Link Beschreibung
Der bei Europäisches Institut für Klima und Energie (EIKE) unter dem Namen Chris Frey veröffentlichte, von Christian Freuer übersetzte Beitrag vom 29. August 2026 überträgt einen Artikel von Kenneth Richard auf NoTricksZone vom 25. August 2026 ins Deutsche, der eine Arbeit von Peter Stallinga aus dem Jahr 2025 zusammenfasst. Die Überschrift behauptet, es gebe "keine experimentellen Belege für den CO2-Treibhauseffekt".
Der Text stützt sich auf drei Aussagen. Erstens sei die Rückkopplung bei zusätzlichem CO2 empirisch negativ, und zwar "um den Faktor 2", womit eine sich selbst verstärkende Erwärmung widerlegt sei. Zweitens sei der statistische Zusammenhang zwischen CO2 und Temperatur nicht konsistent: Im Paläoklima liege er bei rund 2000 ppm pro Kelvin, für die letzten 60 Jahre werde er auf 100 ppm pro Kelvin geschätzt, was gegen einen einzelnen dominanten Faktor spreche. Drittens reiche der Treibhauseffekt allein nicht aus, um die beobachteten Atmosphärendaten zu erklären.
Damit geht der Beitrag weiter als die übliche Abschwächung des Klimawandels: Bestritten wird nicht das Ausmaß der Erwärmung, sondern der Strahlungsantrieb selbst.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die zugrunde liegende Arbeit lässt sich eindeutig identifizieren: Peter Stallinga, "Feedback between Carbon Dioxide and Temperature in the Atmosphere", Atmospheric and Climate Sciences, Jahrgang 15, Ausgabe 2 (2025), Seiten 391 bis 401, DOI 10.4236/acs.2025.152020, veröffentlicht am 31. März 2025, Volltext bei Scientific Research Publishing. Peter Stallinga ist Physiker mit Fachgebiet Halbleiter- und Materialphysik, eine klimawissenschaftliche Ausbildung ist nicht belegt. Die Zeitschrift gehört zum Verlag Scientific Research Publishing (SCIRP), der auf Bealls Liste mutmaßlich räuberischer Verlage geführt wird. Die Zeitschrift selbst lieferte dafür 2012 ein dokumentiertes Beispiel: Die SCIRP-Zeitschrift Advances in Pure Mathematics nahm einen von der Software Mathgen zufällig erzeugten Fantasietext samt Überarbeitungswünschen an; zur Veröffentlichung kam es nicht, weil die fiktive Autorin unter anderem die verlangte Gebühr von 500 US-Dollar nicht zahlen wollte, siehe Harvey Mudd College: "Alumnus Spoofs Math Journal With Computer-Generated Paper". In der klimawissenschaftlichen Fachliteratur wird die Arbeit nicht zitiert.
Bereits die übernommene Überschrift ist eine Verschärfung des Originals: Stallingas eigener Wortlaut lautet, es gebe "no unequivocal experimental evidence" (Übersetzung: "keine eindeutigen experimentellen Belege") für den CO2-Treibhauseffekt. Auch die englische Überschrift von NoTricksZone hält diese Einschränkung noch fest: "There Exists No Unequivocal Experimental Evidence" (Übersetzung: "Es gibt keine eindeutigen experimentellen Belege"). Erst in der deutschen Überschrift bei EIKE fällt "eindeutig" weg, aus einer graduellen Einschränkung wird eine pauschale Verneinung. Diese Zuspitzung stammt damit von EIKE selbst, nicht von Stallinga und auch nicht von NoTricksZone.
