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Stand: 26.09.2026

Blos: Offshore-Windparks belasten die Meere

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 25. September 2026 zum Beitritt Deutschlands zum UN-Hochseeschutzabkommen. Michael Blos fordert, den Windkraftausbau sofort zu stoppen, und begründet das mit Mikroplastik-Abrieb von Rotoren, dem Eintrag von Bisphenol A und PFAS ins Meer sowie Quallen, die sich an den Fundamenten von Windkraftanlagen in der Ostsee massenhaft vermehren und die Fischbestände unter Druck setzen sollen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Zwei Zahlen in der Pressemitteilung sind zutreffend, auch wenn das Ausbauziel nicht von der EU stammt, wie Blos schreibt. Neun Regierungen, darunter Deutschland, haben auf dem Nordsee-Gipfel am 26. Januar 2026 in Hamburg bekräftigt, die Offshore-Windkraft in der Nordsee bis 2050 auf 300 Gigawatt auszubauen (Ørsted: Pressemitteilung zum Nordsee-Gipfel Hamburg (Januar 2026)), gegenüber aktuell rund 30 Gigawatt installierter Leistung in der gesamten Nordsee, verteilt auf 101 Windparks (Ember: Collaboration will strengthen North Sea power (15. Januar 2026)). Die von Michael Blos genannte aktuelle Zahl von 30 Gigawatt entspricht damit dem heutigen Ausbaustand. Auch die fünf Prozent Meeresnaturschutz-Anteil an den Auktionserlösen für Offshore-Flächen stehen so im § 58 Windenergie-auf-See-Gesetz, allerdings gilt seit einer Gesetzesänderung eine gemeinsame Obergrenze von 200 Millionen Euro pro Jahr für die Meeresnaturschutz- und die Fischereikomponente zusammen. Darüber hinausgehende Erlöse fließen für 2025 und 2026 stattdessen in den allgemeinen Bundeshaushalt. Der tatsächlich für Meeresnaturschutz verfügbare Betrag kann dadurch unter dem liegen, was fünf Prozent der Auktionserlöse ergäben (Bundestag: Offshore-Erlöse für Meeresschutz sollen in Stiftung fließen).

Die Umweltbehauptungen dagegen halten der Prüfung nur teilweise stand. Rotorblätter erodieren durch Regen, Hagel und Schnee bei Spitzengeschwindigkeiten von mehreren hundert Kilometern pro Stunde, das ist unbestritten. Wie groß der Materialverlust tatsächlich ist, hat die Deutsche Presse-Agentur mehrfach anhand aktueller Studien geprüft: Eine Studie der Technischen Universität Dänemark aus dem Jahr 2024 beziffert den Abrieb von Offshore-Rotorblättern auf 80 bis 1.000 Gramm pro Blatt und Jahr, macht bei drei Blättern also höchstens drei Kilogramm pro Anlage und Jahr. In derselben Größenordnung liegt das Positionspapier des Bundesverbands Windenergie vom August 2024, mit rund 2,7 Kilogramm pro Anlage und Jahr. Wie weit die in der Debatte kursierenden Schätzungen auseinanderliegen, hat Faktenfackel bereits am Beispiel eines Artikels von Tichys Einblick aufgeschlüsselt. Eine ältere, bewusst grobe Obergrenzen-Schätzung des Fraunhofer-Instituts für Windenergiesysteme, die die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags 2020 wiedergeben, kommt für alle rund 31.000 deutschen Windkraftanlagen (Stand 2019) auf höchstens 1.395 Tonnen Abrieb pro Jahr, rechnerisch rund 45 Kilogramm pro Anlage. Der tatsächliche Wert liegt laut derselben Ausarbeitung "mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich darunter". Zum Vergleich nennen die Wissenschaftlichen Dienste unter Berufung auf das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik einen jährlichen Reifenabrieb in Deutschland von gut 102.000 Tonnen, den von Schuhsohlen auf rund 9.000 Tonnen. Der Rotorblattabrieb bewegt sich damit selbst in dieser Obergrenzen-Schätzung in einer anderen Größenordnung als andere alltägliche Mikroplastikquellen, "intensiv" trifft die tatsächlichen Mengen nicht.

