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Stand: 30.08.2026

Tichy: Hunderte Millionen für den UN-Migrationspakt

Irreführend

Link Beschreibung

Beitrag von Matthias Nikolaidis bei Tichys Einblick vom 29. August 2026. Der Text wertet die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Die "Alternative für Deutschland"-Fraktion aus und titelt, Deutschland zahle "hunderte Millionen" und bekomme nichts dafür. Die Kleine Anfrage (Drucksache 21/6760, Antwort 21/7343) trägt den Titel "Deutschlands Rolle in den Vereinten Nationen" und ist damit deutlich breiter als der Globale Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration (GCM), um den es dem Artikel geht: GCM und die Internationale Organisation für Migration (IOM) sind darin nur die Fragen 21 bis 25 von deutlich mehr Fragen zur deutschen UN-Politik. Das schwächt den Befund dieses Faktenchecks nicht, sondern stützt ihn: Weil die Antwort die deutsche UN-Politik insgesamt abdeckt, stehen darin die allgemeine IOM-Förderung (Frage 24, Projekte ab 2016) und die GCM-spezifische Förderung (Fragen 21 und 22) nebeneinander, ohne dass die Drucksache selbst beide gleichsetzt.

Für die Förderung des Migrationspakts selbst nennt der Text nur einen kleinen Betrag: Das Auswärtige Amt habe "in den letzten sieben Jahren bis zu 2,5 Millionen Euro" an den Migration Multi-Partner Trust Fund überwiesen, auf dessen Geberliste stehe Deutschland mit 19,6 Millionen Dollar (rund 16,8 Millionen Euro) an der Spitze, vor den USA mit zehn Millionen Dollar. Die "hunderte Millionen" der Überschrift stammen aus einem zweiten, umfangreicheren Teil des Artikels: einer langen Liste einzelner Projekte, die Deutschland über die Internationale Organisation für Migration (IOM) finanziert, etwa den Wiederaufbau im Irak, Wohnraum für Binnenvertriebene in der Ukraine oder die Reintegration von Ex-Kombattanten in Äthiopien. Diese Beträge liegen im zweistelligen und teils hohen zweistelligen Millionenbereich pro Projekt.

Der zweite Strang des Beitrags ist der Vorwurf, die geförderte Migration verlaufe ausschließlich vom globalen Süden nach Europa und Nordamerika, und "Rückführungsprojekte" im Rahmen der UNO oder der IOM kenne die Bundesregierung keine.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die konkrete Zahl zum Migrationspakt-Fonds ist zutreffend recherchiert. Im aktuellen Finanzbericht des UNDP führt Deutschland die Geberliste des Fonds mit 19.569.911,72 US-Dollar an, vor Großbritannien (11,3 Millionen Dollar) und den USA (10 Millionen Dollar) Migration Multi-Partner Trust Fund: Financial Report 2025, Sources and Uses of Funds (Stand 31. Dezember 2025). Aus allen Geberländern zusammen kommt der Fonds aber nur auf rund 68,3 Millionen Dollar, weit entfernt von "hunderten Millionen".

Auch die zugrunde liegende Antwort der Bundesregierung, Bundestagsdrucksache 21/7343 vom 24. Juli 2026, stützt diese Größenordnung. Sie korrigiert den Artikel dabei nach oben: Allein das Auswärtige Amt zahlte zwischen 2019 und 2023 in Summe rund 8,5 Millionen Euro in den Fonds ein, nicht "bis zu 2,5 Millionen Euro in sieben Jahren", 2,5 Millionen war der höchste einzelne Jahresbeitrag. Zusammen mit Beiträgen von Entwicklungsministerium und Innenministerium beziffert die Bundesregierung die Gesamtförderung des Fonds seit 2019 auf 15,25 Millionen Euro. Hinzu kommt eine Zahl, die der Artikel nicht erwähnt: Das Entwicklungsministerium unterstützt die Umsetzung des Migrationspakts zusätzlich über das "Globalvorhaben Migration entwicklungspolitisch gestalten" mit 47,7 Millionen Euro. Selbst mit dieser größten, im Text fehlenden Summe liegt die direkte Förderung des Migrationspakts bei rund 63 Millionen Euro, eine Größenordnung unter der Überschrift.

Die Liste der größeren Einzelprojekte, mit der der Artikel die "hunderten Millionen" begründet, beantwortet in der Bundestagsantwort eine andere Frage als die nach dem Migrationspakt: Sie erfasst allgemein, welche von der IOM umgesetzten oder mitgetragenen Projekte Deutschland seit 2016 finanziert hat, unabhängig davon, ob sie dem Migrationspakt von 2018 zuzurechnen sind. Darunter fallen etwa mehrere Phasen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus im Irak, die in Summe deutlich über die im Artikel genannten 60 Millionen Euro hinausgehen, sowie mehrere separate Ukraine-Projekte zu Wohnraum und wirtschaftlicher Integration. Der Artikel stellt diese allgemeine IOM-Förderung und die spezifische Migrationspakt-Förderung nebeneinander, ohne den Unterschied zu benennen, und erweckt so den Eindruck, die gesamte Liste sei Geld für den Pakt.

Die Aussage, "Rückführungsprojekte" kenne die Bundesregierung keine, zitiert die Antwort korrekt. Auf die Frage, wie viele Migranten seit 2014 über IOM-Projekte aus Deutschland zurückgeführt wurden, antwortet die Bundesregierung wörtlich: "Projekte zu Rückführungen im Sinne der Fragestellung sind der Bundesregierung nicht bekannt." Dagegen spricht, dass dieselbe Anlage, aus der der Artikel seine Projektbeispiele zieht, zwei etablierte deutsche Rückkehrprogramme auflistet, die der Text nicht erwähnt: REAG/GARP mit rund 131,3 Millionen US-Dollar (in der Anlage bis 2023 beziffert) und StarthilfePlus mit rund 100,7 Millionen US-Dollar (seit 2017, ohne Enddatum). Beide werden vom Bund finanziert und über die IOM abgewickelt, sie unterstützen ausreisepflichtige und aussichtslos Asylsuchende bei der freiwilligen Rückkehr und Reintegration im Herkunftsland, siehe die Beschreibungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zu REAG/GARP und zu StarthilfePlus. Dass die Bundesregierung eine Frage zu statistischen Rückführungsprojekten nicht bejahen kann, ist damit etwas anderes als das Fehlen von Rückkehrprogrammen.

Fazit

Die Überschrift ist irreführend. Sie nennt mit den 19,6 Millionen Dollar für den Migrationspakt-Fonds eine korrekt recherchierte Zahl, hängt daran aber eine viel größere Summe aus einer anderen, allgemeineren Kategorie deutscher IOM-Förderung an, die mit dem Migrationspakt nicht identisch ist. Die tatsächliche Migrationspakt-Förderung liegt nach der eigenen Quelle des Artikels bei rund 63 Millionen Euro, nicht bei hunderten Millionen. Auch die Aussage zu fehlenden Rückführungsprojekten blendet aus, dass dieselbe Bundestagsantwort zwei große deutsche Rückkehrprogramme dokumentiert.