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Gen-Z-Proteste: Erst Panik, dann Schuldige ohne Beleg

Vor dem 31. Oktober wurde Gewalt angekündigt, danach wurden Schuldige präsentiert. Für beides fehlt der Beleg. Was an dem Tag wirklich geschah, und wer randaliert hat.

Am Samstag, dem 31. Oktober 2026, gingen in rund 30 deutschen Städten junge Menschen auf die Straße, für bessere Bildung, bezahlbares Leben und gegen die Wehrpflicht. Aufgerufen hatte vor allem die Initiative "Gen Z regelt". Die dpa spricht von "mehreren Zehntausend" Teilnehmenden, ein Sprecher der Initiative nannte am Abend mehr als 100.000. Eine bundesweite Zahl der Polizei lag zunächst nicht vor, in einigen Städten fielen die Polizeizahlen laut dpa niedriger aus als die der Veranstalter. Allein in Frankfurt demonstrierten laut Hessenschau rund 8.000 Menschen, größtenteils friedlich.

So zeigt es auch die Tagesschau: volle Straßen, selbstgemalte Schilder, und in der Beschreibung des Beitrags der Satz, die Proteste verliefen "weitgehend friedlich".

Wer dagegen in den Tagen davor und danach bestimmte Medien las oder auf YouTube nach dem Protesttag suchte, bekam ein anderes Bild. Erst wurde Gewalt angekündigt, dann wurden Schuldige präsentiert. Beides geht über das hinaus, was sich belegen lässt.

Krawall mit Ansage

Tichys Einblick titelte schon am 21. Oktober, Gewaltexzesse seien auch in Deutschland geplant. Als Belege dienten ein Polizeigewerkschafter, eine Extremismusforscherin und ein Innenminister, die beschrieben, womit man rechnen müsse. Einen Plan belegten sie nicht. Die Junge Union Berlin-Mitte wollte vorsorglich die Bundeswehr hinzuziehen, was das Grundgesetz bei Demonstrationen nicht hergibt.

Auf YouTube lief das Thema bei manchen Sendern über Tage als Krawall-Ankündigung. Eine Auswahl der Videotitel:

Die Titel stehen dort in Großbuchstaben, hier zur besseren Lesbarkeit in normaler Schreibung. Die Sorge vor Ausschreitungen war nicht aus der Luft gegriffen, die Polizei bereitete sich zu Recht darauf vor. Ein "Linkes Halloween" stand aber am 30. Oktober noch nirgends fest, und das Wort "Supergau" beschreibt eine Stimmung.

Zur Fairness gehört: In denselben Suchergebnissen stehen auch Tagesschau, Tagesthemen, heute journal, ZDFspezial, Hessenschau und rbb24 mit nüchternen Titeln. Die Trefferliste ändert sich außerdem bei jedem Abruf. Eine Flut lässt sich daraus nicht messen, eine Schlagseite bei einzelnen Absendern schon. Der CDU-Innenpolitiker Alexander Throm hatte gewarnt, die Demonstrationen könnten von Linksextremisten und Kriminellen aus dem migrantischen Milieu unterwandert werden (ZDFheute). Für Frankfurt hat Hessens Innenminister am Tag danach beides so beschrieben. Worauf seine Angabe zur Herkunft beruht, ist allerdings offen (siehe unten).

Was am 31. Oktober geschah

Ja, es gab Gewalt, und sie war nicht klein. In Frankfurt löste die Polizei die Versammlung gegen 18:20 Uhr auf, nachdem Pyrotechnik und Böller gezündet und Steine geworfen worden waren. Später gingen auf der Zeil Schaufenster zu Bruch, ein Waffengeschäft wurde angegriffen, Schuhläden wurden geplündert (Hessenschau). Laut Polizei flogen auch Molotowcocktails auf Beamte (Tagesspiegel-Liveblog, dpa). In Köln stellte die Polizei bei Vermummten Molotowcocktails und Nothämmer sicher (t-online). Aus Hamburg meldete die dpa brennende Barrikaden (dpa), laut Gewerkschaft der Polizei spitzte sich die Lage nach Ende der Veranstaltungen auch in Stuttgart zu.

