Link Beschreibung
NIUS verleiht jeden Freitag die "Goldene Wassermelone", einen selbst vergebenen Negativpreis in der Rubrik "Antisemit der Woche" für Personen, die NIUS als besonders auffällige Antisemiten einstuft. Diese Ausgabe geht an Emmanuel Macron, weil er in seiner UN-Rede gesagt habe, die Hamas sei im Westjordanland nie aktiv gewesen. Unsere Bewertung bezieht sich ausschließlich auf diesen Satz Macrons, nicht auf das Etikett selbst, das eine eigene Einschätzung von NIUS ist. Der Text ordnet den Satz zudem ein in NIUS' Kritik an Frankreichs Anerkennung des Staates Palästina als vermeintliche "Belohnung für den Terror", an Macrons Fernbleiben vom Pariser Marsch gegen Antisemitismus 2023 und an ein Zitat Macrons nach der Explosion israelischer Pager in Reihen der Hisbollah 2024. Die Klarstellung nach der Rede schreibt NIUS dem französischen Außenministerium zu. Die Jerusalem Post spricht von einer französischen diplomatischen Quelle, franceinfo vom Umfeld des Präsidenten.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Der zitierte Satz stammt tatsächlich von Macron. In seiner Rede vor der UN-Generalversammlung am 22. September 2026 sagte der französische Präsident wörtlich: "Le Hamas n'a jamais sévi en Cisjordanie", nachdem er zuvor "tägliche Verstöße" im Westjordanland beklagt hatte. Das dokumentiert France Télévisions: "Le Hamas n'a jamais sévi en Cisjordanie": polémique autour du discours d'Emmanuel Macron à l'ONU mit dem genauen Wortlaut. Mit "Hamas has never been particularly active in the West Bank" übersetzte etwa die Jerusalem Post: "So-called peace in Gaza is a spectacle" should "shame us all," Macron claims in UNGA speech die Aussage. NIUS' deutsche Fassung "Hamas war nie in der Westbank aktiv" liegt nah an dieser englischen Übersetzung, die Zuschreibung an Macron ist also zutreffend.
Nach heftiger Kritik meldete sich eine französische diplomatische Quelle bei der Jerusalem Post: Macron's Hamas West Bank comments were mistranslated, French source says: Die Übersetzung mit "nie aktiv" beruhe auf einem Übersetzungsfehler, gemeint gewesen sei, die Hamas habe das Westjordanland nie regiert. Aus dem Umfeld des Präsidenten hieß es dazu gegenüber France Télévisions: "Le Hamas n'a jamais sévi en Cisjordanie": polémique autour du discours d'Emmanuel Macron à l'ONU, Macron habe das Verb "sévir" im Sinne von "diriger" (regieren) gebraucht, und es sei "indigne" (unwürdig), Frankreich vorzuwerfen, Terroranschläge im Westjordanland zu leugnen oder zu vergessen. Öffentlich widersprach dieser Lesart der israelische Botschafter in Frankreich, Joshua Zarca, laut demselben franceinfo-Bericht: Er habe im Larousse nachgeschlagen, "sévir" bedeute eindeutig "nuire" (Schaden anrichten), und wundere sich, dass der Präsident einen solchen Fehler im Französischen mache. Auffällig auch, ebenfalls laut franceinfo: In dem Ausschnitt der Rede, den Macron selbst auf seinem persönlichen Account bei X veröffentlichte, fehlte genau dieser Satz.
Unabhängig von der Übersetzungsdebatte ist die inhaltliche Behauptung nicht haltbar. Die Ende 1987 im Gazastreifen gegründete Hamas ist seit Jahrzehnten auch im Westjordanland aktiv, wie eine ausführliche Chronik von Ynet: Macron says Hamas was "never active" in West Bank. Nearly 40 years of terror campaign say otherwise zeigt: Sie verübte 1993 an der Mehola-Kreuzung im Jordantal ihren allerersten Selbstmordanschlag. 1996 tötete sie bei einer Anschlagsserie in Jerusalem, Tel Aviv und Aschkelon 59 Menschen, während der Zweiten Intifada dann beim Anschlag auf das Park Hotel in Netanya 30 weitere. Diese Anschlagsorte liegen in Israel, doch laut Ynet wurde die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland während der Zweiten Intifada zu einem zentralen Baustein ihrer Terrorkampagne. Im Westjordanland selbst kommandierte 2014 der Hamas-Mann Marwan Qawasmeh die Entführung der drei israelischen Jugendlichen Naftali Fraenkel, Gilad Schaar und Eyal Yifrach in Gusch Etzion.
Auch unmittelbar vor der Rede gab es Hamas-Aktivität im Westjordanland: Am 8. September 2026 meldete der Inlandsgeheimdienst Shin Bet die Zerschlagung eines nach eigenen Angaben "bedeutenden und umfangreichen" Terrornetzwerks im Westjordanland und in Jerusalem. Zwei der fünf in Jerusalem angeklagten Verdächtigen gehörten laut Shin Bet der Hamas-nahen Gruppe Shabab al-Aqsa an, insgesamt wurden mehr als 30 Verdächtige festgenommen (Times of Israel: Shin Bet says it foiled "significant" terror network in West Bank, Jerusalem). Zwei Tage vor der Rede, am 20. September 2026, wurde der französisch-israelische Staatsbürger Netanel Chkroun bei einer Schießerei nahe der Siedlung Neve Tzuf getötet, der Täter Qadri Samara wurde laut Ynet als Hamas-Mann identifiziert. In einer eigenen Erklärung begrüßte die Hamas die "heldenhafte Schussoperation", ausgeführt von "einem der Helden unseres Volkes" (Jerusalem Post: Israeli, identified as Netanel Chkroun, killed in West Bank terrorist attack).
Bemerkenswert ist der Absender des Preises. NIUS verteilt jede Woche ein moralisches Urteil über andere, legt an die eigene Berichterstattung aber nicht denselben Maßstab an. Acht NIUS-Beiträge haben wir vor diesem geprüft und alle acht als irreführend bewertet. Darunter ist ein Bericht über ausländische Tatverdächtige in Bayern, der den Vorwurf eines AfD-Abgeordneten weitertrug, die Zahlen belegten eine versagende Rückführungspolitik, obwohl sich nach den von NIUS selbst genannten Angaben alle 88 Tatverdächtigen aus der Zuwanderer-Gruppe erlaubt in Deutschland aufhielten.
Fazit
Macrons Aussage, die Hamas habe im Westjordanland nie ihr Unwesen getrieben, ist falsch, und NIUS gibt den Satz im Kern zutreffend wieder: Die deutsche Fassung deckt sich mit der englischen Übersetzung der Jerusalem Post. Die nachträgliche Erklärung aus dem Umfeld des Élysée-Palasts, gemeint gewesen sei nur eine fehlende Regierungsgewalt der Hamas, überzeugt auch sprachlich nicht: Laut Larousse bedeutet "sévir" in dieser Verwendung "se manifester avec force, causer des ravages" (sich mit Kraft manifestieren, Verwüstungen anrichten), also wüten, nicht regieren. Nach der Lesart des Élysée hätte Macron nur gemeint, dass die Hamas das Westjordanland nicht regiert. Gesagt hat er aber etwas anderes, und an der gut dokumentierten Präsenz der Organisation dort, bis hin zu einem tödlichen Anschlag wenige Tage vor der Rede, ändert die nachträgliche Umdeutung nichts.
