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Stand: 22.10.2026

NIUS: Frankreich-Krawalle, Täter "Linksextreme und Migranten"

Irreführend

Link Beschreibung

NIUS berichtet am 20. Oktober 2026 unter der Überschrift "Krawalle in Frankreich: Täter vor allem Erwachsene, Linksextreme und Migranten – kaum Schüler" über die Zusammensetzung der bei den Ausschreitungen in Frankreich Festgenommenen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Überschrift hat drei Teile: Erwachsene, Linksextreme, Migranten. Der Text trägt sie unterschiedlich weit.

Erwachsene, kaum Schüler: Dass überwiegend Erwachsene festgenommen wurden, ist belegt. "Kaum Schüler" gilt allerdings nur nach der höchsten der genannten Zahlen, die Spanne reicht je nach Quelle von 70 bis knapp 90 Prozent Erwachsene. NIUS schreibt die Zahl dem Innenministerium zu. Europe 1 nennt tatsächlich die Ministeriumszahl von 2.397 Festnahmen, schreibt dann aber nur, "fast 90 Prozent" der Festgenommenen seien volljährig (im Original "près de 90%"), junge Männer zwischen 18 und etwa 30 Jahren. Ob diese Altersangabe vom Ministerium stammt, geht aus dem Artikel nicht hervor. Eine offizielle Aufschlüsselung nach Alter, Profil oder Wohnort ist bislang nicht veröffentlicht.

Lokale Zahlen passen zum Bild: Laut der Pariser Staatsanwaltschaft, zitiert von franceinfo, kamen in Paris 381 Erwachsene und 151 Minderjährige in Polizeigewahrsam, bei 25 Personen war das Alter unklar. Das sind rund 27 Prozent Minderjährige. Auch dort sind es also nicht nur Erwachsene, aber die Mehrheit. Justizminister Gérald Darmanin nannte laut 20 Minuten bei CNews einen Anteil von 70 Prozent Erwachsenen, also rund 30 Prozent Nicht-Volljährige. Bei den Schulblockaden in den Wochen davor sah das anders aus: Von 273 Menschen, die dabei in Paris in Gewahrsam kamen, waren laut der Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau 63 Prozent minderjährig, die meisten 15 oder 16 Jahre alt und der Polizei bis dahin unbekannt (Public Sénat, 12. Oktober).

Linksextreme: Belegt ist, dass die Regierung das sagt. Für die Festgenommenen selbst ist es nicht belegt, und die zuständige Staatsanwältin widerspricht. Innenminister Laurent Nuñez sagte am 17. Oktober, man habe "sehr viele Aktivisten der Ultralinken" ausgemacht (im Original "énormément de militants de l'ultragauche"), die sich zu Black Blocs zusammenschlössen und radikalisierte Jugendliche mitrissen. Daneben nannte er "Gelegenheitskriminelle" ("délinquants opportunistes"), die Geschäfte plünderten (CNEWS: Was von Nuñez' Auftritt bleibt). Präsident Macron und Premierminister Lecornu äußerten sich ähnlich.

Die Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau sagte dagegen am Morgen des 19. Oktober bei TF1, sie könne "absolut nicht bestätigen" ("absolument pas confirmer"), dass die Täter in Paris politisierte Personen aus der Ultralinken seien. Die "große Mehrheit" der Menschen in Polizeigewahrsam schweige und nenne keine politischen Forderungen (20 Minutes). franceinfo wertet das als Widerspruch zur Analyse des Innenministers. Eine von franceinfo zitierte Quelle aus den Sicherheitsbehörden bestätigt zwar, dass Militante der Ultralinken in Paris an den Zusammenstößen mit der Polizei beteiligt waren. Für die zahlreichen Plünderungen seien sie aber nicht verantwortlich gewesen. Diese gingen auf einen "Mix von Leuten" zurück, die Aufrufen in sozialen Netzwerken gefolgt seien. Die Sicherheitsquelle spricht laut franceinfo zugleich von einer "alliance inédite" (neuartigen Allianz) zwischen der Ultralinken und "jeunes de cités" (Jugendlichen aus den Vorstädten). Die Ultralinke habe sich auf diese Jugendlichen gestützt, sie seien ihr "carburant" (Treibstoff) gewesen. Das stützt die Linksextremen-Linie von NIUS teilweise. Die von franceinfo befragten Forscher widersprechen: Die Soziologin Isabelle Sommier sieht keine "concertation" (Absprache) zwischen beiden Gruppen, der Historiker Sylvain Boulouque sagt, sie hätten "agi en même temps, mais il n'y a pas eu d'alliance" (gleichzeitig gehandelt, aber es habe keine Allianz gegeben).

