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Teil 6· Stand: 07.04.2026

Was einmal uns gehörte

Privatisierung von Bahn, Post, Energie und Wasser, und was aus dem Versprechen günstigerer Preise wurde

Im Sommer 2022 ruhte an vielen Bahnhöfen zeitweise der Betrieb. Im Jahresdurchschnitt 2023 waren nur 64 Prozent der Fernverkehrszüge pünktlich. Zugausfälle erreichten das doppelte Niveau von 2019, während das Verkehrsaufkommen seit 2005 um über 40 Prozent gestiegen war. Gleichzeitig steckten Energieversorger in einer existenziellen Krise, nachdem der liberalisierte Gasmarkt seine Anfälligkeit offenbarte: Die Bundesregierung übernahm Uniper 2022 fast vollständig, um die Energieversorgung zu stabilisieren. Der Grundkonflikt war sichtbar: Gewinne waren privat organisiert, systemische Risiken landeten am Ende beim Staat.

Diese Krisen haben einen gemeinsamen Ursprung.

Das Versprechen der Privatisierung

Ab den frühen 1990er Jahren privatisierte Deutschland schrittweise Infrastruktur und Daseinsvorsorge, die bis dahin in staatlicher Hand war. Bundespost und Bundesbahn wurden in Aktiengesellschaften umgewandelt, der Energiemarkt liberalisiert, Wasser- und Abwasserversorgung in zahlreichen Kommunen an private Betreiber übertragen. Das Versprechen war immer dasselbe: Wettbewerb macht effizienter, private Unternehmen wirtschaften besser als staatliche, die Preise sinken, die Versorgung verbessert sich. Die Theorie klingt einleuchtend. Sie gilt in bestimmten Marktsituationen auch. Aber sie gilt nicht überall.

Das Grundproblem ist das natürliche Monopol. Infrastrukturen wie Schienennetze, Stromleitungen, Gasleitungen und Wasserrohre können nicht sinnvoll dupliziert werden. Es gibt kein zweites Schienennetz. Es gibt keine zweite Wasserleitung in dieselbe Wohnung. Wer diese Netze besitzt, hat Marktmacht ohne Wettbewerb, und wer sie betreibt, hat einen strukturellen Anreiz zur Gewinnmaximierung statt zur Versorgungsqualität, wenn nicht strenge Regulierung dagegenhält.

Die Deutsche Bundespost wurde 1995 in drei Aktiengesellschaften aufgespalten: Deutsche Post AG, Deutsche Telekom AG und Deutsche Postbank AG. Der Bund behielt zunächst Mehrheitsbeteiligungen, die er schrittweise abbaute. Die Privatisierung der Telekom war eines der größten Börsenereignisse der deutschen Geschichte. Mit der legendären T-Aktie-Kampagne wurden viele Kleinanleger ins Aktieninvestment gelockt, die nach dem Dotcom-Crash teils erhebliche Verluste einfuhren. Die Telekom selbst trug jahrelang hohe Schulden aus dem Erwerb von UMTS-Lizenzen und internationalen Beteiligungen.

Die Deutsche Bahn AG wurde 1994 gegründet, Netz und Betrieb zunächst formal getrennt, aber konzernintegriert gehalten. Ein vollständiger Börsengang wurde mehrfach diskutiert und verworfen. Zuletzt scheiterte er 2007/2008 an der Finanzkrise und politischen Widerständen. Was blieb, ist ein hybrides Modell: ein formal privatrechtliches Unternehmen in Bundesbesitz, das betriebswirtschaftlich organisiert ist und zugleich ein öffentliches Netz betreibt. Das erzeugt einen dauernden Zielkonflikt zwischen Investition, Daseinsvorsorge und Unternehmenslogik.

Der Energiemarkt bietet die dramatischste Geschichte. Nach der EU-Binnenmarktrichtlinie 1996 liberalisierten Deutschland und andere EU-Staaten schrittweise ihre Energiemärkte. Die Idee: Wettbewerb unter Stromproduzenten und Gaslieferanten soll Preise drücken. Was stattdessen entstand, war ein hoch konzentrierter Markt, in dem wenige große Anbieter lange eine dominierende Rolle behielten.

Die Gasversorgung war noch abhängiger strukturiert. Deutschland hatte sich über Jahrzehnte auf russisches Gas festgelegt, ein politisches und wirtschaftliches Kalkül, das lange als "Wandel durch Handel" galt und 2022 zusammenbrach. Uniper, das als privatisierter Gasgroßhändler funktionierte, war nicht darauf ausgelegt, systemische Versorgungskrisen abzufangen. Als die Krise kam, musste der Staat wieder einspringen.