In Berlin kam es nach einem Protestzug vom Rosenthaler Platz zu zahlreichen Straftaten, 27 Polizisten wurden leicht verletzt, 56 Menschen festgenommen (AFP im Tagesspiegel-Liveblog). Dieser Zug lief unter dem Namen "Gen Z hat genug!" und gehörte laut dpa nicht zu den bundesweiten Demonstrationen von "Gen Z regelt", die Polizei ordnet den Veranstalter dem linken Spektrum zu. Die eigentliche Gen-Z-Kundgebung am Brandenburger Tor mit bis zu 5.000 Teilnehmenden verlief laut Polizei "nahezu störungsfrei".

Berlins GdP-Landeschef Stephan Weh zog am Abend eine Bilanz, die sich wie eine Antwort auf die Tage davor liest: "Während einige Experten hier im Vorfeld schon Horrorszenarien rund um brennende Straßenzüge und eine niederprügelnde Polizei heraufbeschwört haben, hat die Polizei Berlin die Lage rund um den Gen-Z-Proteste akribisch analysiert." Und weiter: "Die überwiegende Mehrheit unserer Jugend hat heute in klarer Ablehnung jeglicher Gewalt friedlich demonstriert" (Tagesspiegel-Liveblog).

Die Nacht in Frankfurt

Nirgends war es so schlimm wie in Frankfurt, und wer den Protesttag schlechtreden will, wird zuerst dorthin zeigen. Am Sonntag zog Innenminister Roman Poseck (CDU) Bilanz: mehr als 100 verletzte Polizeikräfte, einer verlor nach einem Steinwurf Zähne, 54 Festnahmen, 17 beschädigte und fünf geplünderte Geschäfte (dpa im Tagesspiegel). In Berlin waren es 27 leicht verletzte Beamte.

Wer dort randaliert hat, ist inzwischen genauer beschrieben, und es waren größtenteils nicht die Demonstrierenden. Die Polizei geht von 1.000 bis 1.500 gewaltbereiten Personen aus, demonstriert hatten am Nachmittag rund 8.000. Reporter des Hessischen Rundfunks sahen vor allem Jugendliche, die die direkte Auseinandersetzung mit der Polizei suchten, die Mehrheit von ihnen war nicht im Demozug mitgelaufen (Hessenschau). Polizeipräsident Stefan Müller sagte, viele der Tatverdächtigen seien polizeibekannt (Osthessen News). Laut Poseck kamen die Täter aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet, Frankfurt sei an jedem Wochenende ein Anziehungspunkt für junge Menschen, die Rechtsbrüche begehen und teils gewaltbereit sind (dpa bei news.de). Dazu kamen Linksextremisten: Poseck sprach von rund 100 linksextremistischen Gewalttätern, die sich unter die Demonstrierenden gemischt hätten (Tagesspiegel-Liveblog), laut Polizei kam es gegen 20 Uhr an der Bleichstraße zu Auseinandersetzungen mit Linksextremisten. Die Demo bot den Anlass und die Menge, die schwere Gewalt kam zum größten Teil von Leuten, die nicht ihretwegen gekommen waren.

Poseck sagte außerdem, die Störer stammten überwiegend aus einem "migrantischen Milieu", Menschen mit Migrationshintergrund seien unter den Gewalttätern "überproportional" vertreten gewesen. Die Festgenommenen, 13 bis 29 Jahre alt, hätten "überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit" (dpa im Tagesspiegel, Osthessen News). Worauf die Einschätzung zur Herkunft beruht, sagte er nicht. Festgenommen wurden 54 Menschen, bei 1.000 bis 1.500 Gewaltbereiten sind das vier bis fünf Prozent. Für eine Aussage über die Herkunft von mehr als tausend Menschen ist das eine dünne Grundlage, solange Polizei und Ministerium nicht offenlegen, woher die Einschätzung stammt.

Wer anderswo randaliert hat

Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns sagte, junge Menschen, die friedlich demonstrieren wollten, seien "von Extremisten unterwandert" worden, "die nichts anderes als Gewalt im Sinn hatten" (t-online). Die Gewerkschaft der Polizei beschrieb die Gewalttäter als "autonome und zum Teil vermummte Personen". Die Gewalt kam also vor allem vom Rand und meist nach dem Ende der Kundgebungen. Die taz schildert, die meisten Schüler und Studierenden seien zum Zeitpunkt der Eskalation schon gegangen.

