Was wird behauptet?
Die Junge Freiheit (JF) titelt am 12. Oktober 2026: "40 Prozent der Langzeitbezieher von Bürgergeld sind Ausländer". Unter dem Artikelbild steht derselbe Satz mit einem "Knapp" davor. Anlass ist eine Auswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA) zu Menschen, die seit mindestens fünf Jahren Grundsicherung beziehen. Angefragt hat sie die AfD-Bundestagsfraktion, die Zahlen haben den Stand Ende 2025.
Im Artikel kommt außerdem der AfD-Abgeordnete René Springer zu Wort: "Es kann nicht sein, dass so viele Menschen auf Kosten der Steuerzahler Bürgergeld beziehen, obwohl sie arbeiten gehen könnten." Weil der Artikel diesen Satz als Deutung der Zahlen anbietet, prüfen wir ihn mit.
Ein Wort zu den Begriffen. Gezählt werden Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch. Sie hießen früher Hartz IV, seit Anfang 2023 Bürgergeld und seit Juli 2026 Grundsicherungsgeld, wie die JF selbst anmerkt.
Faktencheck
Die 40 Prozent stehen im Text für etwas anderes
Der Artikel deckt seine eigene Überschrift nicht. Im ersten Absatz heißt es, rund 1,4 Millionen Menschen hätten mindestens fünf Jahre lang Grundsicherung bezogen, das entspreche "etwa zwei von fünf erwerbsfähigen Leistungsempfängern". Zwei von fünf sind 40 Prozent. Die Zahl beschreibt also, wie viele der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten Langzeitbezieher sind. Mit der Staatsangehörigkeit hat sie nichts zu tun.
Zum Ausländeranteil nennt der Text einen anderen Wert: 37,8 Prozent der Langzeitbezieher haben keinen deutschen Pass, 62,2 Prozent sind Deutsche. Der Vorspann gibt beides sauber getrennt wieder: "Fast 40 Prozent der Bürgergeldempfänger sind seit mindestens fünf Jahren auf staatliche Unterstützung angewiesen. Mehr als jeder Dritte von ihnen ist Ausländer." Erst die Überschrift macht aus "mehr als jeder Dritte" glatte 40 Prozent und legt damit zwei verschiedene Größen auf dieselbe Zahl.
Der Artikel wurde am Nachmittag des 12. Oktober noch einmal bearbeitet. Die Überschrift stand am Morgen des 13. Oktober trotzdem unverändert da.
Woher die Zahlen stammen
Die Anfrage der AfD-Fraktion und die Auswertung der BA im Wortlaut sind öffentlich nicht auffindbar. Belegt sind die Zahlen über die Deutsche Presse-Agentur, der die Auswertung vorlag. Ihre Meldung vom 12. Oktober 2026 nennt für die Menschen mit mindestens fünf Jahren Bezug dieselben Werte, 62,2 Prozent Deutsche und 37,8 Prozent Ausländer. Die JF hat sie im Text richtig übernommen.
Prüfen lässt sich außerdem, ob diese Werte zu den regulär veröffentlichten Daten der BA passen. Hier gibt es eine Einschränkung: Die Veröffentlichung "Grundsicherung für Arbeitsuchende in Zahlen" vom Juni 2026 weist die bisherige Bezugsdauer nur bis zur Klasse "4 Jahre und länger" aus. Die Fünf-Jahres-Grenze der AfD-Anfrage kommt dort nicht vor. Bei den folgenden Vergleichen steht deshalb jeweils dabei, welche Grenze gemeint ist.
Der Vergleichswert, den die Überschrift weglässt
Ob 37,8 Prozent viel oder wenig sind, hängt davon ab, womit man vergleicht. Die JF nennt den Ausländeranteil "besonders auffällig", liefert aber keinen Vergleichswert. Er steht in derselben BA-Veröffentlichung. Im Dezember 2025 gab es rund 3,81 Millionen erwerbsfähige Leistungsberechtigte, davon 2,04 Millionen Deutsche und 1,77 Millionen Ausländer. Der Ausländeranteil liegt damit bei rund 46,5 Prozent. Diesen Prozentwert haben wir aus den beiden BA-Zahlen selbst errechnet.
| Alle erwerbsfähigen Bezieher | Langzeitbezieher (ab 5 Jahre) | |
|---|---|---|
| Ausländeranteil | 46,5 % | 37,8 % |
Die beiden Balken stammen aus zwei Quellen. Der linke beruht auf der BA-Tabelle für Dezember 2025 und unserer Rechnung, der rechte auf der dpa-Meldung über die BA-Auswertung zum Stand Ende 2025. Er gilt für Menschen mit mindestens fünf Jahren Bezug.
Unter den Langzeitbeziehern sind Ausländer demnach seltener vertreten als unter allen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, mit knapp 38 gegenüber rund 46,5 Prozent. Auffällig ist an der Zahl also höchstens, dass sie unter dem Gesamtanteil liegt.