Für den CO2-Treibhauseffekt selbst liegt eine lange Kette direkter experimenteller und beobachteter Belege vor. Bereits 1859 wies John Tyndall im Labor der Royal Institution mit einem selbstgebauten Spektrophotometer nach, dass Kohlendioxid und Wasserdampf Infrarotstrahlung absorbieren, während Sauerstoff und Stickstoff, die Hauptbestandteile der Luft, dafür durchlässig sind, siehe NASA Earth Observatory: "John Tyndall (1820-1893)". 1896 berechnete Svante Arrhenius auf dieser Grundlage erstmals quantitativ, wie stark eine Verdopplung der CO2-Konzentration die Erdoberfläche erwärmen würde, siehe Science History Institute: "Future Calculations". Doch auch außerhalb des Labors, direkt in der Atmosphäre, existieren Messungen. Satellitendaten aus den Jahren 1970 und 1997 zeigen eine Veränderung im Spektrum der von der Erde ins All abgestrahlten Wärmestrahlung, die zu einer Zunahme des Treibhauseffekts durch CO2, Methan, Ozon und Fluorchlorkohlenwasserstoffe passt, siehe Harries et al., 2001: "Increases in greenhouse forcing inferred from the outgoing longwave radiation spectra of the Earth in 1970 and 1997", Nature. Noch direkter maßen Feldman und Kollegen von 2000 bis 2010 an den beiden US-Messstationen Southern Great Plains und North Slope of Alaska mit bodengestützten Spektrometern fortlaufend die einfallende Infrarotstrahlung und wiesen einen Anstieg der CO2-Strahlungswirkung von 0,2 Watt pro Quadratmeter und Jahrzehnt nach, der sich dem im selben Zeitraum gemessenen CO2-Anstieg von 22 ppm zuordnen lässt, siehe Feldman et al., 2015: "Observational determination of surface radiative forcing by CO2 from 2000 to 2010", Nature. Genau die direkten, atmosphärischen Messungen, deren Fehlen die Überschrift suggeriert, liegen damit tatsächlich vor.
Stallingas eigene Arbeit widerspricht der zugespitzten Überschrift sogar an anderer Stelle selbst. Während der Text der Arbeit feststellt, es gebe "no unequivocal experimental evidence for the carbon-dioxide greenhouse effect" (Übersetzung: "keine eindeutigen experimentellen Belege für den CO2-Treibhauseffekt"), schreibt derselbe Autor im Fazit der Arbeit wörtlich: "This work does not argue against the prevailing anthropogenic global warming scenario; without claiming it to be true, it assumes that the greenhouse effect is correct" (Übersetzung: "Diese Arbeit argumentiert nicht gegen das vorherrschende Szenario der menschengemachten globalen Erwärmung; ohne zu behaupten, dass es zutrifft, geht sie davon aus, dass der Treibhauseffekt korrekt ist").
Die zweite Behauptung, die Rückkopplung von zugesetztem CO2 sei "um den Faktor 2" negativ, beruht auf einer Vermengung zweier unterschiedlicher Rückkopplungsarten. Stallinga berechnet den Wert ausschließlich aus der sogenannten luftgebundenen Fraktion, dem Anteil des menschengemachten CO2, der in der Atmosphäre verbleibt, während Ozean und Landvegetation den Rest aufnehmen, aktuell knapp die Hälfte. Diesen gesamten aufgenommenen Anteil rechnet er einer Rückkopplung von der Temperatur auf die CO2-Konzentration zu. Tatsächlich wird die Aufnahme von CO2 durch den Ozean aber vor allem durch das Konzentrationsgefälle selbst und die Chemie der Kohlensäure im Meerwasser gesteuert, den sogenannten Revelle-Faktor, nicht in erster Linie durch die Temperatur, siehe Wikipedia: Revelle Factor. Mit der in der Klimaforschung gemeinten Rückkopplung, also Wasserdampf-, Wolken- und Eis-Albedo-Effekten, die die Temperaturantwort auf eine Erwärmung verstärken oder dämpfen, hat diese Rechnung wenig zu tun. Der IPCC beziffert die Klimasensitivität, also die Erwärmung bei einer CO2-Verdopplung, mit einem besten Schätzwert von 3 Grad, siehe IPCC AR6, Arbeitsgruppe I, Kapitel 7. Ohne jede Rückkopplung, allein durch die reine Abstrahlungsphysik, läge die Erwärmung bei rund 1,2 Grad. Die Rückkopplungen im heutigen Klimasystem verstärken die CO2-Erwärmung damit in der Summe, statt sie zu halbieren.