Ganz sauber trennen lässt sich das allerdings nicht. In Frankfurt flogen die ersten Steine noch während der Versammlung, in Köln zündeten laut t-online Demonstrierende Rauchfackeln und Pyrotechnik. Wer "alles friedlich" sagt, liegt genauso daneben wie, wer "Gen Z fackelt ab" schreibt.

Schuldige auf Verdacht

Am Tag danach ging die Zuschreibung weiter. Klaus-Rüdiger Mai schreibt bei Tichys Einblick, "Gen Z regelt" sei zur Vorfeldorganisation der Gewalt geworden, instrumentalisiert "von Linksextremisten, von Islamokommunisten, von Randaleemigranten". Berechtigt ist die Frage, wer hinter der Initiative steht und wohin das Spendengeld geht, sie gibt darüber wenig preis. Für eine Steuerung der Krawalle durch die Initiative findet sich aber in keinem der Berichte ein Hinweis. Die Initiative lehnt Gewalt nach eigenen Angaben ab, die Frankfurter Veranstalter zeigten sich schockiert und kündigten eine Aufarbeitung an. Für "Islamokommunisten" und "Randaleemigranten" liefert Mai keinen Beleg.

Die Junge Freiheit sprach schon am Sonntagvormittag von einem plündernden Migrantenmob, unter einem dpa-Foto steht "Afrikaner und Araber plündern Läden in Frankfurt". Als Beleg diente dieses Foto, auf dem die Gesichter nach Angabe der Zeitung selbst unkenntlich gemacht sind. Von der Polizei gab es zu dem Zeitpunkt keine Angabe zur Herkunft. Erst am Mittag sprach Poseck vom "migrantischen Milieu", ohne eine Grundlage zu nennen und mit dem Zusatz, die Festgenommenen seien überwiegend Deutsche. Die Junge Freiheit hat eine Herkunft also als Tatsache gemeldet, bevor irgendwer sie kannte. "Afrikaner und Araber" deckt bis heute keine Angabe von Polizei oder Ministerium.

Auf YouTube lief derselbe Abend unter Titeln wie "Gen-Z fackelt Berlin & Köln ab! Polizisten verletzt!" (Nachrichten Aktuell) oder "Gen Z Demo kippt! Städte brennen" (Oli redet). Dass Polizisten verletzt und Wasserwerfer eingesetzt wurden, stimmt. Wer aber "Gen Z fackelt ab" schreibt, macht die Zehntausenden, die friedlich demonstriert haben, zu den Tätern einer Nacht, an der die meisten von ihnen nicht beteiligt waren.

Bilanz

Die Darstellungen von Tichys Einblick und Junger Freiheit sind irreführend. Der 31. Oktober war ein Tag mit Zehntausenden überwiegend friedlich Demonstrierenden und einer Nacht mit realen, teils schweren Ausschreitungen, am schlimmsten in Frankfurt. Die Gewalt ging nach allem, was bisher bekannt ist, überwiegend von Personen am Rand oder außerhalb der Demonstrationen aus: Linksextremisten und gewaltbereite Jugendliche, in Frankfurt viele davon polizeibekannt und nicht im Demozug. Dass die Initiative diese Gewalt geplant oder gesteuert hat, ist nicht belegt. Die Herkunft der Frankfurter Täter meldete die Junge Freiheit als Tatsache, bevor die Polizei etwas dazu gesagt hatte, und die spätere Einschätzung des Innenministers stützt sich auf eine Grundlage, die er nicht offengelegt hat. Selbst die Berliner Polizeigewerkschaft hielt den "Horrorszenarien" der Vorwoche am Abend die friedliche Mehrheit entgegen.

Das Muster ist dasselbe wie vor dem Tag. Erst wird ein Gewaltplan behauptet, den niemand belegt, dann werden Schuldige präsentiert, bevor es Belege gibt. Die Krawalle waren echt. Wer sie friedlichen Schülerinnen und Schülern oder pauschal Migranten zuschreibt, braucht dafür Beweise. Alle Zahlen hier sind vorläufige Angaben von Polizei und Nachrichtenagenturen vom 31. Oktober und 1. November.