Die Aussage der Staatsanwältin hat zudem eine Grenze, die sie selbst benennt: Laut 20 Minutes wurden nicht alle, die Schäden angerichtet haben, festgenommen. Sie betrifft also nur die Gewahrsamsfälle in Paris, nicht alle Täter.

Auch der Polizeigewerkschafter Hubert Gimenez (Unité) unterscheidet laut Europe 1 zwei Gruppen: "Gelegenheitsplünderer" ("pilleur d'opportunité") und Mitglieder der Ultralinken, sogenannte Black Blocs. Einzelne Fälle gibt es: Der Tatverdächtige im Fall des Rathausbrands von Limoges ist laut franceinfo von den Sicherheitsbehörden als Angehöriger der Ultralinken erfasst ("fiché S"). Einen Anteil unter den 2.397 Festgenommenen hat aber niemand beziffert. Die Aussage der Staatsanwältin lag einen Tag vor dem NIUS-Text vor, der Artikel erwähnt sie nicht.

Migranten: Belegt ist, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund unter den Festgenommenen sind. Dass sie "vor allem" die Täter stellen, belegt niemand. Im NIUS-Text kommt das Wort nur in der Überschrift vor. Der Artikel spricht von jungen Menschen aus "quartiers sensibles" (schwierige Stadtviertel). Das ist eine Wohnortbeschreibung, keine Angabe zu Staatsangehörigkeit oder Einwanderungsgeschichte.

Justizminister Darmanin sagte laut 20 Minuten, unter den Festgenommenen seien "Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen ohne französische Staatsbürgerschaft", aber auch "Menschen, die perfekt integriert sind, Franzosen".

Den stärksten Beleg in Richtung von NIUS liefert derselbe Artikel: Beccuau habe bei TF1 gesagt, bisher seien vor allem die weniger schweren Fälle ausgewertet worden. Dabei zeige sich, dass viele Plünderer aus Pariser Vororten stammten, "die migrantisch geprägt sind und in denen viele unterhalb der Armutsgrenze leben". So gibt es 20 Minuten die Aussage wieder. Ob die Formulierung "migrantisch geprägt" von Beccuau selbst oder von der Redaktion stammt, bleibt offen, im französischen Bericht von 20 Minutes steht sie nicht. Selbst wenn sie von der Staatsanwältin stammt: Das beschreibt Wohnviertel, nicht die Herkunft der Festgenommenen, und einen Anteil nennt auch hier niemand.

Einen Anteil nannte Darmanin nicht, und eine offizielle Aufschlüsselung nach Profil gibt es wie oben erwähnt bislang nicht. Ein Bewohner eines Problemviertels ist nicht automatisch Migrant. Das Wort in der Überschrift legt eine Gewichtung nahe, die weder der Text noch eine amtliche Quelle liefert. Schon einen Tag zuvor hatte ein NIUS-Kommentar ohne Beleg behauptet, in Videos der Unruhen seien "dunkelhäutige Akteure überrepräsentiert" (unsere Bewertung des Kommentars).

Fazit

Die Überschrift ist irreführend. Überwiegend Erwachsene sind unter den Festgenommenen, je nach Quelle 70 bis knapp 90 Prozent. "Kaum Schüler" hält nur bei der höchsten Zahl, nach Darmanins Angabe ist rund jeder Dritte nicht volljährig. Bei "Linksextreme" übernimmt NIUS die Linie der Regierung. Dass Ultralinke an den Ausschreitungen beteiligt waren, ist belegt, nicht aber, dass sie die Festgenommenen stellen: Die Pariser Staatsanwältin konnte das einen Tag zuvor ausdrücklich nicht bestätigen, wobei ihre Aussage nur die Gewahrsamsfälle in Paris betrifft. Dass Menschen mit Migrationshintergrund unter den Festgenommenen sind, hat der Justizminister gesagt, und Plünderer stammen laut 20 Minuten häufig aus migrantisch geprägten Vororten. Ein Wohnviertel ist aber keine Herkunftsangabe. Dass Linksextreme und Migranten "vor allem" die Täter stellen, belegt keine Quelle.