Link Beschreibung
Europäisches Institut für Klima und Energie (EIKE) veröffentlichte am 22. August 2026 eine von Chris Frey übersetzte Fassung eines Textes von Cap Allon (Electroverse). Grundlage ist eine Arbeit von Masaharu Nishioka, aus der abgeleitet wird, Änderungen der globalen Temperatur seien seit 1979 denen des CO2-Gehalts um vier bis fünf Monate vorausgegangen. Daraus folge, dass die Erwärmung den CO2-Anstieg verursacht und nicht umgekehrt.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die zugrundeliegende Arbeit ist auffindbar und wurde für diese Prüfung im Volltext gelesen: Masaharu Nishioka, "The Critical Role of Temperate Forests in the Modern Warming Period", Atmospheric and Climate Sciences 16 (2026), Heft 3, Seiten 658 bis 678, erschienen am 30. Juli 2026. Der Autor gibt keine Hochschule oder Forschungseinrichtung an, sondern führt sich als "Independent Researcher, Chicago" auf.
Die Zahlen im EIKE-Text geben die Arbeit korrekt wieder. Die Korrelation von r = 0,744 für den Zeitraum Juli 1979 bis Dezember 2023 steht dort ebenso wie die Zeitverzögerung von etwa vier Monaten und die Rechnung zum Kohlenstoffkreislauf. Und hier liegt bereits der Kern des Problems, denn in der Arbeit selbst steht sehr genau, worauf sich die Korrelation bezieht: auf die Zuwachsrate des CO2, nicht auf seinen Gehalt. Nishioka setzt die Temperaturanomalie gegen das, was die NOAA als "CO2 growth rate" veröffentlicht, also gegen die jährliche Veränderung. Der Titel der deutschen Fassung, "Erst stieg die Temperatur, dann der CO₂-Gehalt", verschiebt genau diesen Punkt und macht aus einer Aussage über Schwankungen eine über das Niveau.
Dass die Zuwachsrate mit der Temperatur schwankt, ist keine Entdeckung von Klimaskeptikern, sondern seit Langem Lehrbuchwissen. Weile Wang und Kolleginnen und Kollegen haben den Zusammenhang 2013 in den Proceedings of the National Academy of Sciences für die Jahre 1959 bis 2011 quantifiziert: Eine Temperaturanomalie von 1 °C in den Tropen geht mit einer Anomalie der CO2-Zuwachsrate von 3,5 ± 0,6 Petagramm Kohlenstoff pro Jahr einher. Als Ursache benennen sie heterotrophe Atmung und Nettoprimärproduktion in tropischen Ökosystemen, also genau den Mechanismus, den auch Nishioka beschreibt. In warmen El-Niño-Jahren geben Böden und Vegetation mehr CO2 ab und nehmen weniger auf, in kühlen La-Niña-Jahren umgekehrt. Diese Wippe erklärt, warum die Zuwachsrate von Jahr zu Jahr schwankt. Sie erklärt nicht, warum das Niveau überhaupt steigt.
Für diese Frage genügt eine Bilanz. Der Global Carbon Budget 2024 weist für 2023 aus: Menschliche Emissionen aus fossilen Quellen und Landnutzungsänderung zusammen 11,1 ± 0,9 Gigatonnen Kohlenstoff, davon blieben 5,9 ± 0,2 in der Atmosphäre, 2,9 ± 0,4 nahm der Ozean auf, 2,3 ± 1,0 die Landbiosphäre.
| Menschliche Emissionen | Verbleib in der Atmosphäre | Aufnahme durch den Ozean | Aufnahme an Land | |
|---|---|---|---|---|
| Gigatonnen Kohlenstoff je Jahr | 11,1 | 5,9 | 2,9 | 2,3 |
Die Natur nimmt also rund die Hälfte dessen auf, was Menschen zusätzlich freisetzen. Sie ist in der Summe eine Senke, keine Quelle. Wäre die Erwärmung der Treiber des Anstiegs, müsste das Gegenteil messbar sein: Die Atmosphäre müsste stärker zunehmen, als Menschen emittieren. Gemessen ist für 2023 genau das Gegenteil, und dieselbe Bilanz wird im Bericht durchgehend für den Zeitraum 1959 bis 2023 gerechnet, mit nach eigener Angabe nahezu ausgeglichener Gesamtbilanz.
Die Vier-Prozent-Rechnung aus der Arbeit macht denselben Fehler in anderer Form. Nishioka teilt die fossilen 7,8 Gigatonnen durch die Summe aus fossilen Emissionen, Atmung und Zersetzung sowie Ozean-Atmosphären-Austausch (7,8 plus 107,2 plus 79,2) und kommt so auf einen anthropogenen Anteil von vier Prozent. Verglichen werden dabei Bruttoflüsse mit einem Nettobeitrag. Atmung und Ozeanaustausch laufen in beide Richtungen und heben sich weitgehend auf; was ein Wald im Sommer abgibt, nimmt er über das Jahr im Wesentlichen wieder auf. Die fossile Verbrennung dagegen holt Kohlenstoff aus einem Speicher, der seit Jahrmillionen nicht am Kreislauf teilnimmt, und gibt ihn einseitig hinzu. Eine Badewanne mit kräftiger Umwälzpumpe und dünnem Zulauf läuft trotzdem über, weil nur der Zulauf Wasser hinzufügt. Wie viel die Pumpe bewegt, ändert daran nichts.
Zwei weitere Punkte der Arbeit gehören dazu, weil sie das Muster zeigen. Die dort genannte Verweildauer von rund vier Jahren ist die mittlere Aufenthaltsdauer eines einzelnen CO2-Moleküls, bevor es zwischen Atmosphäre, Ozean und Biosphäre wechselt. Wie lange eine zusätzlich eingebrachte Menge im System bleibt, ist eine andere Frage: Ein reger Austausch zwischen den Speichern sagt nichts darüber, wie schnell der Überschuss insgesamt wieder verschwindet. Und die Aussage, CO2 mache nur vier Prozent der Treibhausgase aus und der Rest sei Wasserdampf, blendet aus, dass der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre von der Temperatur abhängt und damit als Verstärker wirkt, nicht als unabhängiger Antrieb.
Fazit
Die Behauptung ist falsch. Die beobachtete Zeitverzögerung ist real, betrifft aber die zwischenjährliche Schwankung der CO2-Zuwachsrate und nicht den langfristigen Anstieg des CO2-Gehalts; sie ist seit Jahrzehnten beschrieben und als Folge von El Niño und La Niña erklärt. Für den Anstieg selbst entscheidet die Bilanz, und die ist eindeutig: Menschen setzen jährlich rund doppelt so viel Kohlenstoff frei, wie sich in der Atmosphäre ansammelt, während Ozean und Landbiosphäre den Rest aufnehmen. Eine Natur, die netto aufnimmt, kann den Anstieg nicht verursacht haben. Die Vier-Prozent-Rechnung stellt Bruttoflüsse eines Kreislaufs gegen eine einseitige Zugabe von außen und beantwortet die Frage deshalb nicht, die sie zu beantworten vorgibt.
