Zur Quelle "Apollo News" springen
Dieser Inhalt wurde recherchiert, aber noch nicht final geprüft.
Stand: 17.08.2026

UN-Gedenken: Vorwurf gegen Baerbock wegen UNRWA-Lehrer

Irreführend

Link Beschreibung

Beitrag von Apollo News vom 16. August 2026. Unter Berufung auf einen Bericht der Bild-Zeitung heißt es, Annalena Baerbock habe als Präsidentin der UN-Generalversammlung bei einer Gedenkstunde für getötete UN-Mitarbeiter am 8. Juni 2026 auch eines "Hamas-Mörders" gedacht. Anlass ist ein Videozusammenschnitt, den die Organisation UN Watch am 14. August 2026 veröffentlichte und der sich auf den früheren UNRWA-Lehrer und Schulleiter Imad El Samhouri bezieht.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Gedenkstunde, auf die sich der Beitrag bezieht, hat Baerbock weder angesetzt noch ausgerichtet. Der UN-Generalsekretär lädt seit 2011 jedes Jahr zu dieser Sammelveranstaltung für die im Vorjahr im Dienst gestorbenen Mitarbeiter. Am 8. Juni 2026 wurden dort 136 Menschen geehrt, die 2025 ums Leben gekommen waren: 97 Zivilbedienstete und 39 uniformierte Polizei- und Militärangehörige aus 32 Ländern. 80 der Toten hatten für das Palästinenserhilfswerk UNRWA im Gazastreifen gearbeitet. Nach UN-Angaben starben dort mehr UN-Mitarbeiter als in jedem anderen Konflikt oder jeder anderen Katastrophe in der Geschichte der Organisation. UN News: More than half of staff who died in service worked in Gaza (8. Juni 2026)

Die Namen der Toten lasen nach UN-Angaben UN-Bedienstete vor, dazu spielte live eine Geige. Wer die Namen konkret vorlas, benennen weder UN News noch Bild namentlich: UN News spricht nur allgemein von "UN officials", Bild schreibt lediglich, die Namen seien einzeln verlesen worden. Guterres, Baerbock als Präsidentin der Generalversammlung und die damalige Präsidentin des Sicherheitsrats entzündeten gemeinsam eine Kerze als sogenannte "ewige Flamme" für alle 136 Genannten. Auch der Bericht der Bild-Zeitung, auf den sich Apollo News beruft, bestätigt, dass die Namen einzeln verlesen wurden, nennt aber keine Beteiligung Baerbocks an der Auswahl oder am Vorlesen selbst. Bild: Baerbock ehrte getöteten Hamas-Terroristen

Der Bericht hat einen echten Anlass. UN Watch veröffentlichte den Videozusammenschnitt am 14. August 2026 zusammen mit einem offenen Brief an Guterres und Baerbock, kurz danach erschien der Bild-Bericht. UN Watch: UN Leaders Lit an Eternal Flame for a Hamas Commander (14. August 2026) Am 16. August 2026 griffen neben Apollo News auch Tichys Einblick und die Schweizer Weltwoche den Fall auf. Tichys Einblick: UN-Gedenkstunde: Baerbock entzündet "ewige Flamme" - auch für einen Hamas-Kommandeur (16. August 2026)

Die Zuordnung El Samhouris zur Hamas beruht auf einem Video, das die Hamas selbst als "Märtyrer"-Bekenntnis veröffentlicht hat. Darin stellt er sich laut UN Watch als Feldkommandeur des Muhammad-al-Shamali-Bataillons der Kassam-Brigaden vor, posiert in Kampfmontur mit Waffen und ist beim Verlassen von Tunneln zu sehen. Eine von UN Watch und der Hamas unabhängige Bestätigung dieser Zuordnung liegt bislang nicht vor. UN Watch ist eine Genfer Organisation, die sich seit Jahren gezielt gegen die UNRWA positioniert; die Organisation fordert offen deren Auflösung ("UNRWA must be dissolved and replaced"). UN Watch: The Case Against UNRWA Das macht die Recherche nicht per se unglaubwürdig, muss bei der Einordnung aber mitgedacht werden. Die Schweizer Weltwoche merkt in ihrer eigenen Berichterstattung zum Fall ausdrücklich an, dass weitere Vorwürfe von UN Watch zu El Samhouris Aktivitäten als Schulleiter laut dem Bild-Bericht "nicht unabhängig belegt" seien. Das betrifft diese zusätzlichen Vorwürfe, nicht die Kassam-Zuordnung selbst, die auf dem Hamas-eigenen Video beruht. Weltwoche: Baerbock und Guterres ehren bei UN-Gedenkstunde 136 getötete Mitarbeiter

