Link Beschreibung
Beitrag von Richard Schmitt bei Tichys Einblick vom 27. Oktober 2026. Er gibt eine Antwort des Hamburger Senats auf eine Schriftliche Kleine Anfrage des AfD-Fraktionschefs Dirk Nockemann wieder, über die zuvor die Welt berichtet hatte: 4.827 Menschen würden in Hamburg per Haftbefehl gesucht, 4.456 von ihnen (92,3 Prozent) hätten ausschließlich eine ausländische Staatsangehörigkeit. Der Text nennt die Drucksache nicht. Zum Schluss geht er auf Grundsicherung für Gesuchte ein und gibt AfD-Forderungen wieder: Nockemann verlangt eine Fahndungsoffensive und Abschiebungen, der Bundestagsabgeordnete Sebastian Münzenmaier Grenzkontrollen.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Kernzahlen stimmen mit der Senatsantwort überein, soweit sie berichtet wird. Die Senatsantwort selbst ist derzeit nicht einsehbar. Die dpa-Meldung bei Radio Hamburg nennt den Stichtag 13. Oktober 2026, 5.130 offene Haftbefehle gegen 4.827 Personen und 4.456 Personen mit ausschließlich ausländischer Staatsangehörigkeit. 4.456 von 4.827 sind 92,3 Prozent.
Haftbefehle und Personen sind nicht dasselbe. Die Überschrift spricht von 4.827 Haftbefehlen. Nach der Senatsantwort sind es 5.130 Haftbefehle gegen 4.827 Personen, manche Gesuchte haben also mehrere. Der Prozentwert bezieht sich auf Personen.
Die Aufschlüsselung geht nicht auf. Genannt werden 4.456 ausschließlich ausländische Staatsangehörige, 374 Personen mit deutschem Pass (darunter 51 mit zweiter Staatsangehörigkeit, also 323 ausschließlich deutsche), 13 Staatenlose und 108 mit ungeklärter Staatsangehörigkeit. Zusammen ergibt das 4.951 und damit mehr als 4.827. Dieselben Teilzahlen stehen in der dpa-Meldung, Tichys Einblick übernimmt sie wie andere Medien auch, die Unstimmigkeit liegt also in der Senatsantwort oder ihrer Wiedergabe. Wie die Gruppen abgegrenzt sind und ob sie sich überschneiden, ließ sich ohne die Drucksache nicht klären. Auf den Anteil wirkt sich das spürbar aus: Zieht man die übrigen Gruppen von der Gesamtzahl ab (4.827 - 374 - 13 - 108 = 4.332), ergäben sich 89,7 statt 92,3 Prozent, eine Spanne von gut 2,5 Prozentpunkten. Dass die große Mehrheit der Gesuchten ausländische Staatsangehörige sind, bleibt in jedem Fall bestehen, die genaue Prozentzahl ist aber unsicher.
Was der Bestand nicht zeigt. Laut Senat konnten die Gesuchten an den bekannten Anschriften nicht angetroffen werden, ihr Aufenthalt ist unbekannt, und es ist oft unklar, ob sie sich überhaupt noch in Deutschland aufhalten. Seit der Ausschreibung wurden sie auch bei keiner polizeilichen Kontrolle angetroffen. Laut dpa-Meldung nannte der Senat weder die Gründe der Haftbefehle noch deren Dauer. Ob es um Strafvollstreckung, Untersuchungshaft, Ersatzfreiheitsstrafen oder Abschiebungshaft geht, steht also nicht in den berichteten Zahlen. Nockemann spricht von einer Bankrotterklärung und fordert eine Fahndungsoffensive gegen Gewalt- und Sexualstraftäter; dass die Gesuchten überwiegend solche Täter wären, ist mit der Senatsantwort nicht belegt.
Ein offener Haftbefehl gegen jemanden, dessen Aufenthalt unbekannt ist, sagt deshalb viel über Untertauchen, Ausreise oder Abschiebung und wenig über die Kriminalität in der Stadt. Für die Bundesebene gilt dasselbe, und das haben wir dort im Detail geprüft: Bei NIUS' Meldung zu 148.000 offenen Haftbefehlen zeigt die Antwort der Bundesregierung, dass der Stichtagsbestand eine Momentaufnahme ist, auch Haftbefehle gegen bereits Abgeschobene weiterzählen können und der Anteil der Deutschen bei den Neuausschreibungen mit rund 39 Prozent deutlich höher liegt als im Bestand. Ob das in Hamburg genauso ist, geben die berichteten Zahlen nicht her, die bundesweiten Befunde lassen sich nicht einfach übertragen. Die bundesweiten 87,3 Prozent (ohne deutschen Pass, Doppelstaatler zählen nicht dazu) und die Hamburger 92,3 Prozent (ausschließlich ausländisch, ohne Staatenlose und Ungeklärte) sind unterschiedlich abgegrenzt und lassen sich deshalb nicht direkt vergleichen.
Grundsicherung. Der Schlussteil des Textes, ein offener Haftbefehl beende den Anspruch auf Grundsicherung nicht automatisch, weil Jobcenter keine Daten dazu erhielten, betrifft Bundesrecht und lässt sich aus den Hamburger Zahlen weder stützen noch widerlegen. Zu der Rechnung, die Tichys Einblick dazu bereits anstellte, siehe unsere Prüfung von Tichys Rechnung zur Grundsicherung trotz Haftbefehl.
Fazit
Die Angabe ist teils richtig, aber unvollständig. Dass rund 92 Prozent der in Hamburg per Haftbefehl gesuchten Personen ausschließlich eine ausländische Staatsangehörigkeit haben, entspricht den berichteten Zahlen der Senatsantwort. Die Überschrift verwechselt allerdings Haftbefehle (5.130) mit Personen (4.827), und die Teilgruppen aus der Senatsantwort ergeben zusammen mehr als die Gesamtzahl, sodass der Anteil je nach Lesart zwischen 89,7 und 92,3 Prozent liegt. Dieser Widerspruch stammt aus der Senatsantwort oder ihrer Wiedergabe, nicht von Tichy. Gesucht wird, wer unter bekannten Anschriften nicht auffindbar ist, und oft ist unklar, ob die Person noch in Deutschland ist; die Art der Haftbefehle nennen die berichteten Zahlen nicht. Ob die Gesuchten überwiegend Gewalttäter sind oder wie viele sich noch in Hamburg aufhalten, sagt die Zahl nicht, und sie taugt deshalb nicht als Beleg für die Kriminalitätsstruktur in der Stadt.
