Zur Quelle "Nius" springen
Stand: 30.10.2026

NIUS: Habeck erzähle im Ausland, Deutschland habe keinen Wald

Irreführend

Link Beschreibung

Felix Perrefort stellt bei NIUS unter der Überschrift "Merz, Schulze, Habeck redeten im Ausland Stuss über das Land" drei Auftritte deutscher Regierungsvertreter im Ausland als "Top drei bizarrer Behauptungen" dar. Robert Habeck soll indigenen Gesprächspartnern im Amazonas erzählt haben, der deutsche Wald sei vor 1.000 Jahren fast vollständig abgeholzt worden, Svenja Schulze habe in Marokko das "Schauermärchen von den Deportationen" verbreitet, und Friedrich Merz verspreche Investoren in Singapur eine Sicherheit, an die er selbst nicht glaube.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die drei Fälle sind unterschiedlich belegt. Das Habeck-Zitat stimmt, die Zuspitzung nicht.

Habeck am Amazonas

Der Satz ist belegt. Laut NIUS-Bericht vom 15. März 2023 sagte Habeck bei einem Besuch in Brasilien zu Dorfbewohnern: "weil in Deutschland vor tausend Jahren die Deutschen alle Bäume gefällt haben. Also unser Wald ist mehr oder weniger weg." Wörtlich genommen ist das ungenau: Nach dem Historischen Lexikon Bayerns sank der Waldanteil zwischen dem 7. Jahrhundert und etwa 1300 von zwei Dritteln oder mehr auf unter ein Drittel. Gerodet wurde über Jahrhunderte, und gefällt wurden nicht "alle" Bäume.

Dass Habeck damit den Wald in Deutschland für verschwunden erklärt habe, wie NIUS in der Bildzeile und im Schlusssatz schreibt, geht darüber hinaus. Auf eine Frage der CDU-Abgeordneten Gitta Connemann antwortete das Wirtschaftsministerium am 21. März 2023 in einer schriftlichen Antwort an den Bundestag, Habecks Aussagen bezögen sich auf Primärwald, also Wald, der "weitgehend frei von menschlicher Einflussnahme und Nutzung" sei. Den gebe es im Amazonasgebiet noch großflächig, in Deutschland "praktisch" nicht mehr. Das ist eine nachträgliche Erklärung des Ministeriums und deckt sich nicht mit der Wortwahl "alle Bäume", fügt sich aber in den Gesprächszusammenhang: Habeck wollte wissen, wie die Dorfbewohner im Wald leben und ihn schützen. Wie wenig Wald sich in Deutschland frei entwickeln darf, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Nach dem Bundesumweltministerium war Anfang 2019 auf 2,8 Prozent der Waldfläche die natürliche Entwicklung dauerhaft gesichert, und nach der Dritten Bundeswaldinventur gelten 64 Prozent der Wälder als nicht naturnah.

Die Gegenzahl, die NIUS anführt, trifft den Punkt deshalb nur halb. Dass rund 11,5 Millionen Hektar oder ein Drittel der Landesfläche bewaldet sind, stimmt im Kern: Agrarheute nannte 2023 laut Waldzustandserhebung 2022 rund 11,4 Millionen Hektar. Die Zahl misst aber jeden Wald, auch Forst. Gegen die Lesart "Primärwald" sagt sie nichts, und gegen den Satz "unser Wald ist mehr oder weniger weg" nur dann etwas, wenn man ihn so versteht, wie NIUS es tut. Habeck hat sich verkürzt und ungenau ausgedrückt, einen Wald ohne Bäume hat er nicht beschrieben. Denselben Habeck-Satz hat NIUS schon am 17. Oktober als Beleg für angebliche Waldpanik verwendet, wozu wir den damaligen Text im Detail geprüft haben.

Schulze in Marokko und die Potsdam-Gerichtsurteile

Den Wortlaut, den NIUS Schulze zuschreibt ("Es gab ein Treffen von rechtsradikalen Politikern, die ihre Fantasien zur Deportation von Menschen mit nichtdeutschen Hintergründen nach einer Machtübernahme ausgetauscht haben"), belegt NIUS in der eigenen Chronik vom 8. März 2024 und datiert ihn auf den 25. Januar 2024. Eine unabhängige Aufzeichnung haben wir nicht gefunden. Laut dieser Chronik ließ Schulzes Ministerium erklären, sie habe sich "stets auf die Nachrichtenlage bezogen", auch in Marokko, und habe zuvor gesagt: "Es gab erschreckende Nachrichten in Deutschland, die auch hier in Marokko wahrgenommen wurden." Den Wortlaut bestreitet das Ministerium in dieser Wiedergabe nicht. Dass Schulze im Januar 2024 in Rabat war und es dort um Fachkräfte und Migration ging, ist belegt, etwa in der taz. Dass Marokkaner die Aussage "so verstehen mussten", als drohe ihnen die Abschiebung, ist eine Deutung von NIUS. Der Satz davor spricht eher dafür, dass sie über die Nachrichtenlage in Deutschland berichtete, nicht über Maßnahmen gegen Marokkaner.

Als "Schauermärchen" lässt sich das Potsdamer Treffen nicht abtun. Dass es stattfand, dass Martin Sellner dort sein Konzept der "Remigration" vortrug, bestreitet niemand. Zutreffend ist auch, dass das Landgericht Berlin II am 17. März 2026 Correctiv auf Klage der AfD-Abgeordneten Gerrit Huy drei Aussagen untersagte, darunter die vom "Masterplan" zur Ausweisung deutscher Staatsbürger. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Correctiv hat Berufung eingelegt. NIUS nennt die Verfahren "vernichtend" für Correctiv, lässt aber den Rest des Bildes weg: Das Landgericht Hamburg wies im Dezember 2025 Klagen von Ulrich Vosgerau und Gernot Mörig ab und ließ die Schlussfolgerung, der Plan ziele auf die Ausweisung von Staatsbürgern, als zulässige Wertung stehen; auch hier ist Berufung eingelegt. Das alles fasst die Correctiv-Einordnung zusammen, die als Darstellung einer beteiligten Partei zu lesen ist, mit unserer Einordnung dazu. Das Kammergericht Berlin hob im Mai 2026 zudem eine Verfügung auf, die dem Aktivisten Philipp Ruch den Begriff "Deportationskonferenz" verbieten sollte (unsere Einordnung zu dem Beschluss). NIUS erwähnt weder die Hamburger Urteile noch den Beschluss des Kammergerichts. Ähnlich einseitig argumentiert der NIUS-Text vom 14. Oktober, den wir ebenfalls geprüft haben.

Merz in Singapur

Der Satz ist korrekt wiedergegeben. Friedrich Merz sagte am 27. Oktober 2026 in Singapur laut unternehmen-heute.de, er könne "alle Sorgen zerstreuen, dass es Unsicherheiten in Europa gibt". Dass er selbst nicht daran glaube, ist eine Unterstellung. Der Gegenbeweis, ein Zitat zum Investitionsschutzgesetz aus dem Sommer, kommt bei NIUS ohne Fundstelle und betrifft nach NIUS' eigener Wiedergabe den Wohnungsbau in Deutschland, nicht die Lage für Investoren in Europa.

Fazit

Die Zitate von Habeck und Merz sind belegt, die Schlüsse daraus sind es nicht. Habecks Satz war ungenau, aber er meinte nach Auskunft seines Ministeriums den Primärwald und nicht, dass es in Deutschland keinen Wald gebe. Bei Schulze und Potsdam verschweigt NIUS die Hamburger Urteile und das Kammergericht, weshalb die Darstellung irreführend ist.