Die BA-Tabelle zur Bezugsdauer zeigt dasselbe, dort mit der Vier-Jahres-Grenze. Von den deutschen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten bezogen im Dezember 2025 49,3 Prozent seit vier Jahren oder länger Leistungen, von den ausländischen 31,9 Prozent. Rechnet man mit diesen Anteilen weiter, haben rund 36 Prozent der Menschen mit mindestens vier Jahren Bezug keinen deutschen Pass. Auch das ist unsere eigene Rechnung. Sie landet nahe bei den 37,8 Prozent, die für die Fünf-Jahres-Grenze gemeldet wurden. Die Zahlen aus der AfD-Anfrage fügen sich also in die reguläre Statistik ein.
Eine Erklärung, kein Statistikergebnis
Warum der Ausländeranteil unter den Langzeitbeziehern niedriger ist, beantwortet die Statistik nicht. Sie gibt aber einen Hinweis. Im Dezember 2025 waren 18,1 Prozent der ausländischen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten seit drei bis unter vier Jahren im Bezug, bei den deutschen waren es 6,7 Prozent. Diese Menschen kamen 2022 hinzu, im Jahr des russischen Überfalls auf die Ukraine. Wer damals nach Deutschland geflohen ist, konnte Ende 2025 noch gar keine fünf Jahre im Bezug sein. Den Hintergrund, die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter ins Bürgergeld seit Juni 2022, beschreibt unser Faktencheck Ist die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger ausländisch?.
Das ist eine naheliegende Erklärung, mehr nicht. Die Tabelle zeigt Anteile zu einem Stichtag. Ob Ausländer den Bezug schneller wieder verlassen als Deutsche, lässt sich aus ihr nicht ablesen, und wir behaupten es auch nicht. Fest steht nur, was die Zahl der JF nicht belegt: dass Ausländer überproportional lange Leistungen beziehen. Am Stichtag war der Anteil mit langer Bezugsdauer unter Ausländern deutlich niedriger als unter Deutschen.
"Obwohl sie arbeiten gehen könnten"
Springer spricht nicht von Verweigerung. Sein Satz setzt aber voraus, dass viele der Bezieher arbeiten könnten und es nicht tun. Die Daten der BA stützen das nicht.
Im November 2025 waren 811.494 erwerbsfähige Leistungsberechtigte erwerbstätig, etwa ein Fünftel. Sie arbeiten bereits und stocken ein zu niedriges Einkommen auf. Im Februar 2026 waren nur 46 Prozent der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten arbeitslos gemeldet. Die übrigen 54 Prozent gehen einer Erwerbstätigkeit nach, sind in Ausbildung, kümmern sich um kleine Kinder oder Angehörige, nehmen an Maßnahmen teil oder sind erkrankt.
Auch die Bezugsdauer taugt nicht als Beleg. Unter den erwerbstätigen Leistungsberechtigten sind 41,8 Prozent seit vier Jahren oder länger im Bezug, unter den arbeitslosen 43,1 Prozent. Wer arbeitet und aufstockt, ist also fast ebenso oft seit Jahren auf Grundsicherung angewiesen wie jemand ohne Arbeit.
Wahrer Kern
Die Zahl hinter der Überschrift ist nicht erfunden. 37,8 Prozent sind grob 40, und wer großzügig rundet, kommt dort an. Der Vorspann der JF ist korrekt, und der Text nennt weiter unten selbst die wichtigste Einschränkung: Langzeitarbeitslosigkeit und langjähriger Grundsicherungsbezug seien "nicht gleichzusetzen", weil auch Erwerbstätige mit geringem Einkommen Unterstützung erhalten können. Er verweist außerdem auf das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das bei langjährigen Leistungsbeziehern häufig Vermittlungshemmnisse wie geringe Qualifikation oder gesundheitliche Einschränkungen feststellt. Diese Einordnung steht im Artikel. Sie passt nur weder zur Überschrift noch zu Springers Satz.
Richtig ist auch, dass Menschen ohne deutschen Pass gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil überdurchschnittlich oft Grundsicherung beziehen. Woran das liegt und was daraus nicht folgt, steht ebenfalls in Ist die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger ausländisch?. Kurz zuvor hatte NIUS gemeldet, 46 Prozent der Bürgergeld-Zahlungen gingen an Ausländer. Das ist eine andere Größe, Geld statt Köpfe. Sie liegt aber im Bereich des Ausländeranteils an allen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten und damit deutlich über den knapp 38 Prozent bei den Langzeitbeziehern.
Fazit
Die Überschrift ist irreführend. Die Zahl dahinter stimmt grob, rund 38 Prozent der Menschen mit mindestens fünf Jahren Bezug haben keinen deutschen Pass. Die Überschrift rundet aber auf 40 auf und verwendet damit die Zahl, die im Text für den Anteil der Langzeitbezieher an allen Leistungsberechtigten steht. Vor allem fehlt der Vergleich: Unter allen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten liegt der Ausländeranteil bei rund 46,5 Prozent, unter den Langzeitbeziehern ist er niedriger. Für Springers Satz, so viele Menschen bezögen Leistungen, "obwohl sie arbeiten gehen könnten", liefern die BA-Daten keinen Beleg. Ein Fünftel der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten ist erwerbstätig, mehr als die Hälfte ist nicht arbeitslos gemeldet.