Die Strompreise für Privathaushalte in Deutschland gehören zu den höchsten in Europa: 38,35 Cent pro Kilowattstunde in H1 2025, rund 34 Prozent über dem EU-Schnitt.

Wenn Wettbewerb gar nicht funktionieren kann

Das Argument, Liberalisierung bringe automatisch günstigere Preise, hat sich so jedenfalls nicht bestätigt. Stattdessen wurde Infrastruktur auch zum Investitionsobjekt: Private-Equity-Fonds und institutionelle Investoren engagieren sich in deutschen Strom- und Gasnetzen und erwarten Renditen, die Verbraucher über Entgelte und Preise mittragen.

Wasser ist das extremste Beispiel natürlicher Monopole. Wer kein Wasser hat, kauft es zu jedem Preis. Privatisierungen der Wasserversorgung in europäischen Städten haben immer wieder politischen Widerstand ausgelöst. Das bekannteste Beispiel ist Paris, das 2010 seine Wasserversorgung wieder rekommunalisierte, mit jährlichen Einsparungen von 35 Millionen Euro und eingefrorenen Wasserpreisen. Auch in Deutschland wurden einzelne Privatisierungsmodelle später wieder zurückgedreht oder politisch stark umkämpft, etwa in Berlin.

Der Widerspruch zwischen Privatisierungstheorie und Praxis ist in natürlichen Monopolen klar: Wettbewerb funktioniert nicht, wenn es keinen Wettbewerb geben kann. Was entsteht, ist entweder ein privates Monopol ohne staatliche Preiskontrolle, mit der Folge steigender Preise und sinkender Investitionen, oder ein privatrechtliches Unternehmen mit Regulierung, das das Schlechteste beider Welten kombiniert. Renditeerwartungen des privaten Eigentümers, aber ohne die Flexibilität und Investitionsbereitschaft, die ein öffentlicher Eigentümer mit langfristiger Perspektive hätte.

Wer hat diese Privatisierungen vorangetrieben? Die CDU/CSU hat die Post- und Bahnreform unter Kohl konzipiert und durchgesetzt. Die FDP hat Privatisierungen prinzipiell unterstützt und als wirtschaftspolitische Doktrin behandelt. Die SPD hat in Großen Koalitionen mitgemacht und unter Schröder die Energiemarktliberalisierung weiter vertieft. Es ist eine parteiübergreifende Geschichte, aber sie hat klare Initiatoren, und die saßen überwiegend auf der bürgerlich-konservativen und wirtschaftsliberalen Seite des politischen Spektrums.

Wer die Risiken am Ende trägt

Das Argument für Privatisierung war und ist nicht grundsätzlich falsch. In Märkten mit echter Wettbewerbsmöglichkeit, etwa Mobilfunk, Online-Handel oder Softwaredienstleistungen, haben privatwirtschaftliche Strukturen Innovationen und Preissenkungen erzeugt. Das Problem ist die fehlerhafte Übertragung dieser Logik auf Infrastrukturen, bei denen kein Wettbewerb möglich ist. Das natürliche Monopol-Problem bei Schienennetzen und Leitungsinfrastruktur ist in der Ökonomie seit langem bekannt. Gerade deshalb war es eine politische Entscheidung, Marktprinzipien auch dort anzuwenden, wo Märkte strukturell an Grenzen stoßen.

Die Kosten dieser Entscheidungen zahlen Fahrgäste mit schlechter Pünktlichkeit, Verbraucher mit hohen Stromrechnungen, Kommunen mit Investitionsstau und Steuerzahler, die im Krisenfall einspringen. Gleichzeitig haben die Anteilseigner dieser Konzerne jahrelang Dividenden bezogen. Strukturell ist das eine bekannte Asymmetrie: private Erträge in guten Jahren, öffentliche Haftung in schlechten.

Was bräuchte es stattdessen? Keine romantische Rückkehr zu jedem alten Staatsmonopol. Sondern eine klare Unterscheidung: Infrastrukturnetze sind öffentliche Güter und sollten in öffentlicher Hand bleiben oder zumindest unter strikter, transparenter Regulierung mit klar definierten Renditegrenzen stehen. Der Betrieb auf dieser Infrastruktur, also Bahnunternehmen, Energielieferanten oder Telekommunikationsanbieter, kann wettbewerblich organisiert sein. Genau diese Trennung zwischen Netz und Betrieb haben andere europäische Länder oft konsistenter gezogen als Deutschland.

Der Unterschied zwischen "privatisieren" und "regulieren" ist politisch. Wer ihn nicht zieht, privatisiert Gewinne und sozialisiert Verluste. Deutschland hat das über drei Jahrzehnte demonstriert.