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Stand: 17.10.2026

NIUS: Der Wald sei "ohne Grund" als bedroht dargestellt

Irreführend

Link Beschreibung

Felix Perrefort bezeichnet bei NIUS die Sorge um den deutschen Wald als wiederkehrende Panik, vom Waldsterben der 1980er bis zum Klimawandel, und arbeitet sich dabei an der Journalistin Ulrike Herrmann ab. Als Beleg führt er Holzvorrat und Waldfläche aus der Bundeswaldinventur an.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Zahlen, die NIUS aus der Bundeswaldinventur nennt, stimmen im Kern. Die Waldfläche hat laut Bundeslandwirtschaftsministerium: Bundeswaldinventur seit 2012 um 15.000 Hektar zugenommen, ein Drittel der Landesfläche ist bewaldet, der Holzvorrat liegt bei rund 3,7 Milliarden Kubikmetern. Auch dass das flächige Waldsterben der 1980er so nicht eingetreten ist und die damalige Berichterstattung stark zugespitzt war, steht nicht ernsthaft zur Debatte. NIUS gibt dazu eine Historikerin wieder, nach deren Worten die Prognose "falsch" war, aber "bedingt" gewesen sei.

Der Schluss "ohne Grund" folgt daraus nicht, weil Holzvorrat und Fläche etwas anderes messen als den Zustand der Bäume. Das Ministerium nennt aus derselben Inventur weitere Ergebnisse, die in dem Text fehlen:

  • Zwischen 2017 und 2022 wurde der Wald von einer Kohlenstoffsenke zu einer Kohlenstoffquelle. Der Kohlenstoffvorrat sank um 41,5 Millionen Tonnen oder 3 Prozent.
  • Stürme, Dürre und Borkenkäfer betrafen rund 2 Millionen Hektar oder 19 Prozent der Waldfläche, die Fichtenfläche ging um 17 Prozent zurück.
  • Gegenüber 2017 ist der Holzvorrat um 220 Millionen Kubikmeter gesunken. Das passt zu den Werten, die NIUS selbst nennt (3,9 Milliarden 2017, 3,67 Milliarden 2022). Dass der Vorrat 2022 über dem von 2002 liegt, ist richtig, der Verlauf seit 2017 zeigt aber nach unten.

Zum Zustand der Bäume liegt die Waldzustandserhebung vor, die NIUS nicht erwähnt. Die mittlere Kronenverlichtung erreichte 2020 den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung 1984, und das Umweltbundesamt verweist auf nie zuvor gemessene Absterberaten bei der Fichte. 2025 blieb die Lage nach den Ergebnissen der Erhebung laut top agrar im Wesentlichen unverändert: Etwa jeder fünfte Baum gilt als gesund, bei den Eichen sind 51 Prozent deutlich verlichtet, bei der Kiefer stieg dieser Anteil von 24 auf 31 Prozent. Beim Schadholz gibt es Entspannung. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts, die top agrar wiedergibt, sank es von 27,3 Millionen Kubikmetern 2024 auf 12,7 Millionen 2025. Sein Anteil am Holzeinschlag fiel von 74,8 Prozent im Rekordjahr 2020 auf 22,1 Prozent. An den Schäden, die seit 2018 entstanden sind, ändert das nichts.

Für die These von der ständigen Panik stützt sich NIUS außerdem auf zwei Zitate. Ulrike Herrmann soll im Gespräch mit Tilo Jung gesagt haben, ohne Klimaschutz seien "2030 oder so große Teile des Waldes weg". Das Original haben wir nicht gesehen. NIUS gibt die Aussage selbst als Wenn-dann-Prognose wieder, und die lässt sich mit heutigen Daten nicht prüfen: Die zeigen schwere Schäden, aber keinen Verlust großer Waldflächen. Robert Habecks Satz von 2023, "unser Wald ist mehr oder weniger weg", bezieht sich nach dem Zitat, das NIUS selbst abdruckt, auf Rodungen vor tausend Jahren und nicht auf den heutigen Zustand. Als Beleg für eine aktuelle Panik taugt er deshalb nicht. Die Aufnahme selbst haben wir nicht eingesehen.

Damit vermischt der Text zwei Fragen: ob die Prognosen einzelner Autorinnen zutreffen, und ob es für Sorge um den Wald einen Grund gibt. Über zugespitzte Prognosen lässt sich streiten. Die zweite Frage beantworten die Daten zu Kronenzustand, Kohlenstoffbilanz und Schadflächen anders, als der Text es darstellt.

Fazit

Die Zahlen zu Fläche und Holzvorrat sind richtig, der Schluss "ohne Grund" ist irreführend. Der Wald ist nicht verschwunden, aber er ist seit 2017 stark belastet, und die Inventur selbst zeigt Vorratsrückgang und eine Kohlenstoffquelle statt einer Senke.