Link Beschreibung
Ulf Poschardt schreibt am 2. Oktober 2026 in der Welt unter dem Titel "Muslimische Migration: Der große Austausch des Wahlvolks", die Berliner Wahl zeige, dass muslimische Migration "zum entscheidenden Machtfaktor linker Eroberungsstrategien geworden" sei. Der Text steht hinter der Bezahlschranke.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Der Volltext ist nicht frei zugänglich. Sichtbar sind Überschrift und Vorspann, den die Welt selbst so formuliert: "Die Wahl in Berlin zeigt: Muslimische Migration ist zum entscheidenden Machtfaktor linker Eroberungsstrategien geworden. Wie das endet, sieht man dieser Tage in Frankreich." Weitere Passagen gibt die Tageszeitung junge Welt in ihrem Kommentar "Neue alte Drohungen" aus der Ausgabe vom 6. Oktober 2026 wörtlich wieder. Danach schreibt Poschardt, "Der große Austausch" gelte "als zentrale rechte 'Verschwörungserzählung'", nach der die "weiße, christliche Mehrheitsbevölkerung durch gezielte nichtweiße und muslimische Zuwanderung ersetzt werden soll". Die Wahlergebnisse in Berlin, "und zwar nicht nur in Neukölln und Kreuzberg", zeigten, "dass muslimische Migration, wie auch schon in Schweden, England oder Frankreich, zum entscheidenden Machtfaktor linker Eroberungsstrategien geworden ist." Die Wirklichkeit sei komplizierter als die Erzählung vom "großen Austausch", liefere ihr aber bisweilen "verstörend ähnliche Bilder". Weil die Linke mehr Einbürgerungen und ein Wahlrecht für Ausländer wolle, so fasst die junge Welt das Argument zusammen, seien es "strategisch denkende Linke, die in den muslimischen Migranten ein noch zu paternalisierendes Wahlvolk erkennen". Wer den "großen Austausch" als "Verschwörungstheorie" wegwische, sei "bis auf die Knochen blamiert". Thilo Sarrazin würdige er mit den Worten "visionärer Gesellschaftskritiker". Alle Zitate in diesem Abschnitt außer Überschrift und Vorspann stammen aus zweiter Hand, der vollständige Welt-Text ist nicht frei einsehbar. Die junge Welt nennt als Überschrift "Die sehr neuen Mehrheiten für die Linken" und als Erscheinungstag den Montag, vermutlich ist das die Fassung der gedruckten Ausgabe. Sie ist eine marxistisch ausgerichtete Tageszeitung und wertet den Text scharf, ihre Wertungen werden hier nicht übernommen.
Ob es "Eroberungsstrategien" gibt und ob die Linke Muslime "paternalisieren" will, ist eine Deutung. Prüfbar ist die Tatsachenbehauptung dahinter, dass muslimische Wählerinnen und Wähler bei der Berlin-Wahl ausschlaggebend waren.
Die Linke kam bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 laut vorläufigem Ergebnis der Landeswahlleitung auf 25,7 Prozent der Zweitstimmen, die CDU auf 18,8 Prozent, die AfD auf 16,3 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 74,2 Prozent. Die Religion der Wählenden wird amtlich nicht erfasst. Daten gibt es nur aus der Nachwahlbefragung der Forschungsgruppe Wahlen: Nach Auswertung von katholisch.de wählten 51 Prozent der befragten Muslime die Linke, 36 Prozentpunkte mehr als bei der Wahl 2023. Konfessionslose gaben ihr zu 28 Prozent die Stimme, Katholiken zu 17 Prozent. Befragt wurden 17.460 Wählende, 8.784 von ihnen auch zur Religionszugehörigkeit. Wie viele davon Muslime waren, nennt die Auswertung nicht, die 51 Prozent stützen sich also auf eine Teilgruppe unbekannter Größe.
In Berlin leben mehr als 400.000 Muslime, Kinder und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit eingerechnet. Wählen durften nur Deutsche, insgesamt 2.487.318 Menschen. Den Anteil der Muslime an den Wahlberechtigten schätzt ein Berliner Imam auf mindestens acht Prozent, eine amtliche Zahl dazu gibt es nicht. Eine Überschlagsrechnung zeigt die Größenordnung. Gingen Muslime so häufig zur Wahl wie alle anderen, wären acht Prozent der rund 1,85 Millionen Wählenden etwa 150.000 Stimmen. Hätten sie wie der Durchschnitt gewählt, wären es rund 38.000 Linke-Stimmen weniger gewesen, etwa zwei Prozentpunkte. Der Abstand zur CDU beträgt 6,9 Punkte, der Zuwachs der Linken gegenüber 2023 13,4 Punkte. In Stimmen liegt die Linke rund 125.000 vor der CDU. Die Rechnung beruht auf der Schätzung des Imams, auf gleicher Wahlbeteiligung und auf der Annahme, dass der Durchschnitt die Vergleichsgröße ist. Sie ist keine Messung, spricht aber dagegen, dass muslimische Stimmen die Linke zur stärksten Partei gemacht haben. Ob sie in einzelnen Wahlkreisen oder für Mehrheiten im Abgeordnetenhaus den Ausschlag gaben, lässt sich aus diesen Daten nicht ablesen.
Richtig ist also, dass Muslime in Berlin deutlich überdurchschnittlich die Linke wählten. Nicht belegt ist, dass sie zum "entscheidenden Machtfaktor" wurden. Den größeren Teil ihres Ergebnisses holte die Linke bei anderen Gruppen, unter Konfessionslosen und, laut katholisch.de, auch bei jüngeren Christen, von denen etwa ein Drittel sie wählte. Der Vergleich mit Schweden, England und Frankreich und die Behauptungen über Frankreich, wo laut Poschardt ein "Mob aus Afrika und dem arabischen Raum" Schulen und Kirchen vandalisiere (zitiert nach junge Welt), sind hier nicht geprüft.
"Großer Austausch" bezeichnet nach dem Glossar des Verfassungsschutzes ein Narrativ der Neuen Rechten, das auf den französischen Autor Renaud Camus zurückgeht. Gemeint ist die Ersetzung der "autochthonen" Bevölkerung durch Zuwanderer, die in dieser Szene oft als gesteuerter Prozess verschwörungstheoretisch aufgeladen wird. Die Identitäre Bewegung verbreitet diese Ideologie. Zuwanderung und Einbürgerung verändern die Wählerschaft tatsächlich, das ist demografischer Wandel und für sich kein Plan. Der Begriff behauptet aber mehr, nämlich eine Absicht. Ein Beispiel dafür, wie die Erzählung im Netz mit erfundenen Zahlen unterfüttert wird, zeigt der Mimikama-Faktencheck zu einem Grok-Video über angeblichen Bevölkerungsaustausch. Poschardt selbst schreibt nach der Wiedergabe der jungen Welt, die Wirklichkeit sei komplizierter als die Erzählung. Er macht den Begriff aber zum Maßstab für die Berlin-Wahl und hält denen, die ihn als Verschwörungstheorie abtun, vor, "blamiert" zu sein. Schon die Überschrift ruft ihn auf.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Richtig ist, dass die Linke bei Muslimen in Berlin laut Nachwahlbefragung weit über ihrem Gesamtergebnis lag. Nicht belegt ist, dass diese Wählergruppe den Wahlsieg der Linken entschieden hat, und die verfügbaren Zahlen sprechen dagegen. Mit "Austausch" und "Eroberungsstrategien" verpackt der Titel einen begrenzten Befund in eine Bedeutung, die die Daten nicht tragen.
