CDC dagegen einen direkten Zusammenhang mit COVID-19. Dieser Anteil beruht auf Scheinen mit dem Code U07.1 "as a contributing or underlying cause", hängt also an der Nennung von COVID-19 auf dem Schein und nicht an der Wahl der Grundursache, und die Nennungen ändert die Aufbereitung laut Studie nicht. Wie sich das mit der Schätzung der Autoren von rund 400.000 Corona-Toten für 2020 bis 2023 verträgt, behandelt die Studie nicht.
Deutschland. Die Studie beruht ausschließlich auf US-Daten, Reitschuster erkennt das an und nennt die Destatis-Zahlen sowie das Autopsieregister selbst, Letzteres mit dem Einwand, obduziert worden sei vor allem in Kliniken. Für Deutschland weist das Statistische Bundesamt für 2020 getrennte Zahlen aus: 39.758 Menschen starben mit COVID-19 als Grundleiden, bei weiteren 8.102 war COVID-19 als Begleiterkrankung vermerkt (Destatis: Corona-Pandemie führt zu Übersterblichkeit in Deutschland, 9. Dezember 2021). Das Robert-Koch-Institut zählt Todesfälle "in Verbindung mit" COVID-19 und erfasst ausdrücklich auch Verstorbene, bei denen sich die Todesursache nicht abschließend klären lässt. Bei den Fällen mit entsprechender Angabe war in den Jahren 2020 und 2021 für rund 90 Prozent "verstorben an COVID-19" vermerkt, 2022 für 77 Prozent. Das deutsche Autopsieregister kam für die ersten drei Wellen auf 86 Prozent (RKI: Antworten auf häufig gestellte Fragen zur COVID-19-Pandemie). Ob sich dieser Wert wegen der Auswahl der Obduzierten auf alle Sterbefälle übertragen lässt, bleibt offen. Eine Übertragung der US-Prozentzahlen auf Deutschland ist jedenfalls nicht möglich, was auch Reitschuster so sieht.
Fazit
Die Studie ist eine in PNAS veröffentlichte Arbeit und liefert echte Zahlen, Reitschusters Darstellung ist dennoch irreführend. Die Kodierregeln haben die Zahl der Fälle mit COVID-19 als Grundursache fast verdoppelt, rechnerisch ist fast jeder zweite davon eine Heraufstufung. COVID-19 stand aber in beiden Fassungen auf denselben 1.169.813 Totenscheinen. Hinzugekommen ist kein Toter, geändert hat sich nur die Einstufung als Grundursache. Die 44 bis 63 Prozent ergeben sich aus einem Gewichtungsmodell, das auch andere Todesursachen halbiert und Übersterblichkeit nicht berücksichtigt. Dass die amtlichen Zahlen zu hoch liegen, halten die Autoren für wahrscheinlich: Die tatsächliche Last habe vermutlich bei weniger als der Hälfte oder nur einem Drittel der amtlichen Zahl gelegen. Zugleich räumen sie ein, dass sich solche Schätzungen erst mit Obduktionen und Aktenprüfungen verlässlich prüfen lassen. Eine solche Prüfung der US-Totenscheine enthält die Studie nicht. Reitschuster betont im Text, die Toten seien nicht erfunden. Seine Überschrift legt das Gegenteil nahe.