Auch der dritte Punkt, der Vergleich von rund 100 ppm pro Kelvin in den vergangenen 60 Jahren mit angeblich 2000 ppm pro Kelvin im Paläoklima, verschweigt eine Einzelheit der eigenen Quelle. In Stallingas Arbeit trägt dieser Wert ein Minuszeichen, minus 2000 ppm pro Kelvin, und stammt aus einem der beiden Zeitfenster, zu denen der Autor selbst keine belastbare Korrelation findet, einer 630 Millionen Jahre umspannenden geologischen Zeitreihe, die er als "rather poor fits" (Übersetzung: "eher schlechte Anpassung") beschreibt. Über solch lange Zeiträume verändern sich neben CO2 auch die Kontinentanordnung, die Sonneneinstrahlung und die Verwitterungsraten, sodass eine einzelne statistische Steigung kaum interpretierbar ist. Für das Zeitfenster, das tatsächlich eine robuste positive Korrelation zeigt, die 800.000 Jahre umfassende Eisbohrkern-Zeitreihe, erklärt die Klimaforschung längst, warum sich der Zusammenhang von der Gegenwart unterscheidet: In den eiszeitlichen Zyklen löste zunächst eine geringe, orbital ausgelöste Erwärmung eine CO2-Freisetzung aus den Ozeanen aus, die die Erwärmung anschließend erheblich verstärkte. CO2 wirkte damals überwiegend als Verstärker eines anderen Antriebs, siehe Skeptical Science: "Shakun et al. Clarify the CO2-Temperature Lag". Heute, mit fossilen Emissionen als Quelle, ist CO2 selbst der primäre Antrieb. Unterschiedliche statistische Steigungen zwischen einem Zeitraum, in dem CO2 überwiegend Folge und Verstärker war, und einem Zeitraum, in dem CO2 überwiegend Ursache ist, widerlegen den Treibhauseffekt nicht, sie sind zu erwarten.
Der Beitrag folgt einem wiederkehrenden Muster: NoTricksZone greift eine Arbeit aus einer Zeitschrift mit laxer Begutachtung auf und verkürzt deren Ergebnis zu einer griffigen Schlagzeile, EIKE übersetzt diese anschließend ohne eigene Prüfung ins Deutsche. Dasselbe Muster zeigte sich bereits bei einer EIKE-Übernahme zu angeblicher CO2-Abkühlung über der Arktis wo die zitierte Originalstudie für die Arktis tatsächlich eine Erwärmung statt einer Abkühlung fand, sowie bei einer weiteren Übersetzung zur angeblichen zeitlichen Umkehr von Temperatur- und CO2-Anstieg.
Fazit
Die Behauptung ist falsch. Für den CO2-Treibhauseffekt liegen seit John Tyndalls Laborexperimenten von 1859 direkte experimentelle Belege vor, ergänzt durch satelliten- und bodengestützte Messungen der tatsächlichen Strahlungswirkung von CO2 in der Atmosphäre selbst. Schon die Überschrift lässt eine Einschränkung ("eindeutig") aus Stallingas eigenem Text weg, und dessen Fazit hält ausdrücklich fest, nicht gegen den Treibhauseffekt zu argumentieren. Die behauptete negative Rückkopplung beruht auf einer Verwechslung von CO2-Aufnahme durch den Ozean mit klimatischer Temperaturrückkopplung, und der Vergleich der ppm-pro-Kelvin-Werte übernimmt aus der eigenen Quelle nur die Größenordnung, nicht das Vorzeichen und die geringe statistische Belastbarkeit des zugrunde liegenden Zeitfensters.