El Samhouri wird in keiner der vorliegenden Quellen mit den früheren UNRWA-Untersuchungen zu Terrorverbindungen von Mitarbeitern in Verbindung gebracht: 2024 hatte das UN-interne Kontrollbüro OIOS 19 Fälle im Zusammenhang mit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 geprüft, bei neun endete das Beschäftigungsverhältnis. UNRWA: Investigation completed - allegations on UNRWA staff participation in the 7 October attacks (5. August 2024) Auf dieselben Vorwürfe vom Januar 2024 ging eine zweite, davon unabhängige Prüfung zurück: Die von der UN eingesetzte Colonna-Kommission untersuchte die Neutralitätsmechanismen der UNRWA und empfahl bereits im April 2024 Reformen der Behörde. UN News: Independent review panel releases final report on UNRWA (22. April 2024) UN-Watch-Direktor Hillel Neuer erklärt laut Bild, El Samhouris Terrorverbindungen seien schon vor der Veröffentlichung im August 2026 öffentlich bekannt gewesen; er sei Teil eines Netzwerks von mehr als 400 UNRWA-Mitarbeitern mit Terror-Kontakten gewesen. Das ist eine Behauptung von UN Watch selbst, keine unabhängig bestätigte Tatsache.

Die Überschrift "Baerbock gedenkt Hamas-Mörder" suggeriert eine gezielte, von Baerbock selbst vorgenommene Ehrung. Belegt ist das nicht: Nach übereinstimmenden Berichten von UN News und Bild handelte es sich um eine institutionelle Sammelzeremonie mit einer aus den Todesfällen des Vorjahres zusammengestellten Namensliste, vorgelesen von UN-Bediensteten. Baerbock beteiligte sich gemeinsam mit Guterres und der damaligen Sicherheitsratspräsidentin am Entzünden der Flamme für alle 136 Genannten, nicht an einer individuellen Auswahl oder Würdigung El Samhouris. Der Begriff "Mörder" ist zudem eine eigene Zuspitzung von Apollo News: Weder das Hamas-Video noch die UN-Watch-Recherche belegen eine konkrete Tötungshandlung El Samhouris, sondern seine Rolle als Kämpfer und Kommandeur einer Terrororganisation.

In den vorliegenden Berichten wird keine Stellungnahme von Baerbock oder den Vereinten Nationen zu den Vorwürfen genannt; die Weltwoche vermerkt das ausdrücklich für den Bild-Bericht: "Eine Stellungnahme Baerbocks oder der Vereinten Nationen zu den aktuellen Vorwürfen wird im Bericht der Bild-Zeitung nicht genannt." Die UNRWA selbst kommt in keinem der beiden Berichte als angefragte Stelle vor.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Dass ein UNRWA-Mitarbeiter, der laut einem Hamas-eigenen Video als Feldkommandeur der Kassam-Brigaden auftrat, bei der jährlichen UN-Gedenkzeremonie für im Dienst gestorbene Mitarbeiter mit unter den 136 verlesenen Namen war, ist plausibel belegt und bislang unwidersprochen. Die Zuspitzung, Baerbock habe diesen Mann persönlich geehrt, blendet aber aus, dass es sich um eine aus den Todesfällen des Vorjahres zusammengestellte Sammelliste und eine gemeinsame Zeremonie mit UN-Generalsekretär und Sicherheitsratspräsidentin handelte. Baerbock nahm als eine von mehreren beteiligten Amtsträgern teil; an der Zusammenstellung der Namensliste war sie nach keiner der Quellen beteiligt, und wer die Namen vorlas, benennen die Quellen nicht.

Verwendungen

Weitere Quellenlinks