Auch bei Bisphenol A und PFAS geht die Pressemitteilung über die Beleglage hinaus. Bisphenol A ist in Rotorblättern als Ausgangsstoff des ausgehärteten Epoxidharzes chemisch gebunden, im fertigen Bauteil bleiben nur geringe Reste unreagierten BPA zurück. Eine von der Beratungsgesellschaft BIPRO im Auftrag des Herstellerverbands Epoxy Resin Committee erstellte Untersuchung stuft die während der Betriebsphase europaweit betriebener Rotorblätter freigesetzte Menge an unreagiertem BPA als vernachlässigbar ein. Die maximal 948 Kilogramm BPA, die diesem Worst-Case-Modell zufolge für alle europaweit verbauten Rotorblätter in die Umwelt gelangen könnten, ordnet die Untersuchung der Harzherstellung zu, nicht dem laufenden Betrieb; für die Entsorgung ausgedienter Blätter hält sie keine verlässliche Schätzung für möglich (Epoxy Resin Committee: Epoxidharze bei Windenergieanwendungen - Bewertung potenzieller BPA-Emissionen (Juli 2015)). Zu PFAS in Windkraftanlagen gibt es kaum belastbare Daten. Die Informationsseite energiewende.eu, die sich für die Energiewende einsetzt, ordnet ein, die Stoffe seien dort in Kunststoffe eingebaut und ließen sich aus Abriebpartikeln kaum herauslösen, anders als etwa in Feuerlöschschaum, wo sie teils gut wasserlöslich vorliegen. Messwerte nennt die Seite dafür nicht. Auf eine Anfrage über Frag den Staat erklärte das Umweltbundesamt im März 2024, es habe zum Thema Schadstoffe im Rotorblattabrieb "keine Informationen". Faktenfackel hat ähnliche PFAS-Behauptungen der AfD-Fraktion bereits im Detail geprüft: Mengenmäßig relevante PFAS-Eintragspfade liegen laut Umweltbundesamt in Feuerlöschschaum und Pestiziden, Windkraftanlagen tauchen in der Übersicht der Behörde nicht auf.

Bei den Quallen trifft der Kern der Behauptung eher zu, als es die vorherigen beiden Punkte vermuten lassen, allerdings mit wichtigen Einschränkungen. Eine Studie von Janßen, Augustin, Hinrichsen und Kube aus dem Jahr 2013 im Fachjournal Marine Pollution Bulletin untersuchte gezielt, wie sich das durch Windpark-Fundamente neu geschaffene Hartsubstrat auf die Ohrenqualle (Aurelia aurita) in der südwestlichen Ostsee auswirkt. Über zwei Jahre wurden Besiedlungsplatten ausgebracht und ein Ausbreitungsmodell erstellt; das Ergebnis: Künstliches Hartsubstrat wie Windpark-Fundamente hat das Potenzial, den Bestand der Ohrenqualle zu vergrößern, mit Verbreitung entlang der dänischen, deutschen und polnischen Küste (Abstract via Tethys-Datenbank, PNNL). Die Studie selbst nennt als daraus resultierende Nutzungskonflikte allerdings vor allem Energie und Tourismus, die Fischerei erwähnt der Abstract nicht. Eine Diplomarbeit von Sarah Baumann an der Universität Rostock aus dem Jahr 2010 zu Quallen an deutschen Ostseeküsten nennt künstliche Hartsubstrate wie Uferbefestigungen, Hafenanlagen und Offshore-Anlagen als begünstigenden Faktor, daneben die Überfischung, die natürliche Feinde und Nahrungskonkurrenten der Quallen dezimiert. Zugleich beschreibt sie Quallen als Nahrungskonkurrenten von Fischen, die Fischbestände zudem direkt schwächen können, weil sie Fischeier und -larven fressen (Sarah Baumann: Quallen an deutschen Ostseeküsten - Auftreten, Wahrnehmung, Konsequenzen, IKZM-Oder Berichte 59 (2010)). Der Mechanismus, den Blos beschreibt, ist in der Forschung also angelegt. Die Pressemitteilung macht daraus aber eine gesicherte Tatsache: Sie stellt die Windpark-Fundamente als Ursache einer "massenhaften" Vermehrung dar und behauptet einen Druck auf die Fischbestände, den keine der beiden Arbeiten für Ostsee-Windparks tatsächlich nachweist. Die Überfischung, die nach Baumann selbst zu mehr Quallen beiträgt, kommt in der Pressemitteilung nicht vor.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Die Zahlen zum Ausbauziel von 300 Gigawatt Offshore-Windkraft in der Nordsee bis 2050 und zum Fünf-Prozent-Anteil der Meeresnaturschutzkomponente an den Offshore-Auktionserlösen sind zutreffend, wenn auch bei Letzterem inzwischen durch eine gesetzliche Obergrenze relativiert. Die Umweltvorwürfe sind dagegen überzogen: Der Rotorblattabrieb bewegt sich selbst in einer groben Obergrenzen-Schätzung in einer deutlich kleineren Größenordnung als etwa der Reifenabrieb, "intensiv" beschreibt die tatsächlichen Mengen nicht. Für die BPA- und PFAS-Behauptung fehlt der Nachweis einer relevanten Freisetzung aus intakten Rotorblättern, während anerkannte PFAS-Hauptquellen wie Feuerlöschschaum unerwähnt bleiben. Beim Quallenbefund gibt es reale Forschung, nach der Windpark-Fundamente die Ohrenquallen-Population vergrößern können, und dass Quallen Fischbestände schwächen können, ist in der Literatur beschrieben. Einen gemessenen Druck windparkbedingter Quallen auf die Fischbestände der Ostsee belegt aber keine der zitierten Arbeiten.