Link Beschreibung
Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 23. Oktober 2026 zu ihrer Großen Anfrage über eine mögliche Beeinflussung von regionalem Wetter und Klima durch Windkraftanlagen. Die Fraktion beruft sich auf Arbeiten aus den USA und China. Ingo Hahn spricht von einer "gravierenden Forschungslücke in Deutschland und ganz Europa". Die Pressemitteilung nennt keine einzige Studie, die Anfrage selbst schon.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Wer was sagt. Die Pressemitteilung enthält drei Zitate. Die Sprecherin der Fraktion im Forschungsausschuss, im Text nicht namentlich genannt (die Seite führt Nicole Höchst unter den Autoren), spricht von "besorgniserregenden Arbeiten aus den USA und China, die einen sehr plausiblen Zusammenhang" belegten. Hahn liefert den Satz von der "gravierenden Forschungslücke". Michael Blos fordert einen "sofortigen Ausbaustopp" an Land und auf See, falls sich die Befürchtungen erhärten. Die Pressemitteilung verlinkt die Große Anfrage 21/8489 vom 12. Oktober 2026.
Die Anfrage widerlegt die Forschungslücke zum Teil selbst. In ihrer Vorbemerkung nennt die Fraktion Forschung aus Deutschland und Europa. Das vom Bund geförderte Verbundprojekt WIPAFF hat den Nachlauf von Offshore-Windparks in der Nordsee untersucht. Laut Projektseite der Universität Tübingen erholt sich der Wind je nach Wetterlage erst 10 bis 100 Kilometer hinter einem Windpark. Die Forschenden schließen dort ausdrücklich nicht aus, dass sich das lokale Klima verändert. Dazu kommen das Projekt EuroWindWakes zu Nachlaufeffekten in der Nordsee und eine Modellstudie von Hereon. Sie kommt zum Ergebnis, dass geplante Offshore-Windparks in der Nordsee die bodennahe Atmosphäre beeinflussen: Der Wind ist stromabwärts etwa 1 Meter pro Sekunde schwächer, die Niederschlagsmenge über den Windparkflächen liegt etwa 5 Prozent höher, und die Luftschichten unterhalb der Nabenhöhe erwärmen sich leicht (Akhtar et al. 2022, Scientific Reports). Die Autoren halten diese Erwärmung für viel kleiner als die natürliche Schwankung von Jahr zu Jahr.
Auch die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages haben das Thema schon 2020 aufgearbeitet (Lokale mikroklimatische Effekte durch Windkrafträder, WD 8 - 3000 - 083/20). Das Thema ist also bekannt und wird erforscht. Richtig bleibt ein Teil der Aussage: Die Anfrage selbst schreibt, für den Ausbau im Binnenland fehle bis heute eine vergleichbare Messkampagne wie bei WIPAFF. Dass es dazu in Deutschland kaum eigene Messungen gibt, lässt sich nach den vorliegenden Unterlagen nicht widerlegen. Von einer Lücke "in Deutschland und ganz Europa" insgesamt kann nach den eigenen Angaben der Fraktion aber keine Rede sein.
Was die US-Studie tatsächlich zeigt. Die Fraktion hebt die Arbeit von Miller und Keith (2018, Zeitschrift Joule) hervor. Nach der Zusammenfassung der Wissenschaftlichen Dienste ergibt deren Modell eine Erwärmung der Oberflächentemperatur in den USA um 0,24 °C, wenn der gesamte US-Strombedarf mit Windkraft gedeckt würde. Das wäre eine knapp 14-fache Steigerung der damaligen Windstromerzeugung. Nach dieser Darstellung entsteht die Erwärmung teilweise durch Wärmeverteilung bei der Durchmischung der Grenzschicht. Fachleute, die die Wissenschaftlichen Dienste dazu zitieren, ordnen den Effekt ein: John Shepherd (Universität Southampton) sieht ihn als recht gering und hauptsächlich nachts auftretend, die Wärme werde umverteilt und nicht zusätzlich erzeugt. Judith Wolf (National Oceanography Centre) spricht ebenfalls von einem vornehmlich nächtlichen Effekt. Zu Niederschlag stellen Miller und Keith fest, die Veränderungen seien gering und es lasse sich keine klare räumliche Korrelation belegen. Außerdem raten sie nach dieser Darstellung davon ab, die Ergebnisse auf andere Weltregionen wie Europa zu übertragen. Von einem "sehr plausiblen Zusammenhang" mit regionalem Wetter und Niederschlag, wie die Sprecherin es formuliert, ist die Studie damit weit entfernt. Die Originalarbeit ist derzeit nicht einsehbar, die Angaben stützen sich auf die Darstellung der Wissenschaftlichen Dienste. Die chinesische Studie (Huang et al. 2019) ist ebenfalls nicht einsehbar und wird hier nicht bewertet.
Von nächtlicher Erwärmung zur Dürre. Die Wissenschaftlichen Dienste halten fest, dass es im Umfeld von Windkraftanlagen nachts zu Temperaturerhöhungen in den unteren Luftschichten kommt. Das sei ein mikroklimatischer Effekt, "aber noch keine Dürre". Die Annahme eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Windkraftanlagen und Dürre sei "nicht sofort naheliegend", zumal sich Windparkdichte und Trockenheit in anderen Ländern Europas nicht durchgängig decken. Die Dürremuster, die die Anfrage anführt (die am stärksten betroffenen Bundesländer lägen im Lee der norddeutschen Anlagen), legen nach ihren eigenen Worten "zumindest eine Korrelation" nahe. Eine Korrelation zweier Landkarten belegt keine Ursache. Die Wissenschaftlichen Dienste halten zudem fest, dass Wissenschaftler die Dürre in Deutschland auf den Klimawandel zurückführen.
Zu Blos. Die Forderung nach einem sofortigen Ausbaustopp ist eine politische Forderung unter einer Bedingung ("wenn sich die Befürchtungen erhärten"). Sie ist keine überprüfbare Tatsachenbehauptung. Die Anfrage selbst bezeichnet die Frage als "wissenschaftlich nicht abschließend geklärt".
Fazit
Die Aussage von Hahn ist irreführend. Dass lokale Effekte von Windparks auf Wind, Temperatur und Niederschlag erforscht werden und auch im Binnenland noch Messdaten fehlen, stimmt. Die behauptete "gravierende Forschungslücke in Deutschland und ganz Europa" gibt es so nicht, denn die Anfrage nennt selbst deutsche und europäische Projekte und Studien. Die zitierten US-Ergebnisse beschreiben vor allem eine geringe nächtliche Erwärmung unter sehr hohen Ausbau-Annahmen und keinen belegten Einfluss auf Niederschlag oder Dürre in Deutschland.
